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  • Kolumbien: Proteste in Cali brutal niedergeschlagen - Demonstranten gejagt, gefoltert und getötet

Kolumbien: gejagt, gefoltert, getötet

  • In keiner anderen kolumbianischen Stadt wurden die Sozialproteste so brutal niedergeschlagen wie in Cali.
  • Betroffene sagen, es habe in Cali keine „Konfrontation“ zwischen Polizei und Demonstranten gegeben – sondern eine Jagd.
  • Ein Ortsbesuch bei denen, die den Preis dafür bezahlt haben.
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Cali. Den Ort, an dem sie in Cali den Toten des sozialen Kampfes ein Denkmal gebaut haben, nennen sie Puerto Resistencia (Hafen des Widerstands).

Es ist eine zehn Meter hoch in den Himmel ragende Faust. Zu ihren Füßen haben sie Schilder angebracht, auf denen die Namen von getöteten Demonstranten stehen. Auf einem ist zu lesen: „Kevin Anthony. Getötet am 3. Mai.“

Das war gleich am Anfang der Proteste gegen die kolumbianische Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten Ivan Duque. Gestorben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war, wie sein Vater Luis Carlos de Jesus Agudelo berichtet.

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Betroffene berichten von einer Jagd auf unbewaffnete junge Demonstranten

Anders, als es in vielen Medien berichtet werde, habe es in Cali keine „Konfrontation“ zwischen der Polizei und den Demonstranten gegeben, sagt Luis Carlos. Sondern eine Jagd. Eine Jagd von Sicherheitskräften auf unbewaffnete junge Demonstranten. Und einer davon war Kevin Anthony, Fußballer und Azubi zum Techniker in Industrieelektronik.

An diesem Tag hätte die Polizei den Strom abgestellt und das Internet gedrosselt, damit die Kommunikation unter den Demonstranten nicht mehr funktioniere. Und dann begann der Beschuss. Aus einem Hubschrauber und von der Erde aus. Tränengasgranaten prasselten auf die flüchtenden Demonstranten ein und offenbar auch Projektile. „Als ich ins Krankenhaus kam, sagte mir die Ärztin, dass ein Schuss seinen Brustkorb, die Lunge und das Herz zerstörte. Das haben sie meinem Sohn angetan.“

Luis Carlos de Jesus Agudelo zeigt das Bild seines getöteten Sohnes Kevin Anthony Agudelo Jimenez. © Quelle: Tobias Käufer
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Kevin Anthony sei auf die Straße gegangen, weil er sich für ein besseres Kolumbien eingesetzt habe. Für soziale Gerechtigkeit, für den Zugang zu besserer Bildung und einem Gesundheitssystem. Für eine andere Politik in Kolumbien. Nun ist er tot. Wie Dutzende andere Demonstranten, die seit Ende April auf die Straße gegangen sind. Und ein Vater weint verzweifelt um seinen Sohn, der nie wieder nach Hause zurückkehren wird.

Die jungen Leute demonstrieren, weil sie nichts mehr zu verlieren haben

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Es sind vor allem junge Leute, die demonstrieren. Die Pandemie hat die Jugendarbeitslosigkeit noch einmal steigen lassen. „In der jungen Generation herrscht das Gefühl vor, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Sie glauben den vielen und viel zu häufig leeren Versprechungen der jeweiligen Regierungen nicht mehr und sie sind daher auch bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen“, sagt Kolumbien-Expertin Monika Lauer-Perez vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

„Sicherlich hat die Pandemie mit ihren massiven Einschränkungen dieses Gefühl noch verstärkt und die auch davor schon äußerst düsteren Perspektiven für eine bessere Zukunft sind noch einmal schonungslos deutlich geworden. Die Forderungen werden aber nicht verstummen, sodass die Regierung gut daran täte, den gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung und weitere wichtige Veränderungen anzugehen.“

Die Szenen wirken wie eine Netflix-Serie, aber das ist tödlicher Ernst

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In keiner anderen Stadt starben so viele Demonstranten, ging die Polizei so hart und brutal vor wie in der Hauptstadt des Departements Valle de Cauca. Hier kämpfen bewaffnete illegale Banden, Guerillagruppen, Paramilitärs und korrupte Polizisten um die Vorherrschaft in der Stadt, die vielen vielleicht durch die Serie „Narcos“ von Netflix bekannt ist.

Doch das hier ist keine Telenovela, das ist tödlicher Ernst. Bisweilen in einer unheilvollen Allianz mit rechtsextremen Paramilitärs, die in Zivil auf Demonstranten schossen. Geschützt und gedeckt von der Polizei. Calis Erzbischof Darío de Jesús Monsalve Mejía bestätigt die Darstellung der Demonstranten: „Dass bewaffnete Zivilisten durch die Straßen von Cali gefahren sind, um zu töten oder zu verletzten, darf nicht wieder geschehen.“

Am Fuße der zehn Meter hohen Faust „Puerto Resistencia“ sind Schilder angebracht, auf denen die Gesichter und Namen von getöteten Demonstranten zu sehen sind. © Quelle: Tobias Käufer

Es hätte nicht viel gefehlt, dann würde am Denkmal für die Helden des Widerstands auch der Name von Felipe Alberto Polo Florez (23) stehen. „Blut, es war überall Blut“, erinnert sich der junge Karatesportler, der für Kolumbien an einer Weltmeisterschaft und den Panamerikanischen Spielen teilnahm. Der drei Sprachen spricht und sich als Sozialaktivist in seinem Viertel engagiert.

