Kreuzbergs große Corona-Party

  • Die Auswirkungen der Corona-Krise zeigen: Linke Kritik ist dringend nötig.
  • Was aber am 1. Mai in Kreuzberg passierte, ist das unverantwortliche Festhalten an einer sinnentleerten Tradition.
  • Tausende Berliner – und auch Polizisten – haben am Freitagabend jede Vernunft verloren, kommentiert RND-Reporter Jan Sternberg.
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1:35 min
Mehrere erste Festnahmen gab es am 1. Mai am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Dort hatten die Menschen gegen die Verordnungen zur Eindämmung des Coronavirus demonstriert.  © Reuters
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Berlin. In normalen Jahren sieht der 1. Mai in Kreuzberg so aus: Tausende säumen die Straßen, trinken Bier auf dem “Myfest” auf der Oranienstraße und gucken am Abend der “Revolutionären 1.-Mai-Demonstration” zu, die für etwas Feuerwerk und Aggression gut ist.

Dieses Jahr aber steht im Zeichen des Coronavirus. Das “Myfest” ist natürlich abgesagt. Und wie sieht der 1. Mai in Kreuzberg ansonsten aus? Tausende säumten die Straßen, tranken Bier aus dem Späti auf der Oranienstraße und guckten am Abend den Ersatzveranstaltungen zur “Revolutionären 1.-Mai-Demonstration” zu, die für etwas Feuerwerk und Aggression gut waren.

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Diese Ersatzveranstaltungen sollten dezentral, fließend und coronakonform sein, schrieben die Organisatoren im Vorfeld auf ihrer Website. Im Originalton: “Wir werden die gesamte Zeit verantwortungsvoll handeln, denn wir nehmen die Corona-Schutzmaßnahmen ernst.

Ein Hase-und-Igel-Spiel also. Nur gibt es in dem Spiel einen Hasen und zwei Igel, nicht 2000 Hasen (Demonstranten) und 4000 Igel (Polizisten), dazu Tausende als Publikum. Und von Vernunft war schnell auf keiner Seite mehr etwas zu erkennen. Die Demonstranten versuchten stets, sich zu größeren Gruppen zusammenzuschließen, die Polizei ging in den Nahkampf und griff hart zu, und die Zuschauer verstopften die engen Straßen.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) nannte das (abzüglich vermutlich seiner Polizisten) “die geballte Unvernunft, was hier unterwegs ist”.

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Und die Inhalte? In der Corona-Krise wären kraftvolle linke Konzepte wichtiger denn je. Wer keine Reserven hat, leidet jetzt schon. Für Krankenschwestern und Altenpfleger wird geklatscht, viel mehr passiert nicht. Wo bleibt da intelligenter Protest? Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch jedenfalls weiß schon, wohin die Reise geht: “Die künftigen Kämpfe werden intensiver werden, es wird wieder Klassenkampf geben”, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Was aber gab es in Berlin? “A-, A-, Anticapitalista” und “Ganz Berlin hasst die Polizei”. Ritual. Tradition. Alkoholexzesse. Das passt auch aufs Oktoberfest, und das ist abgesagt.

Wenn in zwei, drei Wochen die Infektionszahlen in Berlin durch die Decke gehen sollten, werden sich hoffentlich viele fragen, ob sie an diesem Abend so tun mussten, als wäre alles wie immer.

RND


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