Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Überblick zum Krieg in der Ukraine

So könnte sich die russische Offensive entwickeln

Ein halb gesunkenes Schiff im Hafen von Mariupol - die Stadt wird seit Wochen heftig umkämpft.

Ein halb gesunkenes Schiff im Hafen von Mariupol - die Stadt wird seit Wochen heftig umkämpft.

New York. Russlands neue Großoffensive im Osten der Ukraine spiegelt Moskaus Wunsch wider, sein Schicksal auf dem Schlachtfeld nach sieben katastrophalen Wochen des Krieges zum Besseren zu wenden. Das russische Militär hat seine Angriffe auf ukrainische Positionen im industriellen Herzen der Ukraine, dem Donbass, intensiviert - ein Überblick was bisher geschah und wie sich die Offensive entwickeln könnte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle aktuellen News und Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine lesen Sie in unserem Liveblog. +++

Pannenreicher Start

Russische Streitkräfte drangen Tage nach dem Start der Invasion in die Ukraine vom 24. Februar schnell in die Vororte der Hauptstadt Kiew vor. Die Offensive wurde jedoch schnell durch den entschlossenen Widerstand der Ukrainer aufgehalten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das russische Militär verzeichnete heftige Verluste - sowohl unter den Soldaten, als auch bei der Ausrüstung. Die gescheiterte Kiew-Offensive stärkte die Moral der ukrainischen Truppen. Dem Land gelang es, weitreichende internationale Unterstützung zu mobilisieren und mehr Waffenlieferungen aus dem Westen sicherzustellen. Das steigerte die Kosten des Krieges für Moskau.

Der russische Präsident Wladimir Putin verlagerte den Fokus auf den Donbass, wo von Moskau unterstützte Separatisten seit 2014 gegen die Kräfte der ukrainischen Regierung kämpfen, nachdem Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte.

Nach dem Rückzug aus Kiew, Tschernihiw, Sumy und anderen Gebieten im Nordosten der Ukraine, wurden russische Truppen nach Belarus und in den Westen Russlands verlegt und für die neue Offensive neu aufgerüstet.

Erbitterter Widerstand: Russland stellt ukrainischen Kämpfern in Mariupol neues Ultimatum

Ein russisches Spezialkommando versucht nach Angaben der Separatisten das Gelände von Asowstal Industrial in Mariupol zu stürmen.

Putin übertrug General Alexander Dwornikow die Leitung des Kriegseinsatzes, der schon in Syrien die russischen Truppen befehligt hat, die gemeinsam mit der Armee von Präsident Baschar al-Assad ganze Städte mit zermürbenden Belagerungen, unaufhörlichem Artilleriebeschuss und krude gefertigten Fassbomben dem Erdboden gleichmachten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die neue Offensive

Vertreter der Ukraine sagten, der Vorstoß habe am Montag im Donbass begonnen. Russland versuche, entlang einer bogenförmigen Frontlinie vorzudringen, die auf einer Länge von mehr als 480 Kilometern vom Nordosten des Landes bis zum Südosten reicht.

Russland erklärte am Dienstag, es habe binnen 24 Stunden 60 ukrainische Militäreinrichtungen mit seinen Kampfflugzeugen angegriffen und 1260 mit der Artillerie. Zudem seien 1214 Truppenansammlungen attackiert worden. Die Angaben konnten nicht unabhängig bestätigt werden.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte, mit der Kampagne schaffe Russland die Voraussetzungen für eine breitere Offensive. Justin Crump, Verteidigungsberater vom Unternehmen Sibylline Ltd., sagte der Nachrichtenagentur AP, Russland eskaliere die Bombardements, scheine Teile des Territoriums einzunehmen und sich darauf zu konzentrieren, die fähigsten Streitkräfte der Ukraine im Donbass zu vernichten.

Der russische Schlachtplan

Ukrainische und westliche Experten erwarten, dass Russland versuchen wird, die ukrainischen Streitkräfte mit einer Zangenbewegung einzukreisen, indem es von Isjum im Norden und Mariupol im Süden vordringt. Sobald russische Kräfte das letzte verbliebene Widerstandsnest im Azovstal-Stahlwerk in Mariupol zerschlagen haben, erwarten sie, dass die dadurch frei werdenden russischen Kräfte dazu beitragen werden, dass die Offensive volle Fahrt aufnimmt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Einige sagen voraus, Russland könne auch versuchen, seine Kräfte nördlich der Krim zu nutzen, um zu versuchen, die Industriezentren Saporischschja und Dnipro am Fluss Dnjepr einzunehmen und damit die Ukraine faktisch zu halbieren.

