Kommentar zu den Klimaprotesten

Die Kartoffelbreiwerfer und wir

Misstrauen der Politik: Klimaaktivisten stehen vor der Parteizentrale von Bündnis90/Die Grünen mit einem Plakat „Was, wenn die Regierung das nicht im Griff hat?“.

Misstrauen der Politik: Klimaaktivisten stehen vor der Parteizentrale von Bündnis90/Die Grünen mit einem Plakat „Was, wenn die Regierung das nicht im Griff hat?“.

Der Fortschritt ist auch nicht mehr das, was er mal war. Denn wohin soll er aus Sicht eines jungen Menschen führen, den der Ausverkauf unseres Planeten umtreibt? Zu noch mehr tonnenschweren Geländewagen in den Innenstädten, betrieben mit welcher Energieform auch immer? Zu einer Landwirtschaft, die als Kollateralschäden noch mehr ausgestorbene Arten zu verbuchen hat? Und zu noch mehr Flugzeugen am Himmel, die in ferne Urlaubsziele schweben?

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In der momentan hochkochenden Debatte um die Klimaaktivisten hilft es, für einen Augenblick in die Haut eines Teenagers zu schlüpfen: Ist es so schwer nachzuvollziehen, dass ihn oder sie angesichts einer bestenfalls halbherzig handelnden Politik die Ungeduld, ja vielleicht sogar die Wut packt? Wer jung ist, der muss es noch ein ganzes Weilchen auf dieser Erde aushalten können – am besten auch in jenen Ländern, in denen die Menschen jetzt schon um ihr Leben gegen Feuerwalzen und Überschwemmungen kämpfen. Der jetzige Protest ist geboren aus Verzweiflung, nicht aus Hoffnung.

Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ beschmieren Parteizentralen der Ampel

Klimaaktivisten haben am Mittwochvormittag die Parteizentralen von SPD, FDP und der Grünen in Berlin mit Feuerlöschern und Farbe beschmiert.

Die Politik und ihre Prioritäten

Vor der Corona-Pandemie hat die Fridays-for-Future-Bewegung rund um den Globus einen enormen Zulauf gehabt. Womöglich wäre ohne das Virus und ohne den russischen Überfall auf die Ukraine die Weltgemeinschaft einen Schritt weiter bei der Rettung des Planeten in letzter Minute. Dann verschoben sich die Prioritäten der Politik. Die Erde steuert nach Meinung der Wissenschaft weiter auf eine Überhitzung in den kommenden Jahrzehnten zu, die die Älteren mit all ihren Folgen kaum mehr erleben dürften.

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Zugegeben, ganz leicht dürfte so ein Perspektivwechsel jenen nicht fallen, die in diesen Tagen irgendwo im Stau stehen. Auf dem Asphalt kleben sich Protestlerinnen und Protestler fest und lassen sich in stundenlanger Kratzarbeit von der Polizei wieder befreien. Besonders in Berlin hat sich ein selbstbezügliches Katz- und Mausspiel zwischen Behörden und Aktivisten entwickelt, das Pendler auf die Palme bringt.

Jetzt haben sich die Aggressionen aber noch einmal verschärft: Es wird ermittelt, ob die Aktivisten einen Rettungseinsatz für eine verunfallte Radfahrerin verzögert haben. Die 44-Jährige wurde am Donnerstag von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten für hirntot erklärt. Ein Spezialfahrzeug soll im Stau festgesteckt haben. Mit Sicherheit lag das nicht in der Absicht der Protestierenden. Mögliche strafrechtliche Konsequenzen müssen sie tragen.

Und doch haftet der Wut auf die Unruhestifter etwas Scheinheiliges an. Vielleicht steckt dahinter nicht allein die berechtigte Sorge um das Leben einer Radfahrerin. Der Unmut dürfte auch deshalb so groß sein, weil Gruppen wie „Letzte Generation“ unmissverständlich deutlich machen, dass sich unser gewohnter Lebensstil kaum mit dem Kampf gegen den Klimawandel vereinbaren lässt.

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Hinter der immer schärferen Kritik steckt die Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen, zu denen wir noch nicht bereit sind. Sonst würden wir ja gar nicht jeden Morgen und jeden Abend wieder im Stau stehen. Auch ohne nervige Protestaktionen.

Vom Gesetz vergessen

Es ist noch nicht lange her, da versetzte das Bundesverfassungsgericht der deutschen Politik eine regelrechte Klatsche: Das Klimaschutzgesetz von 2019 verschiebe die Lasten auf die jüngeren Generationen und verstoße in Teilen gegen das Grundgesetz, verkündeten die Richter. Die Nachfolgenden wären diejenigen, die auf Strom, Heizung und Mobilität verzichten müssten.

Nach Unfall mit Betonmischer: Berliner Radfahrerin für hirntot erklärt

Die Berliner Polizei hatte zuvor fälschlicherweise mitgeteilt, dass die Frau verstorben ist.

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Die jungen Menschen wurden bei dem Gesetz glatt vergessen: In diesem gesellschaftlichen Umfeld setzen sich die Aktivisten auf die Straße oder bewerfen Gemälde mit Kartoffelbrei und Tomatensuppe. Im Museumsbetrieb stoßen sie dabei sogar hier und da auf Verständnis: Der Chef der Hamburger Kunsthalle sagte, die Bilder seien „nicht in schlimmer Gefahr, weil das ein sehr zivilisierter Protest ist“.

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Ob solche Aktionen dem Ziel der Rettung der Welt dienlich sind, müssen sich die Protestierenden seit dem Berliner Vorfall dennoch mehr denn je fragen. Aktivismus zielt darauf ab, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die eigene Sache zu gewinnen. So gesehen haben die Asphaltprovokateure bei ihrer moralischen Selbstermächtigung versagt. Sie müssen aufpassen, dass ihre Bewegung nicht ins Destruktive kippt.

Doch wer nun ein härteres Vorgehen gegen sie fordert, sollte sich auch eingestehen: Ihre Sache ist letztlich unsere Sache.

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