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Strategie der öffentlichkeitswirksamen Nadelstiche

Sand im Getriebe: Warum Just Stop Oil es nicht bei klassischen Demonstrationen belässt

Ganz besondere Kunstaktion: Klimaaktivistinnen der Gruppe Just Stop Oil haben sich an einer Kopie von Leonardo da Vincis Gemälde „Das letzte Abendmahl“ in der Royal Academy in London festgeklebt.

Sie blockieren Ölterminals. Sie stürmen rote Teppiche bei Preisverleihungen. Sie heften sich bei Premier-League-Fußballspielen mit Kabelbindern an Torpfosten. Sie setzen sich bei Formel-1-Rennen mitten auf die Strecke. Und neuerdings kleben sie sich auch an Gemälden in Kunstmuseen fest: Die britischen Klimaaktivisten von Just Stop Oil sorgen seit Monaten für Wirbel auf der Insel – und nerven mit ihren Aktionen viele. Genau das ist auch ihr Ziel.

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In Zeiten eines Krieges in Europa, von wachsender Inflation, globalen wirtschaftlichen Verwerfungen und einer eskalierenden Regierungskrise im eigenen Land ist es für jugendliche Klimaschützerinnen und Klimaschützer nicht ganz leicht, überhaupt Aufmerksamkeit zu erheischen. Bei den üblichen Demonstrationen, wie sie die Fridays-for-Future-Bewegung vor allem vor der Corona-Pandemie mit riesigem Zulauf organisiert hat, will es Just Stop Oil nicht belassen.

Spektakuläre Protestformen

An Petitionen und Aufrufe an Politikerinnen und Politiker glauben die Aktivistinnen und Aktivisten nicht mehr. Während die Klimakampfikone Greta Thunberg gerade die Veröffentlichung ihres „Klima-Buchs“ für den Herbst vorbereitet, sucht die britische Gruppe nach einer spektakuläreren Form des Protests über bloße Ankündigungen zum Kampf gegen die Klimakatastrophe hinaus. Ziviler Widerstand ist das erklärte Ziel. Sie wollen Sand im Getriebe sein, und sie sind nicht allein: Sie kletterten auch schon mit Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion auf Öllager.

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In Deutschland hat Just Stop Oil bereits Nachahmerinnen und Nachahmer gefunden. Beim Fußball-Bundesliga-Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg im April rannten zwei Männer aufs Feld und banden sich am Torgestänge fest. Auf T‑Shirts trugen sie die Aufschrift: „Letzte Generation – stoppt den fossilen Wahnsinn“. Nach kaum drei Minuten war der Spuk unter gellenden Pfiffen der Fans vorbei, das Spiel wurde fortgesetzt. Die Aktivisten von Letzte Generation kleben sich auch immer wieder an Autobahnen fest.

Die Forderungen der britischen Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten sind ganz konkret. Mitte Februar tauchten sie mit einem Brief und einem Ultimatum in Downing Street 10 auf: „Wenn es den Regierungen mit der Klimakrise ernst ist, darf es ab sofort keine neuen Investitionen in Öl, Gas und Kohle geben.“

Regierungschef beim Wort genommen

Die Gruppe nahm Regierungschef Boris Johnson beim Wort: „Voriges Jahr hat unser Premierminister jungen Menschen gesagt, dass unsere Zukunft vor unseren Augen gestohlen wird und dass wir jedes Recht haben, auf diejenigen wütend zu sein, die nicht genug tun, um das zu beenden.“ Johnson solle Lizenzen für neue Ölprojekte stoppen. Weil das nicht geschah, handeln sie: Es sei ihre „Pflicht, zu intervenieren, um das ultimative Verbrechen gegen unser Land, die Menschheit und das Leben auf der Erde zu verhindern“.

Kritikerinnen und Kritiker werfen den Protestierenden vor, dass ihre Aktionen unangemessen seien und das öffentliche Leben beeinträchtigten. Die Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten sehen das anders. Eine junge Frau namens Claudia sagte der BBC, sie hoffe, eines Tages eine eigene Familie zu haben, glaube aber nicht, dass dies aufgrund der Klimakatastrophe möglich sein werde. Es fühle sich ungerecht an, „ein Kind in diese Welt zu setzen“.

Könnte es sein, dass sich mit Just Stop Oil und den anderen Bewegungen ein verschärfter internationaler Protest ankündigt? Gerade jetzt, da die mit der Energiekrise konfrontierten Regierungen geneigt sind, wieder auf fossile Energien zu setzen? „Wir mobilisieren mehr als 1000 Menschen“, sagte ein Just-Stop-Oil-Aktivist dem „Guardian“.

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200 Festnahmen an einem Wochenende

Manchmal riskieren die Aktivistinnen und Aktivisten viel. Anfang April kam es nach Blockaden von Zufahrtsstraßen zu Tanklagern zu 200 Festnahmen. Und während des Formel-1-Rennens in Silverstone am Sonntag liefen sechs Umweltaktivisten auf die Strecke und setzten sich auf den Asphalt.

Die Rennfahrer Sebastian Vettel und Lewis Hamilton zeigten Verständnis „für die Ängste und Sorgen“ der Klimaaktivisten. Doch hätten diese Fahrer, Streckenposten und Helfer in Gefahr gebracht. Nun müssen sich die Umweltaktivisten vor Gericht verantworten. Allerdings: Zum Zeitpunkt der Aktion war das Rennen bereits unterbrochen. Es hatte beim Start einen Unfall gegeben.

Die Strategie der öffentlichkeitswirksamen Nadelstiche ist für Just Stop Oil auch ein ganz spezieller Test für möglicherweise bald erschwerte Bedingungen: Die britische Regierung plant Gesetzesverschärfungen, die es der Polizei ermöglichen, das Demonstrationsrecht einzuschränken. Sie könnte dann schon frühzeitig Proteste beenden.

Folglich geht es Just Stop Oil darum, schnell zu handeln – neuerdings auch in Museen. Am Montag überstiegen zwei Mitglieder der Klimaprotestgruppe die Absperrung in der Londoner National Gallery und überdeckten das berühmte Landschaftsgemälde „Der Heuwagen“ von John Constable (1776–1837) mit Papierbögen, auf denen eine dystopische Version der idyllischen Szene zu sehen war: Der Fluss ist asphaltiert, Öl verschmutzt die Felder.

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Danach leimten sich die beiden Studierenden mit je einer Hand fest – allerdings nicht ans Gemälde selbst, sondern an dessen Rahmen. Die Medienresonanz war groß, der Schaden klein: Einen Tag später hing der „Hay Wain“ in ganzer Pracht schon wieder an seinem angestammten Platz.

 

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