Kohleausstieg: Woher soll unser Strom eigentlich kommen?

  • Beim Kohleausstieg geht Deutschland den zweiten Schritt vor dem ersten, kommentiert Andreas Niesmann.
  • Anstatt die Frage zu klären, woher unser Strom künftig kommen soll, verteilt die Politik lieber Milliarden, um Konzerne und Kumpel ruhig zu halten.
  • Doch mit Geld allein ist die Energiewende kaum zu bewältigen.
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Berlin. Was lange währt, wird endlich gut? Von wegen! Beim deutschen Kohleausstieg bewahrheitet sich gerade das Gegenteil. Seit einem Jahr schon ringen Politiker, Konzernlenker, Gewerkschafter und Umweltschützer um die Frage, zu welchem Zeitpunkt welcher Kraftwerksblock vom Netz geht und welche Entschädigungsleistungen den Betreibern, Belegschaften und Regionen gezahlt werden sollen.

Zweifellos sind das alles wichtige Fragen. Über die wichtigste aber wird im Moment am wenigsten gesprochen: Wo soll der durch den Kohleausstieg wegfallende Strom denn eigentlich herkommen?

Aus erneuerbaren Quellen, klar, soweit herrscht Einigkeit. Aber aus welchen? Windräder will kaum jemand in seiner Nachbarschaft haben, Offshore-Windparks sind ein Problem für die Bewohner des Wattenmeeres, Solarpanele gelten wahlweise als hässlich oder teuer, Biomasse steht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und trägt zur biologischen Verödung ganzer Landstriche bei, die Wasserkraft ist in Deutschland schon aus Gründen der Geografie weitgehend ausgereizt.

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Grüne Technologien wie Windkraft- oder Solaranlagen gelten als entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel.  © Andreas Niesmann/AFP

Trotzdem muss die Frage beantwortet werden, wie eine Industrienation ohne Kohle- und Kernkraft ihre Energieversorgung sicherstellen will. Und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt.

Es ist eine simple Rechnung: Energie aus Braun- und Steinkohle mag hierzulande auf dem Rückzug sein, sie macht aber immer noch gut ein Viertel der deutschen Stromerzeugung aus. Die Kernenergie liefert weitere 13 Prozent. Zusammen bewegen sich die zum Tode verurteilten Energieträger damit etwa auf dem gleichen Niveau wie Windkraft und Solarenergie. Die bereits installierte Leistung an Wind- und Solaranlagen muss also bis 2038 ein weiteres Mal installiert werden, wenn Deutschland an seinen ehrgeizigen Klimazielen festhalten will. Mindestens.

Auf das Ausland sollte sich Deutschland bei seiner Stromversorgung besser nicht verlassen

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Berücksichtigt man darüber hinaus, dass der Stromverbrauch angesichts zunehmender Elektromobilität eher steigen als sinken wird und dass angesichts der hohen Volatilität erneuerbarer Energien - nicht immer scheint die Sonne, nicht immer weht der Wind - ein gewisser Puffer unabdingbar sein wird, muss die Erzeugung von Ökostrom in den nächsten 18 Jahren eher verdreifacht als verdoppelt werden. Und das von manchen Klimaschützern bereits geforderte Ende der Verstromung von Erdgas ist in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten.

Auf das EU-Ausland sollte sich Deutschland bei seiner Stromversorgung übrigens besser nicht verlassen, denn die meisten Partnerländer haben sich ebenfalls das Ziel verordnet, Wirtschaft und Energie ergrünen zu lassen. Die ehrgeizige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treibt den europäischen „Green Deal“ mit Macht und Milliarden voran. Am Geld soll die Jahrhundertaufgabe Energiewende nicht scheitern.

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In Madrid tagt der UN-Klimagipfel, die neue EU-Kommission treibt ein Riesenprogramm für ein klimafreundliches Europa voran. Doch Kiritikern dauert das zu lange.  © Andreas Niesmann/dpa

Mit Geld allein ist sie aber auch nicht zu bewältigen. Die Herausforderung besteht ja nicht darin, Konzerne und Kumpel mit Finanztransfers zu beruhigen. Die eigentliche Aufgabe ist es, allen anderen zu erklären, dass die Energiewende auch für sie schmerzhafte Folgen haben wird. Entweder, weil sie als Anwohner von der Ökostrom-Produktion betroffen sein werden oder weil sie dessen höhere Preise und Gebühren als Verbraucher bezahlen müssen. Diesen Schritt aber scheut die Politik bislang, wie der nicht enden wollende Streit um die Abstandsregelung zwischen Windparks und Wohnbebauung oder das zähe Ringen um die eigentlich schon beschlossene Abschaffung der Deckelung des Sonnenstrom-Ausbaus zeigen.

Deutschland macht beim Kohleausstieg den zweiten Schritt vor dem ersten: Anstatt zunächst zu klären, wie der Ausbau erneuerbarer Energien wieder angekurbelt und vor allem bezahlt werden soll, redet die Regierung über Abschaltdaten für konventionelle Kraftwerke. Sie agiert damit wie ein Autofahrer, der sein altes Gefährt verkauft, noch bevor das neue vor der Haustür steht.

Das ist keine kluge Strategie. Weder im Privatleben, noch in der Politik.