Klimaschutz durch Kernkraft? Der Trend geht zum Minireaktor

  • In den USA denken immer mehr Umweltschützer um und werben für Nuklearenergie – aus Sorge ums Klima.
  • Eine Firma aus Oregon bastelt an neuen technischen Lösungen: SMR, small modular reactors, die auf einen Schwerlaster passen.
  • Deutschland ignoriert die neuen Debatten. In Großbritannien dagegen sieht eine alte Firma in SMR ein neues Geschäftsfeld: Rolls-Royce.
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„Im College wurde mir beigebracht, dass Atomkraft schlecht für die Umwelt ist“, schreibt die Kalifornierin Kristin Zaitz in ihrem Blog. Heute aber finde sie Kernkraftwerke gut.

Kein Wunder: Zaitz arbeitet selbst in einem, schon seit 18 Jahren. Nuklearenergie, sagt sie, helfe beim Klimaschutz.

Zaitz hat drei Kinder, Kate (7), Oliver (10) und Sasha (2). Sie liebt die Natur, sie läuft Marathons, sie macht mit bei Strandsäuberungen durch Freiwillige. Und sie hält inne, wenn sich wieder mal ein Buckelwal spritzend aus dem Wasser wirft. Das kann sie direkt vom Kraftwerk aus sehen. Diablo Canyon, der alte Meiler, den sie betreut, liegt direkt am Pazifik. 1973 ging die aus zwei Reaktoren bestehende Anlage ans Netz, 2025 soll sie stillgelegt werden.

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Nur ein PR-Trick? Kristin Zaitz, hier mit ihrer Tochter Kate, wirbt im Verein „Mothers for Nuclear“ für die Atomkraft. © Quelle: Mothers for Nuclear

Zaitz findet die geplante Abschaltung angesichts der Klimakrise idiotisch, ebenso wie ihre Kollegin Heather Hoff, Mutter von Zoe (11) und nach eigenen Worten ebenfalls eine „lebenslange Umweltschützerin“. In der Highschool war Heather Präsidentin des Umweltclubs. Wenn Diablo Canyon geschlossen wird, warnt sie, werde man die Unbeständigkeit von Sonne und Wind mit Gaskraftwerken auffangen – und dem Klima schaden.

Alles nur ein PR-Trick?

Inzwischen sind Kristin und Heather die Poster-Girls einer Bewegung, die nicht mehr nur in Kalifornien von sich reden macht: „Mothers for Nuclear“ – Mütter für Atomkraft – nennen sie ihren Verein, der im Internet vor dem Ausstieg aus der Nuklearenergie warnt und stattdessen deren Modernisierung fordert.

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Ist das nur ein pfiffiger PR-Trick der Branche? Oder wollen die beiden Frauen einfach nur ihre Jobs retten?

Nein, betonen beide. Der Betreiber, Pacific Gas & Electric, habe ihnen längst verlässliche Anschlussjobs gegeben. Ihnen komme es darauf an, die Treibhausgasemissionen niedrig zu halten. Man könne es glauben oder nicht, aber es gehe ihnen um die Zukunft ihrer Kinder.

Tatsächlich, und da wird es dann kompliziert, liefert Diablo Canyon im Augenblick fast ein Viertel des gesamten kohlendioxidfrei erzeugten Stroms, der in Kaliforniens Netze geht.

Der Doppelreaktor von Diablo Canyon ist der letzte noch laufende Reaktor in Kalifornien. Ein Teil der Klimaschützerszene setzt sich dafür ein, ihn über 2025 hinaus zu betreiben und dann durch neue, kleinere AKW zu ersetzen – als Ergänzung zu Sonne und Wind. © Quelle: Marya, San Luis Obispo

Willkommen in einer verwirrenden neuen Ökodebatte. In den USA hat die Klimakrise die – in Deutschland immer noch sehr soliden – Trennwände zwischen Umweltschützern und Atomkraftbefürwortern zum Einsturz gebracht.

Michael Shellenberger zum Beispiel, Jahrgang 1971, langjähriger Klimaaktivist, brachte Amerikas Ökoszene durcheinander, als er bereits vor einigen Jahre die Losung ausgab, ohne Atomkraft sei die Klimawende einfach nicht zu schaffen.

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Man müsse etwa der Tatsache ins Auge sehen, dass allein Diablo Canyon doppelt so viel Strom erzeuge wie alle Sonnenkollektoren des Bundesstaates Kalifornien – wobei Kalifornien in den USA der Solarstaat Nummer eins ist. Gehe der Reaktor vom Netz, warnte Shellenberger, drohe ein Effekt, als ob man mal eben zwei Millionen Autos zusätzlich auf die Straße bringe.

