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Weltklimakonferenz: Umweltschützer kritisieren lahme Bundesregierung

  • Die Weltklimakonferenz COP26 im schottischen Glasgow ist auf der Zielgeraden – zumindest zeitlich.
  • Nichtregierungsorganisationen hegen Zweifel daran, dass die Klimaschutzvorhaben der Staaten ambitioniert genug sein werden.
  • Auf der anderen Seite sehen Wissenschaftler Fortschritte durch Zusagen und verabschiedete Erklärungen.
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Berlin. Kurz vor dem geplanten Ende der Weltklimakonferenz in Glasgow an diesem Freitag rief UN-General­sekretär António Guterres die etwa 200 Teilnehmerstaaten dazu auf, kompromiss­bereit nach Lösungen im Kampf gegen die Klimakrise zu suchen. Der Portugiese verlangte mehr Ehrgeiz bei der Minderung von Treibhausgasen, der Anpassung an die Erderwärmung und der Finanzierung von Klimahilfen für ärmere Staaten.

In der Tat gibt es zwar bereits substanzielle Zusagen, Vereinbarungen oder Erklärungen – etwa zur Methanreduzierung, dem Entwaldungsstopp oder dem Verbrenner-Aus. Der vorliegende Entwurf der Abschlusserklärung stößt jedoch bei ärmeren Staaten auf Ablehnung. Sie verlangen von den Industrieländern mehr finanzielle Hilfe bei der Klimaanpassung, aber auch für bereits entstandene Klimaschäden.

Pläne laut Greenpeace nicht ausreichend

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Noch ist nicht sicher, dass die Konferenz Freitagabend zu Ende geht. Umweltverbände und Wissenschaftler begutachten jedoch schon jetzt die vorliegenden Ergebnisse. Der Chef von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), er halte es in der Summe nicht ausreichend, was die einzelnen Länder an Plänen und Zielen eingereicht hätten. „Eine gemeinsame Verpflichtung ist notwendig, nicht mehr in fossile Energien zu investieren“, fordert Kaiser.

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„Deutschland war mit einer geschäftsführenden Bundesregierung eine ‚Lame Duck‘ auf der Klimakonferenz“, da sie nur im durch die große Koalition gesetzten Rahmen agieren konnte, kritisierte er. „Wir befinden uns immer noch in der Politik von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der vier Jahre lang wenig für den Klimaschutz geleistet hat. Das wurde bei der Erklärung zum Aus für Verbrennungsmotoren deutlich, die Deutschland nicht unterzeichnet hat.“

BUND: „Klimakanzler Scholz muss noch nachlegen“

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Olaf Bandt, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), zieht enttäuscht Bilanz. „Die COP in Glasgow war zu sehr geprägt von leeren Versprechen. Die Weltgemeinschaft, insbesondere die Industrieländer, sind ihrer historischen Verantwortung nicht nachgekommen“, sagte Bandt dem RND.

Die Konferenz hätte die Welt nicht auf den 1,5-Grad-Pfad gebracht, weder durch ambitionierte eigene Ziele noch durch ausreichende finanzielle Zusagen. „Dadurch wird mehr Verantwortung an die Menschen im Globalen Süden gegeben, die die Klimakrise nicht verursacht haben, aber sie jetzt mehr als bisher ausbaden müssen.“

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Daran trage auch die Bundesrepublik Schuld. „Deutschland hat sich zwar in Diplomatie geübt, aber wenig Substanz mitgebracht“, so Bandt. „Leider lässt Deutschland so auch bei der COP26 wieder Chancen vorbeiziehen, um bei Klimaschutz international auf Kurs zu kommen. Der selbsternannte Klimakanzler Scholz muss hier noch nachlegen.“

Nabu kritisiert Zögerlichkeit der Bundesregierung

Der Klimaschutzchef des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), Michael Schäfer, bilanziert: „Die Weltgemeinschaft entwickelt eine neue Dynamik beim Klimaschutz. In den letzten Tagen haben viele Vorreiter-Allianzen in Glasgow Bewegung in die Klimapolitik gebracht. Deutschland war oft nicht dabei. Weder bei der Allianz für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor noch bei den vielen Ländern, die einen beschleunigten Kohleausstieg angekündigt haben“, sagte Schäfer dem RND.

Er kritisiert die Zögerlichkeit der amtierenden Bundesregierung. „Allianzen wie der zum Ausstieg aus der Finanzierung fossiler Brennstoffe ist Deutschland in Glasgow erst nachträglich beigetreten. Statt andere Länder mitzuziehen, musste die Bundesregierung selbst mitgezogen werden.“

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Der Naturschützer fordert: „Nur wenn die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP die Klimaschutzverpflichtungen Deutschlands verlässlich durch Klimaschutzmaßnahmen unterlegt und ihre Investitionen überall von Wohnungsbau bis Verkehrsinfrastruktur konsequent an der Klimaneutralität ausrichtet, qualifiziert sie sich für den Klima-Club, den Olaf Scholz gerne gründen würde. Bisher scheint sie noch weit davon entfernt.“

Forscher begrüßen Zusagen – wenn sie eingehalten werden

Das Deutsche Klima-Konsortium (DKK), ein Wissenschaftsverband aus 26 Forschungs­einrichtungen, begrüßt den deutlichen politischen Willen fast aller Mitgliedsstaaten, innerhalb nur weniger Jahrzehnte klimaneutral zu werden. „Wenn die neuen Zusagen und die vera­b­schie­deten Erklärungen etwa zur Reduktion von Methan oder dem Stopp der Entwaldung umgesetzt werden, haben sie tatsächlich das Potenzial, die Erwärmung bei rund zwei Grad Celsius zu stabilisieren“, sagte DKK-Vorstandsvorsitzende Astrid Kiendler-Scharr dem RND.

Das sei noch nicht zufriedenstellend, schränkte die Atmosphärenforscherin am Forschungszentrum Jülich ein. „Auf der anderen Seite ist es ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zum Stand direkt nach dem Pariser Abkommen – da lagen die Zusagen im Bereich von drei bis vier Grad Celsius. Wollen wir die ausgerufenen Ziele wirklich erreichen, müssen alle Länder sofort anfangen zu handeln und die Umsetzung in den kommenden zehn Jahren entscheidend voranbringen“, sagte Kiendler-Scharr.

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