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Leben im hart umkämpften Charkiw

Deutschlehrerin in Charkiw: „Wir leben jetzt so intensiv wie nie zuvor“

Eine zerstörte Stadt: Das Zentrum von Charkiw sieht kaum irgendwo aus wie zuvor, berichtet Deutschlehrerin Byelashkova.

Eine zerstörte Stadt: Das Zentrum von Charkiw sieht kaum irgendwo aus wie zuvor, berichtet Deutschlehrerin Byelashkova.

Nach Angaben der ukrainischen Armee setzen russische Truppen ihre Offensive mit Luft­unterstützung und dem Einsatz von Hochpräzisions­waffen fort. Es werde „erbittert gekämpft, um ukrainische Städte von den russischen Besatzern zu befreien“. Regionen und Städte wurden nicht genannt. Nach ukrainischer Darstellung versucht die russische Seite, Kiew und Charkiw zu umzingeln. Die ukrainische Armee betont immer wieder, Angriffe würden zurück­geschlagen und den Gegnern Niederlagen zugefügt. Die Angaben beider Seiten sind nicht unabhängig zu prüfen.

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Verlässliche Informationen zum Krieg dürften dabei nun noch spärlicher werden. Denn in Reaktion auf ein neues Medien­gesetz in Russland stellen mehrere internationale Sender und Agenturen ihre Arbeit dort ganz oder teilweise ein, darunter CNN, die BBC, der kanadische Sender CBC und Bloomberg. Auch ARD und ZDF setzen die Bericht­erstattung aus ihren Moskauer Studios aus. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Freitag­abend mehrere Gesetze unterzeichnet, die für „Falsch­informationen“ über die russischen Streit­kräfte Haft­strafen androhen. Im ukrainischen Kriegs­gebiet wiederum sind Journalistinnen und Journalisten in Gefahr. Viele westliche Medien haben Kiew verlassen.

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Informationen, gerade aus der Ostukraine, kommen vermehrt aus der Bevölkerung. Viele zivile Ukrainerinnen und Ukrainer posten ihre Erlebnisse in den sozialen Medien. Sprechen bereitwillig mit Redaktionen aus der ganzen Welt über das Unheil, dass der russische Präsident Wladimir Putin über sie bringt. Eine von ihnen ist die Sprach­lehrerin Nataliya Byelashkova. Sie lebt mit ihrem Mann mitten in Charkiw. Vor Kurzem haben sie sich dort eine Eigentums­wohnung gekauft. Seit Januar wohnen sie nun in der Innenstadt, „unser Vermögen steckt hier drin“, sagt Byelashkova dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND): „Wir hatten geplant hier einen neuen Lebens­abschnitt anzufangen.“

Lehrerin berichtet: Fast alle Gebäude in Charkiw sind zerstört

Noch Mitte Januar sprach die Deutschlehrerin mit der „Zeit“ über die russischen Bewegungen an der Grenze zur Ostukraine. So schlimm wie 2014 werde es schon nicht werden, sie glaubte nicht, dass es wirklich einen Krieg geben werde. Es sollte ganz anders kommen.

Nataliya Byelashkova lebt seit Mitte Januar im Zentrum von Charkiw.

Nataliya Byelashkova lebt seit Mitte Januar im Zentrum von Charkiw.

„Fast alle Gebäude im Zentrum sind zerstört“, erzählt Byelashkova von ihrem letzten Gang durch die Straßen von Charkiw. Nur 40 Kilometer ist die bislang zweitgrößte Stadt der Ukraine von der russischen Grenze entfernt. Mittlerweile habe man gelernt am Geräusch zu unterscheiden, ob ein Flugzeug komme oder eine Rakete. „Dann wissen wir, wie viel Zeit wir haben. Je nachdem legen wir uns dann lieber schnell auf den Boden oder wir schaffen es in den Keller“, schildert Byelashkova ihren Alltag. „Es ist eine Katastrophe für die Stadt.“ Viele Menschen seien tot, viel mehr noch geflüchtet.

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Viele hätten vor Kriegs­beginn aufgehört, Nachrichten zu verfolgen. Die Menschen seinen müde gewesen vom Gerede über den möglichen Krieg, erzählt sie im Januar noch der „Zeit“. Am Tag des Angriffs, am frühen Morgen um 5 Uhr, „sind wir aus dem Bett gesprungen, weil wir Explosionen hörten – und der erste Gedanke war: ‚Es ist der Krieg, der uns schon seit Monaten versprochen wurde.‘ Wir konnten nicht glauben, dass das möglich ist“.

In den ruhigen Minuten des Krieges wird geduscht und gekocht

Trotz der mutwilligen Zerstörung von Charkiw durch die russische Armee laufe der Alltag noch einigermaßen nach Plan, berichtet Byelashkova dem RND. „Die Polizei funktioniert, die Müll­abfuhr funktioniert.“ Zwar gäbe es lange Schlangen vor den Geschäften, die noch nicht zerstört wurden. „Doch ist Charkiw noch recht gut versorgt.“ Die Selbst­organisation der Bewohner der Stadt sei hoch. „Viele Freiwillige helfen, wir haben Telefon­nummern, unter denen man Hilfe bekommt.“ Ob man die Polizei brauche, die Feuer­wehr, Lebens­mittel oder Medikamente, es werde allen geholfen. „Wir leben jetzt so intensiv wie nie zuvor.“

Bombardements auf Wohn­gebiete: Augen­zeugen berichten aus Charkiw

Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw wird seit Beginn der russischen Invasion besonders hart getroffen. Es sind Bilder von Zerstörung, Leid und Tod.

Man konzentriere sich auf die Basis­dinge zum Überleben. „Wir nutzen die ruhigen Minuten des Krieges, um uns schnell zu waschen, weil wir nicht wissen, wie lange das Wasser bleibt. Wir nutzen die Momente, um zu kochen, weil wir nicht wissen, ob wir in den nächsten zehn Tagen noch weiter kochen können.“ Stündlich tausche man sich mit Verwandten und Lieben aus. Byelashkovas Mutter lebt östlich von Charkiw.

Wir nutzen die ruhigen Minuten des Krieges, um uns schnell zu waschen, weil wir nicht wissen, wie lang das Wasser bleibt. Wir nutzen die Momente, um zu kochen, weil wir nicht wissen, ob wir in den nächsten zehn Tagen noch weiter kochen können.

Nataliya Byelashkova,

Deutschlehrerin aus Charkiw

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„Die Stadt ist schon von Putins Truppen besetzt.“ Auch deswegen ist die Sprach­lehrerin in Charkiw geblieben: „Ich wollte meine Mutter nicht im Stich lassen – und ehrlich gesagt hätten wir nie gedacht, dass es so schlimm werden könnte, wie es jetzt ist.

Auch viele andere seien in der Stadt geblieben und hofften auf die Einrichtung eines humanitären Korridors, über den man Charkiw verlassen kann, berichtet die Ukrainerin von Gesprächen im Bekannten- und Freundes­kreis. „Über diesen Korridor würde ich dann mit meiner Familie auch fliehen und dann zu meinem Sohn nach Deutschland gehen.“

Solch globale Fragen wie einen möglichen Einsatz von nuklearen Waffen stelle man sich „in der Ostukraine, mindestens in Charkiw, zur Zeit nicht“. Aktuell gehe es nur ums Überleben. „Die Lage ist schwer, und sie wird mit jedem Tag noch schlimmer.“

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