Kopf ab für eine Unklarheit?

  • Die Aufwallungen rund um Boris Palmer und Hans-Georg Maaßen haben etwas Mittelalterliches.
  • War es nicht eine moderne Errungenschaft, dass wir erst mal die objektiven Tatbestände klären, bevor wir jemanden bestrafen?
  • Mitten im Internetzeitalter fallen wir gerade ein paar Jahrhunderte zurück.
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Guten Morgen, liebe Leserin und lieber Leser,

Hand aufs Herz: Können Sie genau sagen, was dieser Boris Palmer dies mal Schlimmes getan hat? Oder Hans-Georg Maaßen?

Klar, der eine soll irgendwie ein verkappter Rassist sein, der andere ein verkappter Antisemit. So jedenfalls hört man es hier und da. Doch wo genau ist der Beweis?

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Es ist eine historische Seltsamkeit: Unsere Kommunikations­technik ist moderner denn je. Aber unser Schwarmverhalten rutscht, getrieben von den Social Networks, allzu schnell wieder zurück ins Unintelligente, eigentlich sogar ins Mittelalterliche. Auch damals genügten Gerüchte, um jemanden an den Pranger zu stellen.

„Zu abscheylich“, um es zu beschreiben

Das Bedrückende liegt damals wie heute im Unaufgeklärten. Im Fall Palmer geht es los mit der von ihm verwendeten obszönen Formulierung. Sie wird weder von seriösen Medien wiedergegeben noch von den Parteifreunden, die gegen Palmer vorgehen wollen. Gleichzeitig aber wird allerorten mit großer Geste für den Parteiausschluss getrommelt.

Illustration zur Bambergischen Halsgerichtsordnung von 1507. © Quelle: Wikipedia
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Auch im Mittelalter blieb oft unklar, welches Delikt genau eigentlich vorgelegen hatte. Es kam auch nicht so exakt darauf an: Laut Halsgerichtsordnung verboten waren neben „allerley Übelthaten“, die einzeln aufgeführt wurden, auch solche, die, wie es damals hieß, „zu abscheylich sind“, als dass man sie genau hätte beschreiben können.

„Übelthettern“ den Kopf abzuschlagen war die mildeste Variante der Todesstrafe. Die Peinliche Gerichtsordnung Karls V. kannte sieben weitere Methoden: Vierteilen, Verbrennen, Rädern, Hängen, Ertränken, Pfählen – und das Begraben bei lebendigem Leib.

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Auch wenn manche eine tief sitzende Wut auf Palmer und Maaßen haben: Man sollte diese beiden nicht monströser darstellen, als sie sind. Maaßen segelte, wie eine RND-Recherche ergibt, oft im Grenzbereich zur Neuen Rechten. Und Palmer hat bekanntlich seit Jahren immer wieder mal Freude am Tabubruch. Und nun? Man kann beide unsympathisch finden, auch ihren Flirt mit rechts außen kritisieren. Keiner der beiden hat aber die atemlose Aufregung einer ganzen Nation verdient.

Mehr Gelassenheit im Superwahljahr

Einen Ausweg aus den ungesunden Aufwallungen dieser Tage beschreibt Felix Huesmann in seinem heutigen Leitartikel: Ein besseres Verständnis der „Empörungs­choreografie“ könne helfen, „die immer wiederkehrenden Debatten mit größerer Gelassenheit zu verfolgen“. Demokratie und Meinungsfreiheit jedenfalls würden selbst durch die überdrehteste Kritik im Netz nicht bedroht.

Wissen das auch die Grünen? Immer schön differenzieren, immer ruhig bleiben: Im Fall Palmer hat das am Wochenende nicht so ganz geklappt. Vielleicht liegt es an der rundum wachsenden Nervosität im Superwahljahr.

In vielen anderen Punkten aber hat Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sich ein mehr als nur umsichtiges und bedächtiges Vorgehen systematisch antrainiert. In der Klimapolitik etwa denkt sie von sich aus immer auch die Pendler mit und die Industrie, auch ihre Bekenntnisse zur Nato sind deutlich, wie Daniela Vates heute in ihrer großen Baerbock-Geschichte notiert. Im Verhältnis zu den USA sei Baerbock sogar auf „Kuschelkurs“.