Klimaschützer gegen „Anti-Atom-Bullshit“

Der Klimaforscher Ted Nordhaus, Gründer des Breakthrough Instituts in Oakland, das seit Jahren für einen technologiebetonten „Ökomodernismus“ wirbt, sieht es genauso: Wer die Gefahr des Klimawandels ernst nehme, müsse alternative Energie und Atomkraft kombinieren. Im Februar forderte er, mit dem „Anti-Atom-Bullshit“ endlich Schluss zu machen.

Wie aber soll das gehen? Alte Meiler wie Diablo Canyon laufen zu lassen kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, zumal die Gegend von Erdbeben bedroht ist.

Andererseits: Viele amerikanische Reaktoren sind überaltert. Sollen die USA jetzt ernsthaft aus der Atomkraft aussteigen – während China gemäß den jüngsten Beschlüssen seiner Führung den Bau von sechs neuen Reaktoren pro Jahr plant? Eben erst ging, von der auf Corona fixierten Weltöffentlichkeit unbemerkt, das AKW Hualong One ans Netz, ein hochmoderner Reaktor, den China ohne ausländische Patente entwickelt hat – und nun auch als Exportprodukt anbietet. Pakistan zum Beispiel will den gleichen Typ noch dieses Jahr in Betrieb nehmen.

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Im Januar hat China in der Küstenstadt Fuqing einen neuen Reaktor vom Typ Hualong One (hier ein Bild aus der Bauphase im Jahr 2018) in Betrieb genommen. Nach dem neuen chinesischen Fünfjahresplan müssen jedes Jahr sechs neue Kernkraftwerke gebaut werden. China will Hualong One auch exportieren. Die in der EU geltenden Kriterien werden von diesem neuen Reaktortyp, wie es in der Branche heißt, bereits erfüllt. © Quelle: Xinhua

Und was tun die USA? 2021 könnte für die Atomkraft zu einem alles entscheidenden Jahr werden, orakelte Anfang dieser Woche im Magazin „Scientific American“ der Energieexperte Josh Freed von der Washingtoner Mitte-links-Denkfabrik Third Way. Das Institut sympathisiert mit den Betrachtungsweisen der kalifornischen Vordenker Shellenberger und Nordhaus.

Die Atomkraft, sagen Kenner der Debatte in den USA, sei seit Langem „der Elefant im Raum“. Niemand bekenne sich gern offen zu ihr. Sie bleibe einerseits emotional verbunden mit Fukushima, Tschernobyl und Harrisburg. Doch sie könne auch Antworten geben auf zwei derzeit pressierende Fragen: Wie kann man die Klimaziele einhalten, ohne bei weltweit weiter steigendem Energiebedarf den Leuten den Saft abzudrehen? Und wie lassen sich in Zukunft große Mengen Wasserstoff erzeugen, CO₂-neutral, verlässlich und stetig? Die energetisch extrem aufwendige Hydrolyse, mit der man den inzwischen immer begehrteren Wasserstoff erzeugen muss, könnte den Bedarf abermals steigern.

Sind Minireaktoren ein Game-Changer?

Nukleare Großanlagen indessen gelten inzwischen als politisch unwillkommen: zu teuer und vor Ort schlecht zu vermitteln. Eine Firma in Portland, Oregon, indessen tüftelt schon an einer für viele deutlich sympathischer wirkenden Alternative: Nuscale Power plant Miniatomkraftwerke, small modular reactors (SMR), die vielleicht zum politischen Game-Changer werden könnten.

Zwar winken europäische Atomkraftgegner ab. Eine Vielzahl kleiner Reaktoren, klarer Fall, würde ihre schon seit Jahrzehnten existierenden Albtraumvorstellungen in grotesker Weise noch multiplizieren. Doch die SMR-Idee hat nicht nur technisch Charme. Sie hat auch einflussreiche Befürworter, Leute mit so klangvollen Namen wie Joe Biden, Boris Johnson und Bill Gates.

Ein SMR (small modular reactor) von Nuscale: Als „inhärent sicher“ beschreiben amerikanische Techniker ihr Produkt. © Quelle: Nuscale

Die Nuscale-Vision geht so: Eine große Atommodulfabrik fertigt die Module in Serie, das senkt die Kosten. Jede interessierte Region könnte dann eine speziell auf ihren Energiebedarf zugeschnittene Lösung suchen und wahlweise ein Modul oder mehrere kommen lassen. Der Transport wäre auf Schwerlastwagen möglich und auf Binnenschiffen. Sobald das Modul wie vorgesehen in Wasser platziert und arretiert ist, ist laut Nuscale ein Durchschmelzen des Reaktorkerns schon wegen dessen geringer Größe physikalisch ausgeschlossen.

