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Umweltbundesamt-Chef: „Wir sollten gegen jedes Zehntel Grad Erwärmung kämpfen“

  • Extremwetter­ereignisse wie zuletzt an Ahr und Erft haben vielen Menschen die Auswirkungen des Klimawandels ins Bewusstsein gerufen.
  • Der Präsident des Bundes­umweltamts, Dirk Messner, ruft die Deutschen auf, konstruktiv mit der Krise umzugehen.
  • Im RND-Interview spricht er über die beiden wichtigsten Stellschrauben – und einen Dinosaurier in der Ostsee.
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Berlin. Dirk Messner (59) ist seit Januar 2020 Präsident des Umweltbundesamts. Zuvor war er lange Jahre Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. Im RND-Interview spricht Messner über das Lernen aus Krisen, das Klimaschutzgesetz der Großen Koalition und den Klima-Soli.

Herr Messner, gegenüber der vorindustriellen Zeit hat sich die Erde um 1,2 Grad Celsius erwärmt. Das Ziel laut Pariser Abkommen ist die Begrenzung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad. Was machen die 0,5 Grad Celsius in Deutschland aus?

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Das klingt nicht viel. Aber im Ahrtal und anderswo haben wir vor wenigen Tagen erleben müssen, was die globale Erwärmung von 1,2 Grad bedeuten kann. Durch Extremwetter­ereignisse hat sich hier eine unglaubliche Wucht entfaltet. Wir sollten uns alle wirklich anstrengen, gegen jedes Zehntel Grad Erwärmung zu kämpfen.

Was passiert bei plus zwei Grad?

Je näher wir dieser Marke kommen, desto irreversibler werden die Auswirkungen auf das Erdsystem und damit auf uns Menschen. Jenseits der zwei Grad beginnt das Territorium, das wir nicht betreten sollten. Dann erhöht sich das Risiko, dass ganze Ökosysteme implodieren oder sie sich in einen Status transformieren, den wir zum Teil gar nicht beschreiben können. Wir reden über Kipp­punkte im Erdsystem.

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Wenn Sie persönlich in Deutschland durchregieren könnten, welche Maßnahmen würden Sie ergreifen?

Wir müssen im Bezug auf die Klimaproblematik an zwei großen Schrauben drehen. Die erste Schraube ist: Runter mit den Emissionen – so schnell wie möglich. Dekarbonisierung ist Klimaschutz, weil die Quelle des Problems verschlossen wird. Die zweite Schraube: Wir müssen uns schon jetzt an das anpassen, das uns nicht mehr vermeidbare Erwärmung bringt. Das haben wir in den letzten Tagen in den Extremwetterregionen in Deutschland gelernt.

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Prof. Dr. Dirk Messner, Präsident des Umwelt­bundesamts (UBA). © Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

Angesichts der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben Sie gesagt: „Es müssen oft erst Schocks kommen, damit wir verstehen, dass wir uns bewegen müssen.“ Klingt das nicht zynisch?

Ich bin eigentlich ein sehr optimistischer und fröhlicher Mensch, keinesfalls zynisch. Wir können jetzt als Menschheit zeigen, dass wir vorausschauend mit enormen Krisen umgehen können. Die Wissenschaft zeigt uns, wie gefährlicher Klimawandel sich zukünftig auswirken wird. Wir können jetzt präventiv handeln. Aber: Häufig lernen wir erst, wenn Krisen bereits eingetreten sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten die Menschen die Vereinten Nationen als internationale Friedenssicherung. Wir haben das europäische Integrationsprojekt angestoßen und einen Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Und Fukushima führte in Deutschland zum Atom­ausstieg. Ich hoffe, wir können Klimaschutz umsetzen, bevor irreversibler, gefährlicher Erdsystem­wandel unsere Zivilisations­grundlagen beschädigt.

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Nordrhein-Westfalen, Erftstadt: Ein Foto, das die Bezirksregierung Köln am Freitag über Twitter verbreitete, zeigt Überschwemmungen in Erftstadt-Blessem.  @ Quelle: Rhein-Erft-Kreis/dpa

Wie erklären Sie sich, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen großen Handlungsbedarf beim Klimaschutz sieht, die Bundesregierung aber erst vom Bundesverfassungs­gericht gezwungen werden muss, ein Klimaschutz­gesetz vorzulegen, das den Namen auch verdient?

Das allgemeine Umwelt­bewusstsein ist in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Viele wissen, dass sie etwas tun sollten – dann gibt’s jedoch den Widerspruch zum Handeln, und zwar auf individueller wie auch auf politischer Ebene. Im privaten Bereich geht es um den Fleischkonsum, den Autokauf oder die Nutzung des ÖPNV. Politische Entscheidungs­träger haben Furcht, möglicherweise von den Wählern abgestraft zu werden.

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Und was ist mit der Wirtschaft?

