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Klimagipfel: Trump ohne Manieren, Thunberg mit Wut, Merkel mit Glück

  • Beim UN-Klimagipfel in New York werden die Differenzen zwischen Kanzlerin Merkel und US-Präsident Trump überdeutlich.
  • Doch die emotionsreichste Rede hält Greta Thunberg.
  • Die Kanzlerin hat Glück, dass sie nicht nach der Klimaaktivistin reden muss.
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New York. Als die Frau im blauen Blazer ans Rednerpult des großen Saals tritt, richtet sich ein Mann in der zwölften Reihe kerzengerade auf. Den Anfang des Klimagipfels mit einer Wutrede der Klimaaktivistin Greta Thunberg hat Donald Trump verpasst. Erst wenige Minuten vor dem Auftritt von Kanzlerin Merkel ist der US-Präsident gemeinsam mit seinem Stellvertreter Mike Pence in den UN-Versammlungssaal gekommen.

Aus der Entfernung der Pressetribüne kann man nur seitlich den eindrucksvollen Oberkörper mit der blonden Haartracht und die Hände des mächtigsten Mannes der Welt sehen. Aber das genügt, um einen Eindruck von seiner Begeisterung zu bekommen. Die hält sich spürbar in Grenzen. Angestrengt faltet Trump während Merkels Rede die Hände. Einmal schüttelt er den Kopf. Ein anderes Mal – die Kanzlerin hat gerade über Gebäudesanierung gesprochen – flüstert er seinem Stellvertreter etwas zu. Nach der vorangegangenen Rede des indischen Premierministers Narendra Modi hat Trump geklatscht. Als Merkel nach drei Minuten endet, rührt der Präsident keine Hand. Er wartet kurz den Beifall ab. Dann verlässt er die Sitzung.

Trumps Auftritt ist symptomatisch für den Klimagipfel

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Die Szene ist symptomatisch für den Klimagipfel, den UN-Generalsekretär Antonio Guterres der diesjährigen Generalversammlung der Weltengemeinschaft vorgeschaltet hat. Auf der einen Seite sind die Erwartungen gewaltig, auf der anderen Seite das Interesse bei maßgeblichen Akteuren demonstrativ gering. Der chinesische Präsident Xi Jinping ist erst gar nicht angereist, und der US-Präsident, der aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten ist, eilt mitten in den Beratungen zu einer von ihm veranstalteten Konkurrenzveranstaltung: einem Gipfel zur Religionsfreiheit. Auch die Pressetribüne im Versammlungssaal, auf der bei der Generaldebatte sonst großes Gedränge herrscht, ist nicht ganz gefüllt.

Dabei ist die Veranstaltung eindrucksvoll inszeniert. Auf die goldenen Wände der Halle werden Videos von Bäumen, Bergen und Seen projiziert. Während der Eröffnungsrede von Guterres fühlt man sich bei abgedunkeltem Licht wie in einem riesigen Glashaus im Urwald. „Die Natur ist aufgebracht, und wir können sie nicht betrügen“, sagt der UN-Generalsekretär. Der Portugiese schildert die Zerstörung des Klimawandels und endet mit einem persönlichen Appell: „Ich will nicht zusehen müssen, wenn die Zukunft meiner Enkel zerstört wird!“

Greta Thunberg mit wütendem Angriff

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Möglicherweise hat er da an Greta Thunberg gedacht. Seit ihrer Ankunft in New York vor knapp vier Wochen ist die Klimaaktivistin in den USA vielfach aufgetreten, und sie hat Ex-Präsident Barack Obama getroffen. Ein öffentlicher Popstar wie in Schweden oder Deutschland ist sie aber noch nicht. Trotzdem ist ihr Auftritt vor der UN-Generalversammlung der bisherige Höhepunkt ihrer Reise. Wütend ergreift sie das Wort für eine hochemotionale Anklagerede, und es wirkt, als müsse sie zeitweise ihre Tränen zurückhalten.

„Wie könnt Ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?“, greift die 16-Jährige die versammelten Regierungschefs offen an: „Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem immerwährenden Wachstum.“ Thunberg endet mit einer Drohung: „Wenn ihr euch entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann entscheide ich mich zu sagen: Wir werden euch nicht vergeben!“

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Greta Thunberg bei UN-Klimagipfel: "Wie konntet ihr es wagen"
1:10 min
Greta Thunberg hat vor den UN eine emotionale Rede gehalten. An die Mächtigen appeliert sie mit deutlichen Worten.  © Reuters

Merkel mit emotionsloser Rede

Es ist nicht leicht, nach einer derart radikalen Philippika eine realpolitische Rede zu halten. Insofern hat Merkel Glück, dass vor ihr noch die Kollegen aus Neuseeland und Indien sprechen müssen. Trotzdem kann man nicht sagen, dass die Kanzlerin, deren Klimapaket daheim gerade von vielen Seiten kritisiert wird, in New York einen befreiten Auftritt hinlegt. Emotionslos liest sie ihren Vortrag ab, lobt das Pariser Klimaabkommen und listet die Pläne zur Verringerung der CO2-Emissionen auf. Sie sagt aber auch, dass die Politik „bei einem derart tiefgreifenden Wandel“ alle Bürger mitnehmen müsse.

Gerne würde man wissen, ob Thunberg mit Merkels Rede zufriedener ist als Trump. Doch das Treffen zwischen der Kanzlerin und der Klimaaktivistin findet ohne Presse statt. Regierungssprecher Steffen Seibert twittert ein Foto, das beide Frauen in zwei klobigen Sesseln im Foyer des UN-Gebäudes zeigt. Sie lächeln sich freundlich an. Worte sind nicht überliefert.

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