Er war in eine Polizeikontrolle geraten. Zufällig, wie er glaubte, doch die Beamten wussten offenbar genau, wer er war. „Deine Mutter ist Guerillera“, sagte einer der Polizisten. „Woher kennen Sie meine Mutter?“, fragte Felipe erschrocken. Er war ganz offensichtlich gezielt herausgesucht worden, weil sich seine Mutter als Gewerkschafterin engagiert. Das kann bisweilen in einem Land, in dem nahezu täglich Umweltschützer oder Sozialaktivisten ermordet werden, ein Todesurteil sein.

„Sie schlagen nicht mehr ins Gesicht, weil man die Spuren nachher sehen kann“

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Felipe landete in der Polizeiwache Junin. Dort war der Boden voller Blut, wahrscheinlich von Folterungen, wie er vermutet. „Sie haben in die Rippen geschlagen, immer wieder. Sie schlagen nicht mehr ins Gesicht, weil man die Spuren nachher sehen kann.“ Mehrere Polizisten malträtierten ihn gleichzeitig, fassten den in Handschellen gefesselten Mann überall an. Und drohten ihm: „Wir lassen dich verschwinden, wir werfen dich in den Rio Cauca, dann wird deine Leiche aufgehen im Wasser wie ein Ballon.“

Felipes Glück war, dass ein zufällig vorbeikommendes Mitglied der „Primera Linea“, wie sie in Kolumbien die „erste Reihe“ der Demonstrationszüge nennen, filmte, wie sie Felipe in die Polizeistation brachten. Damit gab es einen Beweis. Und eine Menschenrechtsanwältin, die ihn nach Stunden voller Schläge und Bedrohungen aus der Polizeiwache herausholte, weil gegen ihn gar nichts vorlag.

Immer wieder beteuerte Felipe: „Ich bin kein Guerillero.“ Und zeigte seinen Militärausweis, Felipe hatte sogar gedient. Doch das alles zählte nicht. Zum Abschied tippte ihm ein Polizist auf die Schulter und sagte ihm: „Immer vorsichtig, mein Junge, Cali ist eine gefährliche Stadt. Besonders dein Heimweg.“ Felipe bekommt nun besonderen Schutz.

Die Sicherheitskräfte gingen brutal vor – auf Wunsch von Unternehmen und Politik

Einer, der die Gewalt nicht überlebt hat, ist Michael Joan Vargas Lopez (23). „Sie hatten keine Waffen. Nichts“, sagt seine Großmutter Maricela Cano. Michael Joan starb bei den Unruhen in Yumbo, einer Industriezone unweit von Cali.

Auch in Yumbo gingen die Sicherheitskräfte brutal gegen die Demonstranten vor. Offenbar auf Wunsch von lokal ansässigen Unternehmen und der Politik, die sich von den umstrittenen Blockaden befreien wollte, mit denen ein Teil der Demonstranten die Stadt abriegelte: Nichts ging mehr rein, nichts ging mehr raus. Das war schlecht fürs Geschäft.

Maricela Cano Rendon mit einem Bild ihres getöteten Enkels Michael Joan Vargas Lopez. © Quelle: Tobias Käufer

Ihr Enkel gehörte zu einer Gruppe, die friedlich die Demonstrationen unterstützt habe, gemeinsam mit Freunden vom Fußball. Doch dann habe die Spezialtruppe ESMAD wie aus dem Nichts auf die unbewaffneten Demonstranten geschossen, um sie auseinanderzutreiben. Und getroffen: „Er hatte ein großes Loch im Kopf, aus dem die Hirnmasse heraustropfte“, sagte seine Großmutter.

Als sie von der Verletzung ihres Enkels hörte, eilte sie zum Geschehen, versuchte, ein Krankenhaus mit einer Intensivstation zu finden, das ihn aufnahm. Doch es war zu spät. „Ich war bis zum letzten Moment an seiner Seite, er starb am 17. Mai um 2.50 Uhr im Krankenhaus“, berichtet Cano unter Tränen und wiederholt: „Sie hatten keine Waffen.“

Gezielter Schuss mit Tränengas: Demonstrant verliert ein Auge

Einer, der für den Rest seines Lebens von den Demonstrationen gekennzeichnet bleibt, ist Giovanny Garcia (25). Der Tag, an dem ihm ein Auge aus dem Kopf geschossen wurde, war der 29. April. Er ging mit seiner Schwester und seiner Freundin zu den Protesten und geriet nach eigener Schilderung mitten in eine Straßenschlacht.

Giovanny Garcia Garrido verlor bei den Demonstrationen ein Auge durch einen gezielten Schuss von Tränengas. © Quelle: Tobias Käufer

„Ich wurde abgelenkt und aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass ein Agent der Spezialeinheit ESMAD aus dem Gebüsch seine Waffe auf mich richtete. Ich hörte die Detonation und fühlte den direkten Aufprall auf meinem Gesicht. Es war ein sehr harter Schlag von einem dumpfen Gegenstand. Ich habe überlebt, weil mir viele junge Leute geholfen haben, ins Krankenhaus zu kommen, sonst wäre ich verblutet.“

Garcia glaubt, dass die Gewalt der umstrittenen Sondereinheit ESMAD ein Ausdruck von Angst und Hass sei. „Weil sie fürchten, dass sich etwas verändern wird.“

Am 13. Juli erklärte Kolumbiens Vizepräsidentin Marta Lucia Ramirez vor den Vereinten Nationen, die Toten während der seit Ende April ausgebrochenen Proteste seien eine Folge des Vandalismus. Jose Miguel Vivanco, Amerika-Direktor von Human Rights Watch (HRW), kommentierte: „Sie hat vergessen zu erwähnen, dass es solide Beweise für mindestens 25 Morde gibt, die auf Polizisten hindeuten.“

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