Viele Manager kommen viel herum in der Welt und verstehen die Problemlage. Unsere Wirtschaft ist jedoch im Wesentlichen auf fossile Energieträger aufgebaut. Und es ist sehr mühselig und zeitaufwendig, die Geschäfts­modelle zu verändern. Darum sind wir langsamer, als wir eigentlich sein dürften.

Wie erfolgreich war die GroKo beim Klimaschutz?

Die Klimapolitik der letzten 20 Jahre war nicht völlig unbedeutend. Es wurden Emissionen in Deutschland und in Europa gesenkt. Allerdings nicht in dem Maß, wie Umwelt- oder Nachhaltigkeits­forscher es vorgeschlagen hatten und wie es nötig gewesen wäre. Wir haben Anstrengungen begrenzter Reichweite unternommen, mit denen wir die Probleme jedoch nicht lösen können. Deshalb haben wir es jetzt mit beschleunigtem Klimawandel zu tun. In den Jahren der aktuellen Regierung ist mehr passiert als zuvor, vor allem das Klimaschutz­gesetz ist hier hervorzuheben.

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Wie bewerten Sie das Klimaschutz­gesetz?

Wir wollen bis 2030 die Emissionen um 65 Prozent reduzieren im Vergleich zu 1990. Wir als Umwelt­bundesamt sagen: 70 Prozent gingen auch. Wichtig ist, das Klimaschutz­gesetz ist so konstruiert, dass es alle Bereiche berührt. Es bedeutet, dass nicht allein die Umwelt­ministerin für das Klima zuständig ist, sondern auch der Verkehrsminister, der Wirtschaftsminister, die Landwirtschafts­ministerin. So landet das Thema in der Mitte des Kabinetts und kann nicht mehr delegiert werden.

Was sollte die neue Bundesregierung umgehend anpacken beim Klimaschutz?

In allen Sektoren, in denen Emissionen entstehen, müssen wir beschleunigt ambitionierte Ziele umsetzen. Das betrifft vor allem das Energiesystem, das Mobilitäts­system, unsere Städte, unsere Industrie, unsere Landwirtschaft, unseren Konsum. Sind wir dabei nicht erfolgreich, gibt es keine 65 Prozent Reduzierung. Als ein Signal wäre wichtig, den Ausbau der Erneuerbaren drastisch zu forcieren. Wir brauchen bei der Windenergie an Land mindestens eine Verdreifachung und bei der Fotovoltaik mindestens eine Verdopplung des jährlichen Ausbaus. Im Verkehrsbereich müssen wir elektrifizieren und die Zahl der Automobile reduzieren. Der dritte Bereich ist die klimataugliche Gebäude­sanierung – auch hier sind wir noch viel zu langsam.

Wirkt da ein Projekt wie die Gaspipeline durch die Ostsee, um das zuletzt so verbissen gekämpft wurde, nicht wie aus der Zeit gefallen?

Ja, Nord Stream 2 könnte schnell zu so etwas wie einem Dinosaurier unter den Energie­projekten werden, denn bis 2045 wollen wir mit null Emissionen auskommen.

Wie werden die Menschen am ehesten mitgenommen beim Klimaschutz?

Beim Klimaschutz wird sehr viel über Effizienz, Standards und CO₂-Preise geredet. Mindestens ebenso wichtig ist es jedoch, Lösungen zu finden, die zugleich auch die Lebensqualität der Menschen verbessern. Wir überzeugen nur, wenn klar ist, dass vor allen Dingen die Menschen geschützt und ihre Lebensqualität steigen werden. Durch grüne, lebenswerte Städte, Reduzierung von Umweltrisiken, Stabilisierung der Schönheiten unserer Natur.

Viele wollen wissen, was konsequenter Klimaschutz unterm Strich fürs eigene Portemonnaie bedeutet. Gibt es entsprechende Berechnungen?

Die meisten Berechnungen gehen davon aus, dass wir weltweit zwischen 2 und 3 Prozent des globalen Bruttosozial­produktes in den Klimaschutz investieren müssten. Während der Wiedervereinigung wurden deutlich höhere Anteile des deutschen Bruttosozial­produktes in die Infrastrukturen der – damals – neuen Bundesländer investiert. Es war ein Kraftakt, aber ruiniert hat es uns nicht.

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Die Deutschen zahlen dafür den Soli. Brauchen wir einen ähnlichen Jedermanns­beitrag für den Klimaschutz?

Ich halte den CO₂-Preis für ein elegantes Instrument. Das Ziel des CO₂-Preises ist nicht, den Bürger zu schröpfen. Er ist das Signal an die Wirtschafts­akteure und die Konsumenten, dass es sich lohnt, klimaverträgliche Produkte herzustellen, zu kaufen oder weniger Ressourcen zu verbrauchen. Einen beachtlichen Teil dessen, was man da einnimmt, sollte an die Bürger zurückgegeben werden. Das könnte über die Senkung der Strompreise oder die Absenkung der EEG-Umlage erfolgen.

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