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Zitat der Nacht

Jetzt ist es 4 Uhr. Das sind zehn Stunden Raketenbeschuss

Israelische Armee via Twitter

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist in den vergangenen Tagen gefährlich eskaliert. Gestern Abend haben militante Palästinenser im Gazastreifen damit begonnen, Raketen auf Israel abzuschießen. Israelischen Angaben zufolge liege die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel bei mehr als 90 Prozent. Mindestens 200 Raketen sollen bereits auf Israel abgefeuert worden sein. Die Israelis reagierten mit etwa 130 Luftangriffen im Gazastreifen.

Leseempfehlungen

Sieben Gründe für einen guten Sommer nennt unsere Wissenschafts­redakteurin Saskia Bücker in einem Bericht zur epidemiologischen Lage der Nation. Die Infektionszahlen sinken. In den kommenden Wochen kommt deutlich mehr Impfstoff. Der Saisoneffekt durch mehr Aufenthalt im Freien hilft. Die Bundesnotbremse greift dort, wo es immer noch notwendig ist. Die Impfstoffe helfen auch gegen die Variante B1.1.7. Und im Juni dürfte auch die Impfung von Zwölf- bis 16-Jährigen beginnen.

In der katholischen Kirche wird derzeit in einer Vielzahl von Gemeinden eine jahrhundertealte Starre im Umgang mit Homosexuellen aufgebrochen. Wie das geht, erzählt Rainer Teuber, der selbst seit fast 25 Jahren für die katholische Kirche arbeitet, als Chef der Besucherbetreuung der Essener Domschatzkammer. Im Rahmen der Aktion #liebegewinnt ließ er sich jetzt mit seinem Partner segnen.

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Aus unserem Netzwerk: Nervenproben beim Corona-Abitur

Abiturprüfungen in Corona-Zeiten sind nicht nur für Schüler ein Stresstest. An einer hannoverschen Schule wurde jetzt die Matheprüfung ungewollt verkürzt: Wie die „Neue Presse“ (NP) aus Hannover berichtete, sammelte die Mathematiklehrerin die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler schon nach 145 Minuten ein – statt nach 165. Eltern protestierten, das Kultusministerium wurde eingeschaltet. Ergebnis: Wer nachschreiben will, bekommt eine weitere Klausur – muss aber mit dem dann möglicherweise schlechteren Ergebnis leben. So droht Nervenprobe Nummer zwei.

Termine des Tages

Um 11 Uhr gibt in Marl der Deutsche Volkshochschulverband die diesjährigen Träger des Grimmepreises bekannt. Der Grimmepreis zeichnet Fernsehsendungen aus, die als vorbildlich bewertet wurden.

Für heute Abend bittet die Bundeskanzlerin führende deutsche Experten zu einer virtuellen Gesprächsrunde zu technologischen Innovationen für die Medizin in Deutschland. Unter dem Motto „Game-Changer-Technologien für den Biotechnologie­standort Deutschland“ geht es unter anderem um die durch die Covid-19-Impfstoffe bekannt gewordene mRNA-Technologie, die Nanotechnologie und die Zell- und Gentherapie.

Bundes­außenminister Heiko Maas fliegt heute nach Italien zu Gesprächen mit seinem Amtskollegen Luigi Di Maio. Für den morgigen Mittwoch stehen auch ein Besuch im Vatikan und eine Audienz bei Papst Franziskus auf dem Programm.

Wer heute wichtig wird

Anders Fogh Rasmussen, bis 2009 dänischer Ministerpräsident und danach bis 2014 Generalsekretär der Nato, ist Gastgeber des Kopenhagener Demokratiegipfels. Bei dem Zusammensein soll auch über den Weltgipfel der Demokratie gesprochen werden, der Joe Biden für das Ende dieses Jahres vorschwebt. Gedacht wird an einen engeren politischen Zusammenschluss der Staaten des nordatlantischen Bündnisses mit Demokratien im Pazifik, darunter Japan, Australien, Südkorea und Neuseeland. © Quelle: imago images/Ritzau Scanpix

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