Krank werden und glaubwürdig bleiben

  • Auch ein Gesundheits­minister ist mal außer Gefecht, so ist das Leben.
  • Berlins politische Szene geht zwar mit ihren unendlichen Debatten vielen Deutschen gelegentlich auf die Nerven.
  • Zumindest aber macht die Regierung in der Viruskrise nicht den Versuch, den Leuten etwas vorzumachen.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Jens Spahn kämpft neuerdings auch in eigener Sache gegen das Coronavirus. Er befindet sich nach einem positiven Test in Quarantäne.

Der Bundesgesundheitsminister ist krank – diese Nachricht lädt eigentlich ein zu reflexhaftem Spott und Häme. Doch die Deutschen wünschen Spahn jetzt einfach gute Besserung, Punkt.

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In dieser Beiläufigkeit liegt etwas Gutes, etwas, auf das Deutschland sogar ein bisschen stolz sein kann in diesen schwierigen Zeiten: Politiker können in diesem Land krank werden und glaubwürdig bleiben.

Die Deutschen blicken auf Regierende, die das tun, was sie auch den Regierten empfehlen: Sie tasten sich mit Umsicht und Vorsicht durch die Viruskrise, während die Zahl der Neuinfektionen neue Sphären erreicht.

Die Kanzlerin zum Beispiel blieb schon Ende März zwei Wochen im Homeoffice, nachdem sie Kontakt zu einem infizierten Arzt hatte – kaum jemand kann sich daran heute noch erinnern. Es war auch keine große Sache. Der Bundespräsident blies am letzten Wochenende seine Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ab – es gab deswegen Worte des Bedauerns, aber auch dies war kein Drama.

Die ewige Show bei Trump, Putin und Xi

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Die Berliner Normalität, die Echtheit, ist ein wohltuender Unterschied zu vielen anderen Hauptstädten der Welt, in denen die Mächtigen glauben, ununterbrochen irgendeine Show abziehen zu müssen.

Als in China Xi Jinping letzte Woche bei einer Rede immer wieder heftig zu husten begann, drehte die Regie des Staatsfernsehens die Kameras stets ergebenst in einen anderen Winkel.

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Als in Russland Wladimir Putin bei einer Parade zur Verwunderung der Welt ohne Maske und mit gespielter Volkstümlichkeit neben jungen Soldaten saß, ahnte kein Zuschauer, dass man den Männern zuvor 14 Tage Quarantäne aufgegeben hatte, gefolgt von einer Serie von Tests.

Unvergessen ist auch die jüngste Show des Amerikaners Donald Trump. Der verfügte nach intensivmedizinischer Behandlung hastig seine eigene vorzeitige Entlassung aus dem Militärkrankenhaus und grüßte, vollgepumpt mit Steroiden, vom Balkon des Weißen Hauses: grimmig, noch schwer atmend, aber schon wieder breitbeinig und mit geballter Faust.

Bei allem, was man dem Berliner Politikbetrieb vorwerfen kann, muss man festhalten: Eine solche politische und menschliche Falschheit, die sich dann auch noch selbst inszeniert, bleibt den Deutschen immerhin erspart.

Historisch ist übrigens noch nicht geklärt, welches System, welcher Stil und welcher Politikertyp sich im weltweiten Vergleich auf Dauer als der stärkere erweisen wird. Vielleicht entpuppen sich die Redlicheren am Ende als die Widerstands­fähigeren.

Die Lehren aus der ersten Welle

Doch es hat nicht erst die Infektion von Jens Spahn gebraucht, um festzustellen, dass die zweite Viruswelle Deutschland längst erfasst hat. Nun drängen sich Fragen auf:

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  1. Haben wir wirklich schon systematisch unsere Erfahrungen aus der ersten Welle verarbeitet?
  2. Was ist im Frühjahr gut, was ist falsch gelaufen?
  3. Und was können Politik und Bürger jetzt besser machen?

In unserer großen Analyse „Lehren aus dem Lockdown“ geht unser RND-Team der Frage nach, welche Lektionen neben politischen Entscheidern etwa Kliniken, Heime und Schulen gezogen haben – und welche nicht.

