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Historische Verbundenheit

Warum Putin in Griechenland so viele Freunde hat

Der russische Machthaber Wladimir Putin.

Athen. In wohl keinem EU-Staat verehren so viele Menschen Wladimir Putin wie in Griechenland. Der Überfall auf die Ukraine hat der Freundschaft zu Russland, die viele in Hellas empfinden, offenbar keinen Abbruch getan. Die Zuneigung hat religiöse, historische und ideologische Wurzeln. „Mörder Putin“ stand auf den Plakaten, die Demonstranten kürzlich im nordgriechischen Thessaloniki hochhielten. Aber wenn es um Putin und seinen Krieg geht, ist das Land tief gespalten.

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Laut Umfragen meinen 65 Prozent der Griechinnen und Griechen, ihr Land müsse in dem Konflikt Neutralität wahren. 39 Prozent sagen, Griechenland solle sich an den Sanktionen der EU gegen Russland nicht beteiligen. 67 Prozent sind dagegen, dass Griechenland die Ukraine mit Waffenlieferungen unterstützt. Mehr als jeder dritte Befragte äußert sogar „Verständnis“ für die russische Invasion.

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Die Regierung des konservativen Premiers Kyriakos Mitsotakis unterstützt die Ukraine mit Waffen und humanitärer Hilfe. Mitsotakis erklärte: „Es kann keine Neutralität geben. Entweder man ist für den Frieden und das Völkerrecht, oder man ist dagegen.“

Aber wenn voraussichtlich am kommenden Donnerstag der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskj in einer Live-Schaltung aus Kiew zum griechischen Parlament spricht, werden wohl etliche Sitze leer bleiben. Die kommunistische Partei Griechenlands (KKE) hat bereits angekündigt, sie werde an der Sitzung nicht teilnehmen. Auch die Fraktion der linksgerichteten Partei Mera25 des früheren Finanzminister Yanis Varoufakis will bis auf einen Vertreter der Sitzung fernbleiben. Interessant wird sein, ob auch Abgeordnete des radikalen Linksbündnisses Syriza von Ex-Premier Alexis Tsipras die Sitzung boykottieren.

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Tsipras kommt, wie die Mehrzahl der führenden Syriza-Politiker, aus der stalinistischen griechischen KKE. Wenige Wochen nach der russischen Annexion der Krim reiste der damalige Oppositionsführer Tsipras im Mai 2014 nach Moskau und geißelte dort den „Neofaschismus“ in Kiew. Als Premier setzte Tsipras im Jahr darauf den Kuschelkurs mit Wladimir Putin fort. Als ersten ausländischen Diplomaten empfing er wenige Stunden nach seiner Vereidigung als Regierungschef den russischen Botschafter Andrej Maslow. Eines der ersten Glückwunschtelegramme kam von Putin.

Wenig später brachte Panos Kammenos, Tsipras‘ Koalitionspartner von den rechts-nationalistischen Unabhängigen Griechen, neuer Verteidigungsminister und ebenfalls bekennender Putin-Verehrer, die Option ins Spiel, Griechenland könne sich in Moskau Kredite besorgen und sich von den Finanzhilfen der EU abnabeln.

Als die griechische Finanzkrise im Sommer 2015 ihren Höhepunkt erreichte und Tsipras mit dem Austritt aus der Euro-Zone liebäugelte, soll er Putin gebeten haben, ihm beim Drucken neuer Drachmenscheine zu helfen. Der damalige französische Präsident François Hollande berichtet in einem Buch, Putin habe ihm in einem Telefonat davon erzählt. Tsipras dementiert die Episode.

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Der neue griechische Premier fuhr knapp drei Monate nach seiner Wahl nach Moskau. Putin erwiderte die Visite im Jahr darauf. Nach dem offiziellen Teil seines Staatsbesuchs machte der Kremlchef einen Abstecher auf den Heiligen Berg Athos, die Mönchsrepublik in Nordgriechenland. Anlass für die Pilgerfahrt war eine Feier zum 1000. Jahrestag der Ansiedlung russischer Mönche auf dem Athos.

Orthodoxe Religion verbindet

Die gemeinsame Religion ist im Verständnis vieler Griechinnen und Griechen ein starkes Band zwischen den beiden Ländern. Die orthodoxe Christianisierung Russlands im 10. Jahrhundert ging vom griechisch geprägten Byzanz aus. In Griechenland und Russland ist die orthodoxe Religion bis heute eine bedeutende Quelle des Nationalismus. Das erklärt die Russland-Affinität großer Teile der griechischen Rechten und des Klerus.

Die Zuneigung hat aber auch historische Wurzeln. Anfang des 19. Jahrhunderts stand das russische Zarenreich den Griechen bei ihrem Befreiungskampf gegen die osmanischen Besatzer bei. 1827, im sechsten Jahr des griechischen Aufstandes, brachten in der Seeschlacht von Navarino russischen Kriegsschiffe gemeinsam mit französischen und britischen Einheiten der türkische Flotte eine vernichtende Niederlage bei. Das war der Wendepunkt, der den Griechen die Unabhängigkeit sicherte. Russland hatte deshalb schon damals viele Anhänger in Griechenland. Von 1827 bis 1865 gab es sogar eine einflussreiche „Russische Partei“ als Sammelbecken konservativ-absolutistischer Kräfte.

2021 feierten beide Länder das „Jahr der Geschichte Griechenlands und Russlands“, in Erinnerung an den 100. Jahrestag der griechischen Revolution. Viele sehen deshalb noch heute Russland als natürlichen Verbündeten ihres Landes – auch wegen der historischen Rivalität der Russen mit der Türkei um die Kontrolle der Meerengen Bosporus und Dardanellen sowie die Einflusssphären in Mittelasien.

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Bei Linkspolitikern wie dem früheren Kommunisten Tsipras schwingt eine ideologische, antifaschistische Wahlverwandtschaft mit, die bis in die Ära des griechischen Bürgerkrieges 1946–49 zurückgeht. Damals kämpfte die vor allem von der KKE getragene linke Volksfront mit Unterstützung Albaniens, Jugoslawiens und der Sowjetunion für einen Anschluss Griechenlands an den Ostblock.

Jetzt stellt der Krieg die Russlandliebe vieler Griechen allerdings auf eine schwere Probe, denn in der Ukraine gibt es eine etwa 150.000 Menschen zählende ethnische griechische Minderheit. Die meisten leben in Mariupol und Odessa. Viele wurden bereits bei den russischen Angriffen getötet. Dennoch sind laut einer Umfrage nur 26 Prozent der Griechen dafür, der Ukraine aktiv zu helfen. 68 Prozent sind mit der Linie der Regierung in dem Konflikt unzufrieden. Unter ihnen dürften auch viele Anhänger der konservativen Regierungspartei Nea Dimokratia (ND) sein. Die ND unterhält seit 2011 eine Partnerschaft mit Putins Partei Einiges Russland.

Ukraine-Krieg: Dramatisches Ausmaß der Zerstörung in Mariupol

Seit dem Beginn der Belagerung Mariupols durch die russische Armee sind einem Sprecher des Bürgermeisters zufolge 5000 Menschen ums Leben gekommen.

Für Ministerpräsident Mitsotakis könnte die Russland-Nähe von Teilen seiner Partei zu einem Problem werden. In einem Jahr wird in Griechenland gewählt. Der Premier will dennoch an seiner Politik festhalten. Griechenland stehe in diesem Konflikt „auf der richtigen Seite der Geschichte“, sagt Mitsotakis.

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