Nach Wahl in Thüringen: Die zu dumme Mitte

  • Der Kemmerich-Coup ist der AfD rundum gelungen, FDP und Union sind völlig durch den Wind.
  • Thüringen zeigt: Die Mitte in Deutschland hat Mühe, ihr eigenes Bedrohtsein zu erfassen.
  • Die Intelligenz der neuen Rechten darf nicht unterschätzt werden, meint Matthias Koch.
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Hannover. Nach drei Tagen Thüringen-Chaos ergibt sich ein bedrückender Befund. Ausgerechnet in der Mitte des politischen Spektrums in Deutschland mangelt es an Umsicht, an Einsicht, an strategischem Denken.

Nehmen wir zum Beispiel den FDP-Mann Wolfgang Kubicki. Der 67-Jährige ist Bundestagsvizepräsident. Kein Liberaler hat derzeit ein höheres Staatsamt inne. Umso erstaunlicher ist, was Kubicki sagte, nachdem sein Parteifreund Thomas Kemmerich mithilfe der AfD Ministerpräsident in Thüringen geworden war: „Es ist ein großartiger Erfolg, ein Kandidat der demokratischen Mitte hat gesiegt.“

Ein Sieg der Mitte? In Wahrheit hat sich die Mitte noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik so blamiert wie diese Woche in Thüringen.

Allzu lange waren die Liberalen auf der Lernkurve unterwegs. Treuherzig betonte der Thüringer Liberale Kemmerich immer wieder, wenn nur erst SPD und Grüne sich aufrafften, seine Regierung mitzutragen, sei doch alles wieder gut. Die AfD wolle er ja wirklich nicht an der Regierung beteiligen.

Einfach zu dumm

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Wie nennt man das, wenn mancher nur langsam begreift, was anderen schnell klar wird? Zu besichtigen war hier eine Politik, die nicht zu rechts war oder zu links, sondern einfach zu dumm.

Es rächt sich, wenn man die Intelligenz der neuen rechten Szene unterschätzt. Eine Regierungsbeteiligung wollten die Fallensteller der AfD nicht. Ihnen genügte die Aussicht auf das mit dem Kemmerich-Coup zu erwartende heillose Durcheinander im Lager der anderen. Diese Erwartungen haben nicht getrogen. In der CDU ziehen jetzt die Gegner von Annegret Kramp-Karrenbauer intern erneut die Dolche. Sie lassen die Vorsitzende auflaufen und klagen anschließend, sie sei leider so schwach.

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Rundherum wallen in den Medien düstere Nebel. Die einen spüren den „Hauch von Weimar“, andere ziehen schon eine gerade Linie vom Erfurter Landtag zum KZ Buchenwald. Für solche Empfindungen gibt es gute Gründe. Doch niemand, auch nicht der Bestmeinende, entkam dem Paradoxon dieser Tage: Je mehr sich alle aufregten, umso stärker wurde der von den Rechtsradikalen gewollte Eindruck einer nervös gewordenen Republik.

Wie abgefeimt die Rechten ticken, ließ ihr Vordenker Götz Kubitschek erkennen, der in einem Aufsatz den Thüringer AfD-Chef lobte: „So konstruktiv-destruktiv wie Höcke hat aus dieser Partei heraus noch keiner agiert. In Thüringen jemanden so auf einen Stuhl setzen, dass es in Berlin einem anderen Stuhl die Beine abschlägt: Das taktische Arsenal der AfD ist um eine feine Variante reicher.“

Die Mitte muss jetzt nachrüsten. Auch sie braucht dringend, was die Rechten schon haben. Ein klares Feindbild. Eine klare Strategie. Selbstbewusstsein. Und Gelassenheit.

RND

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