Zitat des Tages

Wenn die politische Linke den Kampf gegen Islamismus nicht länger Rassisten überlassen will, muss sie sich endlich mit diesem blinden Fleck beschäftigen.

Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jungsozialisten

Leseempfehlungen

Papst Franziskus überraschte gestern Abend die ganze Welt. In einem Dokumentarfilm sprach er sich für ein Gesetz aus, das „eine zivile Partnerschaft“ zwischen Homosexuellen ermöglicht. Ist dies der Beginn einer großen historischen Wende, wie sie in der katholischen Kirche auch in Hunderten von Jahren nur selten vorkommt? Linke Papstkritiker hätten diesen neuen Impuls nicht für möglich gehalten. Rechte Papstkritiker indessen sehen jetzt Abspaltungen kommen.

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Die Wahl in den USA findet nicht erst am 3. November statt – sie läuft längst. An den Briefwahlen und der persönlichen Stimmabgabe in den Early-Voting-Wahllokalen beteiligen sich so viele Amerikaner wie noch nie. In Texas und Vermont hat die Mehrheit schon abgestimmt. Unter den Frühwählern schlagen die Demokraten die Republikaner im Verhältnis zwei zu eins. Der US-Wahlforscher Michael McDonald sieht darin, wie er im Gespräch mit dem RND sagte, einen „enormen strategischen Vorteil“ für Joe Biden und seine Demokraten.

Sebastian Fitzek, deutscher Thrillerkönig, beschäftigt sich in seinem neuesten Buch „Der Heimweg“ mit dem Thema häusliche Gewalt. „Leider ist nicht viel Recherche notwendig, um auf ein Opfer von häuslicher Gewalt zu treffen“, sagt Fitzek im Interview mit RND-Reporter Thomas Kielhorn. Laut dem Bundesministerium für Familie erlebt jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt.

Katharina Delling ist wie ihr bekannter Vater, der Sportmoderator Gerhard Delling, in den Journalismus gegangen. Als Fernsehreporterin berichtet sie aus London über den Brexit, die Royals und andere Inselthemen. RND-Redakteurin Hannah Scheiwe hat mit ihr am Telefon darüber gesprochen, wie sie dazu kam, was sie anders machen will als ihr Vater – und was sie sich bei ihm abschauen kann.

Termine des Tages

  • Die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen gehen heute in Potsdam weiter.
  • In Brüssel treffen sich die Nato-Verteidigungs­minister.
  • In Berlin läuft eine ganztägige Videokonferenz von Wirtschafts­minister Peter Altmaier mit Wirtschafts­verbänden und verschiedenen Branchen zur aktuellen Corona-Lage.
  • Der Sacharow-Preis wird alljährlich vom Europaparlament an Menschen verliehen, die sich für Grundrechte und Demokratie einsetzen. Heute werden in Brüssel die Preisträger verkündet – die heißesten Anwärter dürften die Frauen sein, die den Widerstand in Belarus anführen.

Wer heute wichtig wird

Auf Joe Biden kommen heute Nacht die vielleicht wichtigsten 90 Minuten seines Lebens zu. Im zweiten und letzten TV-Duell mit Donald Trump wird der 77-Jährige weniger unterbrochen werden als beim ersten Mal: Sonderregelungen sorgen dafür, dass jeder Kandidat zu Beginn jedes Themensegments ungestört sprechen darf, während die Regie dem anderen vorübergehend den Ton abdreht. Umso mehr wird es jetzt darauf ankommen, ob Biden seine Botschaften gut vermitteln kann.

Joe Biden, Präsidentschafts­kandidat der Demokraten und ehemaliger US-Vizepräsident – hier bei einer Wahlkampf­veranstaltung in Cincinnati. © Quelle: Carolyn Kaster/AP/dpa

Der Worst Case wäre es, wenn Biden sich ohne Feindeinwirkung verhaspelt. In vielen Reden ist ihm das schon passiert. Als Kind war Biden Stotterer, bis heute ist die freie Rede nicht seine große Stärke. Richtig stark wäre es, wenn er die ungestörten Minuten darauf verwenden würde, einmal ganz offen über diese Schwäche zu reden.

Der Podcast des Tages

Jede Stunde neu: die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag!

Aus dem RND-Newsroom: Matthias Koch

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