Was machen 281 Tage Krieg mit Menschen?

Wunsch nach Selbstbehauptung: Wie der Krieg die Menschen in der Ukraine beeinflusst

Menschen warten in Kiew in einer Schlange, um Wasser zu holen. Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt greifen auf der Suche nach Wasser zu leeren Flaschen und drängen sich in Cafés, um Strom zu erhalten und sich aufzuwärmen.

Menschen warten in Kiew in einer Schlange, um Wasser zu holen. Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt greifen auf der Suche nach Wasser zu leeren Flaschen und drängen sich in Cafés, um Strom zu erhalten und sich aufzuwärmen.

Herr Hett, wie hat sich das gesellschaftliche Miteinander in der Ukraine im Kriegsverlauf verändert?

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Ukrainer berichten mir davon, dass die Gesellschaft zusammengewachsen ist: Mehr Rücksichtnahme, mehr wechselseitige Unterstützung. Leute, die in eigentlich anonymen Hochhäusern wohnen, lernen aufgrund der Probleme mit Strom- und Wasserversorgung auf einmal ihre Nachbarn kennen. Man hilft sich gegenseitig. Und anscheinend gibt es auch – trotz der gestiegenen Arbeitslosigkeit – weniger Kriminalität als vor dem Krieg.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Haben Sie den Eindruck, der nahe Winter, Kälte, Dunkelheit, Energieknappheit, führen zu mehr Verzweiflung oder gar Resignation?

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Die Situation macht vielen Menschen schon sehr zu schaffen. Jeder hat Bekannte oder Verwandte an der Front. Jetzt steht die dunkle Jahreszeit bevor, und alle erwarten, dass die Versorgungslage schwieriger wird, weil die russischen Angriffe nicht nachlassen werden. Nicht zuletzt deshalb überlegen viele, zumindest für die Dauer des Winters das Land zu verlassen. Da Männer unter 60 aufgrund des Kriegsrechtes das Land nicht verlassen dürfen, trifft dies hauptsächlich Frauen und Kinder. Aber Resignation begegnet mir nicht, eher eine kämpferische Grundhaltung.

Felix Hett (rechts) ist als Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Ukraine regelmäßig in Kiew.

Felix Hett (rechts) ist als Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Ukraine regelmäßig in Kiew.

Wer leidet Ihrer Meinung nach gegenwärtig am meisten unter den widrigen Bedingungen?

Die Situation ist besonders schwer für alte, alleinstehende Menschen, die jetzt tagelang in dunklen, kalten Wohnungen verbracht haben. Aber natürlich leiden auch die Kinder unter dem Krieg, selbst fernab der Front: Viele Schulen sind wieder zu einem teilweisen Onlineregime übergegangen, wenn z. B. die Luftschutzräume der Schulen nicht groß genug für alle Schüler sind. Also muss ein Teil zu Hause bleiben. In der Covid-Zeit haben wir ja auch in Deutschland gelernt, dass das schon ohne die psychischen Belastungen eines Krieges für viele Kinder ein großes Problem ist.

Wie begegnen die Menschen in Kiew Ausländern wie Ihnen?

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In der Regel sehr freundlich. Mein Eindruck ist, dass vielfach die Menschen überrascht sind, während des Krieges überhaupt Ausländer anzutreffen.

Welche Eigenschaften innerhalb der ukrainischen Gesellschaft, die jetzt den Kriegsalltag zu bewältigen helfen, überraschen Sie am meisten?

Die ukrainische Gesellschaft zeichnet sich besonders durch dezentrale Initiativen aus. Die Menschen zeigen, dass sie sich selbst helfen können – und entsprechen damit so gar nicht den Vorurteilen, die hin und wieder über Bürger der ehemaligen Sowjetunion kursieren. Die Ukraine macht ganz und gar nicht den Eindruck einer von Paternalismus und Passivität geprägten Gesellschaft.

Gibt es in der ukrainischen Gesellschaft eine so starke Friedenssehnsucht, dass einfache Leute auch zunehmend bereit sind, Kompromisse einzugehen – z. B. Land an Russland abzutreten?

Das würde ich nicht so sagen. Klar gibt es den Wunsch nach Frieden. Aber es gibt ebenfalls den Wunsch nach Selbstbehauptung, und die Einsicht, dass der Krieg lange dauern könnte. Es gibt auch eine erstaunlich hohe Bereitschaft, die damit verbundenen Kosten und Entbehrungen auf sich zu nehmen. Allerdings ist auch mein persönlicher Eindruck, dass das Reden oder laute Nachdenken über Kompromisse derzeit mit einem Tabu belegt ist.

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In Deutschland war man über den Schlagabtausch zwischen Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und Präsident Wolodymyr Selenskyj überrascht. Sehen Sie Spannungen innerhalb der ukrainischen Gesellschaft?

Die ukrainische Innenpolitik war bis zum Kriegsbeginn immer relativ konfliktreich. Das wird nun natürlich durch den Krieg überlagert, aber man kann schon davon ausgehen, dass die Konflikte nicht einfach verschwunden sind.

Welche Hinterlassenschaften wird dieser Krieg nach seinem hoffentlich baldigen Ende innerhalb der ukrainischen Gesellschaft hinterlassen?

Neben der zerstörten Infrastruktur natürlich viel Schmerz, Traumata und seelische Verletzungen. Die Reintegration der vielen Kriegsveteranen wird eine große Aufgabe sein, für die es aber jetzt schon in der Ukraine ein hohes Bewusstsein gibt. Schließlich wird im Donbass schon seit acht Jahren gekämpft und es gibt diverse Projekte, die sich um die Veteranen dieser einst sogenannten „Anti-Terror-Operation“ kümmern.

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