• Startseite
  • Politik
  • Kliniken suchen zur Verstärkung Ärzte unter Flüchtlingen – Tausende melden sich

Kliniken suchen zur Verstärkung Ärzte unter Flüchtlingen – Tausende melden sich

  • Wegen der Corona-Pandemie droht auch in Deutschland, medizinisches Personal knapp zu werden.
  • Zugleich warten viele Mediziner, die etwa als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, auf ihre Berufszulassung.
  • In mehreren Bundesländern suchen die Ärztekammern deshalb jetzt gezielt nach ausländischen Ärzten, Schwestern und Pflegern – mit erstaunlicher Resonanz.
Tobias Dinkelborg
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Die Idee ist schon Anfang März entstanden, als sich das Coronavirus in Deutschland immer weiter ausbreitete. In Krankenhäusern stieg die Belastung für Ärzte sowie Pflegepersonal zunehmend, und die Sächsische Landesärztekammer hat früh erkannt, “dass bald Personal fehlen könne”, erzählt ihr Sprecher Knut Köhler.

Deshalb hat sich die Kammer – neben Ruheständlern und Medizinstudenten – gezielt an ausländische Ärzte gewandt, die noch auf eine Arbeitserlaubnis warten, und sie zur Unterstützung in der Gesundheitsversorgung aufgerufen.

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Liveblog+++

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Mit Erfolg: Rund 150 Mediziner, die im Ausland studiert haben, größtenteils als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und nun in Sachsen leben, haben sich seither gemeldet und ihre Hilfsbereitschaft signalisiert – insgesamt reagierten etwa 500 Personen auf den Aufruf. “Die Resonanz ist sehr gut”, sagt Köhler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er merke in persönlichen Gesprächen, dass die nach Deutschland migrierten Mediziner unbedingt “tätig werden wollen”.

Auch Bayern sucht Ärzte

Sachsen ist aber nicht das einzige Bundesland, das jetzt ausländisches Gesundheitspersonal rekrutiert. Auch die Bayerische Landesärztekammer hat ein Internetportal eingerichtet, über das sich Ärzte mit deutscher Approbation oder Berufsausübungserlaub­nis, Ärzte mit ausländischen Diplomen, deren Anerkennungsprozess in Deutschland noch nicht abgeschlossen ist, und Medizinstudierende melden können. Bislang hätten im Freistaat etwa 1700 Personen auf diesem Weg ihre Hilfsbereitschaft angeboten, sagte ein Sprecher der Bayerischen Landesärztekammer dem RND.

Anzeige

Die von der Bundesregierung unterstützte Onlineplattform “Match4Healthcare”, die im Rahmen des #WirVsVirus-Hackathon von Studenten entwickelt wurde, ruft derweil – deutsche und ausländische – Ehrenämtler, Pflege- und Gesundheitskräfte ebenfalls zur Registrierung auf, um sie an Kliniken und Pflegeheime im ganzen Land zu vermitteln, in denen Bedarf besteht.

Deutschland “etwas zurückgeben”

Anzeige

Einer der Ärzte, die sich bei der Sächsische Landesärztekammer gemeldet haben, ist Safwan Adnan Ali. Vor seiner Flucht nach Deutschland studierte er vier Jahre lang Allgemeinchirurgie in Syrien und arbeitete im Irak als Allgemeinmediziner. “Als der Aufruf kam, wollte ich sofort helfen”, sagte der 37-Jährige dem britischen “Guardian”. “Ich möchte dem Land, das mich so sehr unterstützt hat, etwas zurückgeben. Deshalb habe ich meinen Lebenslauf sofort abgeschickt.”

Weil das medizinische Personal in Sachsen – dort sind knapp 4000 Corona-Fälle bestätigt – momentan noch gut aufgestellt ist, müssen sich die ausländischen Ärzte gedulden. Für den Fall, dass es in absehbarer Zeit zu einem Engpass kommt, “haben wir aber vorgesorgt”, sagt Köhler.

Ärzte ohne Approbation werden als Pflegekräfte eingesetzt

Ärztliche Tätigkeiten dürfen die nach Deutschland migrierten Mediziner ohne Approbation jedoch nicht übernehmen, auch wenn sie wie Safwan Adnan Ali ein entsprechendes Studium absolviert haben. Die Berufszulassung durch den Staat ist für ausländische Staatsbürger an hohe Auflagen geknüpft, beispielsweise an das sichere Beherrschen der deutschen Sprache. Deshalb werden Adnan Ali und die übrigen Ärzte als “Pflegekräfte unter Aufsicht” eingesetzt, erläutert Köhler, “wie Medizinstudenten aus höheren Semestern”.

Video
Kubanische Ärzte helfen in Italien
1:14 min
Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger aus Kuba sollen Italien bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie unterstützen.  © Reuters

Eine Vereinfachung des Anerkennungsverfahren für Mediziner, die im Ausland studiert haben, hält Köhler trotz des erhöhten Personalbedarfs angesichts der Corona-Krise nicht für sinnvoll. Die hohen Hürden hätten “ja einen Grund”, sagt er, denn Patienten müssten vor Fehlbehandlungen und Missverständnissen aufgrund sprachlicher Barrieren geschützt werden.

Anzeige

Zulassungsverfahren könnten beschleunigt werden

In solchen Fällen, in denen die Erteilung der Approbation lediglich noch vom Bestehen der Fachsprachprüfung abhängt, könnten die Zulassungsverfahren allerdings beschleunigt werden. “Die Behörden der Länder sind bereits dabei, alle rechtlich möglichen Optionen zu prüfen, damit das Potential an Ärzten und Pflegekräften, die derzeit im Anerkennungsverfahren sind, für diese wichtige Arbeit nicht verloren geht”, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums dem RND.

Man sei sich durchaus bewusst, “dass die Patientenversorgung in der Corona-Pandemie wesentlich davon abhängt, dass genügend Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte da sind, die dies leisten können”.

Aus dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium hießt es auf RND-Anfrage, bestehende Berufserlaubnisse für ausländische Ärzte sollen auf unkomplizierte Weise verlängert werden. Deshalb könne “das in Kliniken schon jetzt praktisch eingesetzte, aber noch nicht approbierte Personal auch vorerst in den Kliniken bleiben und die Fachsprachprüfung und Approbation zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.”

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen
“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen