Klimawandel – Der Menschheit läuft die Zeit davon

  • Während über den Klimaschutz auf immer neuen Konferenzen diskutiert wird, tickt die Uhr gnadenlos weiter.
  • Nur noch wenige Jahre trennen die Erde von gefährlichen Kipppunkten.
  • Sind sie erreicht, lässt sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten.
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Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit – und dummerweise ist es ein Wettlauf, von dem viele Menschen noch nicht so recht realisiert haben, dass er überhaupt stattfindet. Leider scheinen auch die wichtigsten Akteure in der deutschen Politik zu diesen Menschen zu gehören. Anders jedenfalls ist kaum zu erklären, warum die Bundesregierung zwar sinnvolle Ziele für den Klimaschutz setzt, diese dann aber mit ihrer eigenen Politik zuweilen regelrecht konterkariert.

Was die Bundesregierung in diesem Jahr als Klimapaket auf den Weg gebracht hat, hätte vor 30 Jahren ein sinnvoller Einstieg in den Klimaschutz sein können. Heute gleicht es dem Versuch, „ein Haus, das lichterloh brennt, mit einem Glas Wasser zu löschen“, wie es der Berliner Professor für Regenerative Energiesysteme Volker Quaschning ausdrückt.

Die Physik verhandelt nicht

Denn der Zeitplan für den Klimawandel wird nicht am Berliner Kabinettstisch oder bei UN-Konferenzen beschlossen, sondern ergibt sich aus den Gesetzen der Physik – und mit den Naturgesetzen kann man nun einmal schlecht verhandeln, hat der ehemalige Vizechef des Weltklimarates, Jean-Pascal van Ypersele, einmal gesagt.

Wie gnadenlos die Physik ist, kann man ausrechnen: 420 ppm (Teile auf eine Million) CO₂ in der Erdatmosphäre bedeuten 1,5 Grad Temperaturanstieg im globalen Mittel, 450 ppm werden zwei Grad nach sich ziehen. Die Begrenzung auf 1,5 Grad ist das gegenwärtig gültige UN-Ziel, zwei Grad halten Klimaforscher für gerade so eben noch beherrschbar.

Als die Menschheit in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss, massenhaft fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl zu verbrennen, lag der CO₂-Wert in der Erdatmosphäre bei 280 ppm. Bis dahin war dieser Wert seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren sehr stabil gewesen. Heute beträgt er 415 ppm – und ist damit so hoch wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

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Der Mensch sorgt für atemberaubendes Tempo

Natürlich hat die CO₂-Konzentration in der Erdgeschichte schon immer geschwankt. Vor 200 Millionen Jahren (also zur Zeit der Dinosaurier) lag sie sogar bei über 1000 ppm – womit die globale Durchschnittstemperatur um acht Grad höher lag als heute. Der Planet braucht nicht unbedingt SUV oder Flugzeuge, um das Klima aufzuheizen. Mit dieser Feststellung haben Klimaskeptiker durchaus recht. Allerdings unterschlagen sie bei diesem Hinweis gern ein Detail: Es geht heute sehr viel schneller als in der Vergangenheit des Planeten. Der Anstieg der CO₂-Konzentration geht derzeit 100-mal so schnell wie am Ende der letzten Eiszeit, als sich der Planet zum bisher letzten Mal derart deutlich erwärmt hatte. Das derzeit atemberaubende Tempo ist nur mit menschlichem Zutun zu erklären.

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Kohlendioxid hat die unangenehme Eigenschaft, sich in der Atmosphäre anzureichern. Einmal ausgestoßen, bleibt es für über 100 Jahre in der Atmosphäre und verstärkt dort den natürlichen Treibhauseffekt. In den vergangenen sechs Jahren kamen durchschnittlich 2,5 ppm hinzu. Die Menschheit hat also theoretisch noch zwei Jahre Zeit, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Praktisch kann man das also vergessen. Und auch für das existenziell wichtige Zwei-Grad-Ziel haben wir nur noch zehn bis 15 Jahre Zeit.

Wollen wir auch nur die Chance auf den Erhalt der menschlichen Zivilisation wahren (denn um nicht weniger geht es!), dann muss in den kommenden Jahren sehr viel passieren. Laut Umweltprogramm der Vereinten Nationen müsste in den kommenden zehn Jahren der CO₂-Ausstoß jährlich um 7,6 Prozent sinken.

Die Erderwärmung verselbstständigt sich

Wenn das nicht passiert, wird es irgendwann in den 2030er-Jahren zu spät sein. Denn 450 ppm bedeuten nicht nur zwei Grad Temperaturanstieg, sondern noch etwas anderes: die Verselbstständigung der Erderwärmung. Bei einer solchen CO₂-Konzentration nämlich werden mehrere Kipppunkte im Klimasystem ausgelöst, die Prozesse laufen dann auch ohne unser weiteres Zutun ab – ganz gleich, wie wir uns anschließend noch um das Klima bemühen. Wenn beispielsweise die Permafrostböden komplett auftauen, dann wird dadurch derart viel Klimagas (vor allem Methan) freigesetzt, dass unser CO₂ dann auch keine große Rolle mehr spielt. Ähnlich dramatische Folgen hätte es, wenn sich die Methanhydrate an den Kontinentalabhängen der Ozeane großflächig auflösen.

Wir sind die letzte Generation, die das alles noch aufhalten kann. „Was wir in den nächsten zehn Jahren erreichen, wird darüber entscheiden, ob wir es schaffen, aus dieser Notlage herauszukommen“, sagt Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Nicht umsonst steht die gegenwärtige Klimakonferenz in Madrid unter dem Motto „Zeit zu handeln“.

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Das wichtigste Instrument für den Klimaschutz ist unbestreitbar die Energiewende: Die Tendenz der erneuerbaren Energien war in den vergangenen Jahren durchaus erfreulich, auch bei uns. Fast 43 Prozent des Stroms in Deutschland stammen inzwischen aus erneuerbaren Quellen. Bis 2030, so das Ziel der Bundesregierung, sollen es 65 Prozent sein – was bei entsprechenden Rahmenbedingungen durchaus machbar wäre. Die Internationale Energieagentur schreibt vor allem der Windenergie ein „quasi unbegrenztes Potenzial“ zu.

Bremsen, statt Potenzial zu nutzen

Aber statt dieses Potenzial zu nutzen, zieht die Bundesregierung absurde Bremsen ein. Der Abstand von Windrädern zur Wohnbebauung, so will es das Bundeswirtschaftsministerium, soll künftig mindestens 1000 Meter betragen. Manche Politiker wollen sogar die in Bayern geltende 10-H-Regel bundesweit übernehmen. Diese Regel besagt, dass ein Windrad von Wohnhäusern eine Entfernung haben muss, die seiner zehnfachen Höhe entspricht – also meist 2000 Meter. Während Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) unter dem Eindruck der Fridays-for-Future-Bewegung Bäume umarmt und den Klimaschutz ins Grundgesetz schreiben will, besteht in seinem Bundesland praktisch ein Bauverbot für Windräder.

Wenn man sich wundert, wie auch das Bundeswirtschaftsministerium auf die Idee mit den großzügigen Abstandsregeln kommt, dann muss man sich nur anschauen, von wem sich das Wirtschaftsministerium bei diesem Thema so alles beraten lässt. Da sitzen dann auch gern mal Vertreter des klimaskeptischen Vereins Vernunftkraft als Sachverständige mit am Tisch. Dieser Verein hat nur ein Ziel: Bekämpfung der Energiewende, vor allem die Verhinderung neuer Windräder.

Ausgerechnet Klimaskeptiker als Sachverständige

Natürlich muss man mit den Menschen vor Ort immer eine Lösung finden. Es gibt zwar keine wissenschaftlich belegbaren Hinweise, dass Infraschall oder sonstige Auswirkungen von Windrädern gesundheitsschädlich sein könnten, aber ein Konsens mit den Anwohnern ist dennoch wichtig. Ausgerechnet Klimaskeptiker als Sachverständige hinzuzuziehen ist jedoch absurd. Genauso gut könnte man auch mit dem Fuchs die Sicherheit des Hühnerstalls aushandeln.

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Auch andere Stellschrauben, mit denen man den Klimaschutz voranbringen könnte, werden bestenfalls sanft gestreichelt, aber nicht ernsthaft gedreht. Der im Klimapaket der Bundesregierung beschlossene CO₂-Preis von 10 Euro je Tonne hat bestenfalls symbolischen Wert. Wie es auch gehen kann, zeigt Schweden: Dort ist die CO₂-Bepreisung bereits 1991 mit 24 Euro pro Tonne gestartet. Inzwischen kostet der Ausstoß 115 Euro. Wie sinnvoll das Instrument ist, lässt sich an der Klimabilanz ablesen: Ein Schwede verursacht inzwischen nur noch halb so viel CO₂ wie ein Deutscher.

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Umweltaktivistin Greta Thunberg ist per Boot in Portugals Hauptstadt Lissabon angekommen. Sie will nun zur UN-Klimakonferenz im spanischen Madrid weiterreisen.  © AFP

Zwar sieht der Einstieg in die CO₂-Bepreisung sinnvollerweise eine stufenweise Erhöhung vor – aber leider nur in einem Umfang, der dem Klima kaum helfen wird. Bis 2025 soll der Preis von anfangs 10 auf dann 35 Euro je Tonne steigen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hätte das der Einstiegspreis sein müssen, bis 2025 müssten es 80 Euro sein, um eine ernsthafte Lenkungswirkung zu erzielen. „Der nun vereinbarte homöopathische CO₂-Preis ist ein Witz“, urteilt DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert.

Arbeitsplätze kontra Klimaschutz?

Auch beim Kohleausstieg hat die Zaghaftigkeit gesiegt. Der ist nicht nur teuer, sondern bedeutet auch, dass wir noch 20 Jahre lang die klimaschädliche Kohle verbrennen werden. 20.000 Braunkohlearbeitsplätze sind für die politischen Entscheidungsträger ein wichtigeres Argument als der Klimaschutz. Dass in den vergangenen vier Jahren in der Windkraftbranche fast dreimal so viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind, wie es in der Braunkohle bundesweit überhaupt noch gibt, regt hingegen niemanden sonderlich auf.

Ähnlich schwer tut sich Deutschland mit der dringend erforderlichen Verkehrswende. Da werden Autogipfel organisiert, Kaufprämien für E-Autos und Ladesäulen beschlossen. Alles sehr mühsam, alles unter Obhut eines Verkehrsministers, der sich offenbar als Schutzheiliger der Autoindustrie versteht. Wie das alles viel einfacher gehen könnte, zeigt Norwegen: Dort dürfen Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2025 nicht mehr zugelassen werden. Zwar dürfte einem Land, das keine eigene Autoindustrie hat, ein solcher Beschluss leichter fallen als Deutschland, aber ein Enddatum für den Bau von Verbrennungsmotoren würde auch bei uns einen positiven Druck entfalten.

Leise Hoffnung und laute Wut

Was im Augenblick immerhin Hoffnung macht, ist die neue EU-Kommission: Die Ankündigung von Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU), eine Billion Euro in den Klimaschutz zu stecken, ist eine erfreuliche Trendwende der europäischen Politik. Auch dass das EU-Parlament den Klimanotstand ausgerufen hat, deutet in die richtige Richtung. Das ist zwar nur ein symbolischer Akt, aber die deutliche Mehrheit, die im Parlament dafür gestimmt hat, zeigt immerhin, dass das Klimabewusstsein gewachsen ist.

Daran haben sicherlich auch die Jugendlichen ihren Anteil, die freitags demonstrieren, statt zur Schule zu gehen. Sie haben das Thema in den Blickpunkt gerückt wie kaum jemand zuvor. Vielleicht haben die Fridays-for-Future-Demonstranten in den vergangenen anderthalb Jahren mehr für den Klimaschutz bewirkt als die 24 UN-Klimakonferenzen seit 1995 mit ihren diplomatisch ausgewogenen Formelkompromissen. Jedenfalls im Bewusstsein der Verantwortlichen.

Es ist kein Wunder, dass die heute 16-Jährigen wütend sind. Schließlich ist es auch ihr Planet, den die Generation der heute 60-Jährigen in diese gefährliche Lage gebracht hat.

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