Beerdigung eines Mythos: Kolumbianische Justiz geht der Farc an den Kragen

  • Nach vielen Jahren müssen sich prominente Farc-Kommandeure für ihre Taten juristisch verantworten.
  • Die einst mächtigste Guerillabewegung Lateinamerikas hat sich sogar selbst zur Aufarbeitung bereit erklärt.
  • Doch die eigentlich gute Nachricht ist eine ganz andere.
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Bogotá. Die Sonderjustiz in Kolumbien hat sich die Kommandeure der einst mächtigsten Guerillabewegung Lateinamerikas vorgenommen. Und ihre Einschätzung ist gnadenlos: Von Kriegsverbrechen ist da die Rede und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die BBC nannte die Einschätzung der Richter historisch.

Dabei haben die Juristen, deren Aufgabe es ist, all die Ungerechtigkeiten und Gräueltaten des bewaffneten Konfliktes von mehreren Jahren Bürger- und Drogenkrieg aufzuarbeiten, gerade erst angefangen, sich erst einmal um die rund 20.000 direkten oder indirekten Opfer der Farc-Entführungen zu kümmern.

Die bekannteste Geisel war Ingrid Betancourt. Ihre gewaltsame Befreiung im Jahr 2008 nach mehr als sechs Jahren Geiselhaft unter menschenunwürdigen Umständen im kolumbianischen Dschungel ging um die Welt. Für einen Tag war sie die berühmteste Frau der Welt.

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Vor ein paar Wochen flehte Betancourt, die heute in Frankreich lebt, die Sonderjustiz an. Sie sollen sich nicht einwickeln lassen von den Guerilleros. Einige von den Ex-Kämpferinnen und -Kämpfern hatten Betancourt sogar noch verspottet.

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Nun aber müssen sich die prominenten Kommandeure um ihren Chef Rodrigo Londono für ihre Taten juristisch verantworten. Und es folgen noch weitere Untersuchungen wegen Mord, Folter, Vergewaltigungen, Zwangsabtreibungen und Vertreibung.

Es ist der Beginn einer gründlichen Aufarbeitung und zugleich die Beerdigung eines Mythos. Mit Guerillaromantik hatte der Kampf der Farc in den letzten Jahren ohnehin nichts zu tun, es war ein brutales, mörderisches Geschäft zur Durchsetzung ökonomischer (Drogenhandel) und ideologischer (sozialistische Revolution) Interessen.

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Nilpferde von Drogenboss Pablo Escobar werden zur Plage in Kolumbien
1:06 min
Die Nilpferde aus dem Privatzoo des 1993 verstorbenen Drogenbarons Pablo Escobar vermehren sich in Kolumbien rasant.  © RND/Amandine Cormier

Die eigentliche Botschaft

Entscheidend ist aber etwas ganz anderes: Die Farc hat sich selbst zu dieser Aufarbeitung bereit erklärt. Das Installieren einer Sonderjustiz war ein zentraler Bestandteil des Friedensvertrages von 2016. Die Guerilleros wussten, was auf sie zukommt.

Sie haben sich längst öffentlich bei den Opfern entschuldigt und um Vergebung gebeten. „Wir können uns den tiefen Schmerz und die Qualen der Söhne und Töchter derer vorstellen, die von der Farc entführt wurden“, schrieb die Farc-Spitze vor ein paar Monaten.

Die eigentliche politische Botschaft dieses historischen Tages in Kolumbien ist allerdings eine ganz andere. Eine, die gar nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Die rechten Gegner des Friedensprozesses um den ehemaligen Präsidenten Alvaro Uribe hatten der Sonderjustiz stets unterstellt, sie würde bei der Farc mit anderen Maßstäben messen und die Guerilla mit Samthandschuhen anpacken. Sie sei politisch, also parteiisch.

Diese Lesart ist nun Geschichte. Die Sondergerichtsbarkeit bringt sich damit in eine kluge Position. Sie kann nun mit gleicher Härte auch gegen die Verbrechen vorgehen, die von anderen Akteuren im bewaffneten Konflikt begangen wurden. Ihre Version von der Sonderbehandlung der Farc lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten.

Der Weg zu einer vollständigen Aufarbeitung der Gewalt, für deren Großteil rechtsextreme Paramilitärs verantwortlich sind, ist damit frei. Das werden vor allem Verbrecher aus dem rechten Lager mit Sorge beobachten. Das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Tages, der in die kolumbianische Rechtsgeschichte eingehen wird.

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