Crump und andere Experten erklärten, dass den Ukrainern in den Schützengräben entlang der Kontaktlinie im Donbass Waffen und Vorräte ausgehen. Crump sagte, es sei Teil der russischen Strategie, die Ukraine ihre Waffen und Vorräte aufbrauchen zu lassen, damit weniger verfügbar sei, wenn die größeren Schläge begönnen.

Die Ukraine hat den Westen um Kampfflugzeuge, Langstrecken-Luftverteidigungssysteme, schwere Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge gebeten, um dem massiven Vorteil Russlands bei der Feuerkraft entgegenzuwirken. Westliche Verbündete haben ihre Waffenlieferungen verstärkt und damit begonnen, auch schwere Waffen bereitzustellen. Doch es könnte dauern, bis diese die ukrainischen Truppen erreichen, die zudem lernen müssen, die für sie ungewohnten Waffensysteme zu bedienen.

Herausforderungen für die Russen

Die russische Offensive wird wahrscheinlich vor den gleichen logistischen Herausforderungen stehen, denen die Truppen zum Beginn des Krieges begegnet sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Während des erfolglosen Versuchs, Kiew zu stürmen, wurden lange russische Militärkonvois entlang der Verkehrswege in die Hauptstadt zu leichten Zielen des ukrainischen Militärs. Im Osten könnte es ähnlich hart für die russischen Streitkräfte werden. Zudem könnte die Ankunft des Frühlings dafür sorgen, dass ukrainische Einheiten durch sprießendes Grün einen natürlichen Schutz für Guerilla-Angriffe erhalten.

Crump sagte, die Russen hätten anscheinend aus früheren Fehlern gelernt und versuchten, lange Versorgungslinien zu vermeiden. Sie versuchten auch, Vorräte und Material auf der Schiene statt in Lastwagen zu transportieren. Während das Gelände im Osten etwas flacher ist und den russischen Angreifern somit Vorteile bietet, stellte Crump fest, Regen habe die Bewegung im Gelände erschwert und das Manövrieren eingeschränkt. „Das macht es sehr schwer, unberechenbar zu sein und Panzer zu ihrem Vorteil einzusetzen“, sagte Crump. Zudem gebe es nach wie vor Probleme bei der Truppenmoral. Viele Einheiten seien mit wenig Training zusammengestellt worden.

Die Washingtoner Denkfabrik Institute for the Study of War erklärte, durch die hohe Konzentration von Artillerie und die hohe Zahl an Streitkräften sei es möglich, dass die Russen mehr Geländegewinne verzeichneten. Es sei aber unwahrscheinlich, dass die Offensive im Osten „dramatisch erfolgreicher als frühere große Offensiven um Kiew“ sein werde. Als Gründe wurden schlechte Koordination, Schwachpunkte beim Durchführen von grenzüberschreitenden Operationen und eine geringe Moral genannt.

Selenskyj in Videoansprache: „Schlacht von Donbass hat begonnen“

Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge hat am Montag der erwartete russische Angriff begonnen im Osten der Ukraine begonnen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein entscheidender Moment

Nach dem verpatzten Beginn braucht Putin dringend einen Sieg im Osten, um die Moral der russischen Truppen zu stärken und ein Ende der Kämpfe zu seinen Bedingungen auszuhandeln. Durch westliche Sanktionen gebeutelt, fehlen Russland die Finanzmittel für einen langen Kampf. Ein langwieriger Konflikt wird den ohnehin schon schweren wirtschaftlichen Schaden vervielfachen, soziale Spannungen befeuern und damit die Unterstützung für den Kurs des Kreml erodieren lassen.

Russland setzt bereits seine fähigsten Kampfeinheiten in der Ukraine ein. Fortgesetzte Kämpfe würden es wahrscheinlich zwingen, auch Reservisten zu mobilisieren und neue Wehrpflichtige in den Kampf zu schicken - dies wären Schritte, die zu breitem öffentlichem Unmut führen könnten.

Putin hofft wahrscheinlich, Kiew durch einen Erfolg im Osten zur Einwilligung in die wichtigsten Bedingungen des Kreml für ein Ende der Kämpfe zwingen zu können - die Anerkennung des Status der Krim und der Unabhängigkeit der östlichen Separatistengebiete, einschließlich Gebieten, die vor der russischen Invasion unter ukrainischer Kontrolle standen. „Ich denke, wir sind an diesem entscheidenden Punkt, an dem wir herausfinden, ob wir Frieden, eine Pause oder einen langwierigen Konflikt bekommen werden“, sagt Crump.

RND/AP

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen