Leugnen, bis die Erde brennt: Das Netzwerk der Klimawandelleugner

  • Am menschengemachten Klimawandel gibt es längst keinen wissenschaftlich begründeten Zweifel mehr.
  • Trotzdem macht ein Netzwerk von Klimawandelleugnern weiter gegen den Klimaschutz mobil.
  • Mittendrin: die Rechtsaußenpartei AfD.
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Berlin/Gera. Beinahe könnte man die Konferenz des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE) für eine ganz gewöhnliche Wissenschaftskonferenz halten. Rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörer – die meisten von ihnen maskenlose Männer gehobenen Alters – kommen an einem Freitag im November im großen Saal des Kongresszentrums im thüringischen Gera zusammen. Sie wollen über das Klima sprechen und Vorträgen von Professoren aus mehreren Ländern über Sonnenaktivität, kosmische Strahlung oder den geplanten Green Deal der EU lauschen.

Doch um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaftskonferenz ist es schlecht bestellt: EIKE ist, dem wohlklingenden Namen zum Trotz, kein Institut, sondern ein Lobbyverein von Klimawandelleugnern, der seit Jahren versucht, den Klimaschutz in Deutschland zu torpedieren. Dabei nutzt er besonders seine engen personellen Verbindungen zur AfD.

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Klimawandelleugner: Nah an der AfD

Diese Rechtsaußenverbindung wird auch in Gera überdeutlich: Gleich am Empfang grüßt ein Burschenschaftler und ehemaliger stellvertretender Landesvorsitzender der ultrarechten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative die Gäste und verteilt Namensschilder. Auf den in langen Reihen aufgestellten Tischen im holzvertäfelten Saal aus DDR-Zeiten liegt für jeden Besucher ein Exemplar der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ bereit. Und in der blau-weißen EIKE-Umhängetasche, die im Eintrittspreis zur Konferenz inbegriffen ist, steckt ein Werbeflyer: Zum reduzierten Preis von 32 Euro bietet die „Junge Freiheit“ den Freunden der Leugnung des Klimawandels ein 12-wöchiges „EIKE-Abo“ an.

In der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ haben die Klimawandelleugner von EIKE eine Unterstützerin gefunden. © Quelle: Felix Huesmann/RND

Unter den Teilnehmern der Konferenz ist auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse – einer der exponiertesten Klimawandelleugner der Fraktion, der den stellvertretenden EIKE-Vorsitzenden Michael Limburg zumindest in der Vergangenheit in seinem Abgeordnetenbüro beschäftigte.

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Der 2007 gegründete Verein EIKE ist in Deutschland eine kleine Splittergruppe. Ihr direkter Einfluss ist eher überschaubar. Repräsentative Umfragen zeigen regelmäßig, dass eine große Mehrheit der Deutschen den Klimawandel für ein drängendes Problem hält. Und auch in der deutschen Politik hat sich diese Erkenntnis jenseits der AfD in allen größeren Parteien weitgehend durchgesetzt. Global gesehen gilt das jedoch nicht überall. In den USA war mit Donald Trump bis Januar dieses Jahres ein Klimawandelzweifler Präsident. Unter ihm trat das Land zeitweise vom wichtigen Pariser Klimaabkommen zurück. In Teilen der mächtigen Republikanischen Partei gehört die Leugnung des Klimawandels weiterhin zum guten Ton.

Direkter Draht in die USA

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Mit einem der zentralen Akteure der US-amerikanischen Klimawandelleugner-Bewegung ist auch EIKE eng verbunden – dem Heartland Institute. Von der Tabakindustrie finanziert machte die konservativ-libertäre Denkfabrik in den 1990er Jahren zunächst vor allem gegen Rauchverbote mobil. Mittlerweile ist der Kampf gegen den Klimaschutz ihr wichtigstes Thema. In der Vergangenheit unterstützten Erdölkonzerne die Heartland-Arbeit, auch industrienahe ultrakonservative Großspender gehören zu den Geldgebern.

„Wir arbeiten seit einigen Jahren sehr eng mit dem Heartland Institute zusammen“, sagt EIKE-Gründer und -Vorsitzender Holger Thuß in Gera, bevor er den aus den USA angereisten Rechtsanwalt und Heartland-Präsidenten James Taylor auf die Bühne bittet. Taylor spricht über die Klimapolitik des Demokratischen US-Präsidenten Joe Biden. Doch erst einmal lobt er seine deutschen Mitstreiter. Etwa die Hälfte der US-Bevölkerung glaube nicht an die „sogenannte Klimakrise“. In Deutschland und Europa sei das anders. Medien und Schulen würden die Köpfe der Menschen mit „einseitiger Propaganda fluten“, sagt Taylor. „Ohne Gruppen wie EIKE wäre die Sache verloren.“

Vom SPD-Umweltsenator zum Stichwortgeber gegen Klimaschutz

Von einer Relevanz wie in den USA kann EIKE nur träumen. Doch Klimawandelleugnung und der Kampf gegen effektiven Klimaschutz sind auch in Deutschland kein reines Phänomen einer AfD-Nische am äußerst rechten Rand. In Gera spricht auch Fritz Vahrenholt. Der 72-Jährige war in den 1990er Jahren sozialdemokratischer Umweltsenator in Hamburg und arbeitete anschließend unter anderem als Manager für Mineralöl- und Energiekonzerne. Heute reist er durch das Land und hält Vorträge über Klima und Energiewende.

Vahrenholt leugnet den menschengemachten Klimawandel nicht gänzlich – spielt die Gefahren der Erderhitzung und den Einfluss des Klimagases CO₂ jedoch gemeinsam mit seinem Co-Autor Sebastian Lüning massiv herunter. Viel stärker als CO₂ sei demnach die Aktivität der Sonne für den Wandel des Weltklimas verantwortlich.

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Keine Zweifel mehr am menschengemachten Klimawandel

Der Ozeanograph und Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung weist Behauptungen wie die von Vahrenholt energisch zurück. „Wissenschaftler untersuchen seit Jahrzehnten den Einfluss der Sonnenaktivität und kosmischen Strahlen auf das Klima; die Ergebnisse dieser Studien werden regelmäßig in den Berichten des Weltklimarats IPCC zusammengefasst“, sagt Rahmstorf dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Der letzte Bericht vom August kommt zu dem Schluss, dass der Einfluss solcher natürlicher Antriebsfaktoren auf die globale Temperaturveränderung seit dem 19. Jahrhundert kleiner als 0,1 Grad ist – verglichen mit mehr als 1 Grad Erderwärmung.“ Außerdem habe die Sonnenaktivität in den letzten fünfzig Jahren leicht abgenommen. „Wenn überhaupt hat sie der Klimaerwärmung also leicht entgegengewirkt“, resümiert Rahmstorf. „Die moderne Erderwärmung ist nahezu komplett vom Menschen verursacht, daran gibt es keine Zweifel mehr in der Wissenschaft.“

Der Ozeanograph und Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Archivbild). © Quelle: dpa

Genau solche Zweifel säen Autoren und Aktivisten wie Vahrenholt jedoch weiter. Viele Vorträge, wie sie auch bei EIKE in Gera zu hören sind, klingen für Laienohren streng wissenschaftlich, die begleitenden Powerpoint-Präsentationen strotzen nur so vor Formeln und beeindruckenden Diagrammen.

Klimawandelskepsis auch in Teilen der Union

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Auch in Teilen der Unionsparteien hält sich bis heute eine Klimaskepsis – die bis zur offenen Leugnung des Klimawandels durch die Verbrennung fossiler Energieträger reicht. 2020 gaben der frühere Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen und der damalige Vorsitzende der Werteunion, Alexander Mitsch, den Klimawandelleugnern von EIKE ein gemeinsames Interview. Darin sprachen sie sich gegen einen Ausstieg aus der fossilen Energie und eine CO₂-Steuer aus. Der bayerische Ableger der Werteunion veröffentlichte ebenfalls 2020 ein „Klimamanifest“, das den menschengemachten Klimawandel leugnet. Und auch der „Berliner Kreis“ besonders konservativer CDU-Bundestagsabgeordneter wandte sich in den vergangenen Jahren heftig gegen die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung – und damit auch ihrer eigenen Partei.

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Großen Einfluss haben diese parteiinternen Strömungen nicht mehr. Doch das jahrelange Säen von Zweifel an den Erkenntnissen der Klimaforschung über Parteigrenzen hinweg blieb nicht ohne Folgen. „Die Leugner und Verharmloser des durch fossile Energienutzung verursachten Klimawandels haben immensen Schaden angerichtet“, sagt Stefan Rahmstorf. Sie hätten die Klimapolitik jahrzehntelang verzögert, „sodass jetzt nur noch eine teure Vollbremsung bei den Emissionen eine Katastrophe verhindern kann.“

Ausgerechnet diese „Vollbremsung“ könnte den Gegnern des Klimaschutzes nun neuen Auftrieb verschaffen. Denn je einschneidender die Klimaschutzmaßnahmen, desto größer das Mobilisierungspotenzial ihrer erbitterten Gegner. Bei EIKE und auch bei der AfD spricht man längst von einem angeblich drohenden „Klimalockdown“, der auf den Corona-Lockdown folgen solle. Belegt sind solche Schauerszenarien nicht. Doch gerade in der Gedankenwelt jener, die auch an Corona-Verschwörungserzählungen glauben, spielen Beweise bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Corona- und Klimamythen Hand in Hand

Und die Mythen um Corona und den Klimaschutz sind längst eng miteinander verwoben. So gehen viele Anhänger der weltweit verbreiteten Erzählung vom „Great Reset“ davon aus, die Pandemie sei lediglich ein Vorwand globaler Eliten, um die Weltwirtschaft klimagerecht und „grün“ umzubauen.

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Wachsende Sorge vor Radikalisierung von Corona-Protesten
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In vielen deutschen Städten wurde am Wochenende gegen die Corona-Politik demonstriert. Oft blieb es friedlich, mancherorts ging es aber ziemlich aggressiv zu.  © dpa

Solche Verschwörungsmythen dürften die Politik zumindest in Deutschland nicht von ihrem Kurs für einen verstärkten Klimaschutz abbringen. Doch die teils gewalttätigen Protestwellen gegen Corona-Maßnahmen und Impfungen zeigen, welche radikalisierende Wirkung derartige Erzählungen entfalten können.

„Klimawandelskepsis und die dazugehörenden Desinformationen sind ein maßgeblicher Verursacher von Polarisierung, die vielfach im Rahmen einer demokratiefeindlichen Agenda eingesetzt wird“, analysiert das Berliner Institute for Strategic Dialogue in einer aktuellen Studie zur Rolle von Klimaschutz-Themen im vergangenen Bundestagswahlkampf. Die Debatte rund um das Klima habe sich zu einem „Kulturkampf“ entwickelt.

Den Leugnern und Verharmlosern scheint in diesem Kampf jedes Mittel recht. Umso größer sind die Herausforderungen der neuen Bundesregierung. Sie muss Deutschland nicht nur auf den schwierigen Pfad zum vielbeschworenen 1,5-Grad-Ziel bringen. Sie muss auch dafür Sorge tragen, auf diesem Weg nicht noch mehr Menschen an ein gesellschaftliches Lager zu verlieren, dem Wissenschaft, Redlichkeit und demokratischer Diskurs nichts bedeuten.

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