„Unsere kleinen Reaktoren sind sicherer als jedes Atomkraftwerk“, sagt Diane Hughes, Marketingchefin bei Nuscale. Das liege an der schon durch die Konstruktion bewirkten Sicherheit. Wenn irgendetwas schief gehe, schalte sich das System sicher ab und werde schon durch das umgebende Wasser heruntergekühlt. „Man braucht dazu keinen Bediener, der irgendwie eingreift, keinen Strom und auch kein zusätzliches Wasser.“

Erste EU-Staaten melden Interesse an

Erste Genehmigungen der nuklearen Regulierungsbehörden der USA liegen schon vor. Praxistests sind im Bundesstaat Idaho geplant. In der EU interessieren sich vor allem Bulgarien, Rumänien und Estland für Lösungen dieser Art. Mitte Februar unterzeichneten Nuscale und der Betreiber des bulgarischen Atomkraftwerks Kosloduj ein Memorandum, wonach der Einsatz von SMR in Bulgarien in den kommenden Jahren näher geprüft werden soll.

„Es gibt ein wachsendes internationales Kundeninteresse“, erklärte Hughes am Mittwoch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Länder auf der ganzen Welt nehmen derzeit kleine modulare Reaktoren in ihre Klimaschutzpläne auf. Sie sehen die neuen Nukleartechnologien als kostengünstige, sichere und zuverlässige Lösung.“

„Es gibt ein wachsendes internationales Kundeninteresse“: Diane Hughes, verantwortlich für Marketing und Kommunikation bei Nuscale Power in Portland, Oregon, USA. © Quelle: NuScale

Die Abfallfrage allerdings bliebe ungelöst. Doch auch an dieser Stelle machen sich kalifornische Start-ups schon neue Gedanken. Die von Gates mitfinanzierte Firma Terrapower will Abfälle umwandeln in neue Energiequellen. Kritiker wenden sich ab mit Grausen, sie sehen hier das Risiko der Entstehung waffenfähigen Materials. Milliardär Gates hingegen zeigt sich zuversichtlich, „dass wir die noch bestehenden Probleme in den Griff bekommen“.

London plant den Rolls-Royce unter den Minireaktoren

Unterdessen hat sich ein ehemaliger EU-Staat entschlossen, selbst Minireaktoren zu produzieren und auf dem Weltmarkt zu verkaufen: Großbritannien.

Der Technikkonzern Rolls-Royce hat seit Jahrzehnten Erfahrung mit dem Einbau von Minireaktoren in U-Boote. Und inzwischen sind die Briten offenbar auch bei der zivilen SMR-Technik im Verborgenen schon weiter gekommen als gedacht.

Die Phase der Machbarkeitsstudien sei vorbei, ab Mai werde man sich um Investoren bemühen, ließ jüngst der Chief Technology Officer von Rolls-Royce, Paul Stein, bei einer Onlinetagung wissen. Ab 2024 werde Rolls-Royce in den Genehmigungsprozess mit den britischen Regulierungsbehörden einsteigen. Ans Netz gehen sollen die ersten Anlagen im Jahr 2030. Die Briten wissen, dass sie sich beeilen müssen. Auch die Japaner, der Mischkonzern Hitachi vorneweg, sind in der Angelegenheit unterwegs. In ratsuchenden Staaten wie Estland gibt man sich bereits die Klinke in die Hand.

Stellenweise geriet der Rolls-Royce-Mann bei seinem Onlinevortrag auf fast unbritische Weise ins Schwärmen. Ein SMR von Rolls-Royce, hob er an, werde in der Lage sein, „eine Stadt von der Größe von Leeds zu versorgen“. Glücklicherweise gehe es hier vollständig um geistiges Eigentum des Vereinigten Königreichs – „das ist eine großartige Exportmöglichkeit“. Zugleich helfe das Projekt dem Klima: „Nicht nur mein Land kann auf diese Art das Nettonullziel bis 2050 erreichen.“

An den Deutschen indessen geht die SMR-Debatte bisher vorbei. Und der kleine Kreis in Berlin, der das Thema kennt, schweigt bewusst. „Keiner hat hier Lust, im Superwahljahr 2021 eine neue Atomdebatte anzuschieben“, hieß es diese Woche etwa aus Führungskreisen der CDU.

Impfprobleme, Maskenskandale und eine unselige nationale Nabelschau fordern ihren Tribut. In einer Zeit, in der rund um den Globus die Energiepolitik gerade neu definiert wird, geht die größte Regierungspartei in Europas bislang führender Industrienation einfach nur stumm in Deckung.

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