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Klimaforscher Rahmstorf: „Wir müssen mehr über Lösungen diskutieren“

  • Zwischen der Pandemie und der Klimakrise gibt es viele Parallelen, meint Klimaforscher Stefan Rahmstorf – jetzt sollte es vor allem um mögliche Auswege gehen.
  • In der akuten Corona-Krise mussten Regierungen schnell handeln.
  • In der chronischen Klimakrise schieben sie Entscheidungen immer noch auf – dabei drängt auch dort die Zeit.
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Berlin. Herr Rahmstorf, in diesem Jahr hat eine akute globale Krise die chronische Klimakrise in der Aufmerksamkeit überlagert. Sehen Sie Parallelen zwischen Corona und Klimawandel?

Ja, aber lassen Sie uns mit den Unterschieden anfangen. Die Corona-Krise entfaltet sich auf einer viel schnelleren Zeitskala. Die Bedrohung ist unmittelbar, daher reagiert die Politik schnell. Schlechte Politik wird rasch bestraft, noch innerhalb derselben Legislaturperiode. In der Klimakrise ist es schwieriger, schnell und effektiv zu reagieren, da es für Politikerinnen und Politiker immer irgendwelche Gründe gibt, die Entscheidungen hinauszuzögern. Die Klimakrise verläuft eben sehr langsam. Dennoch ist die Klimakrise inzwischen extrem dringend geworden, gerade weil sie jahrzehntelang verschleppt wurde.

ARCHIV - Bei der Thüringer Klimakonferenz sitzt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut am 12.05.2014 in Erfurt (Thüringen) während einer Pressekonferenz auf dem Podium. Foto: Martin Schutt/dpa (zu dpa-Interview lth vom 04.07.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++. © Quelle: dpa
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Kommen wir zu den Parallelen: Die Wissenschaft muss in beiden Fällen mit antiaufklärerischer Kritik umgehen – die einen leugnen den Beitrag des Menschen zum Klimawandeln, die anderen die Gefährlichkeit von Corona. Ist das vergleichbar?

Absolut. Die Argumentationsmuster und Mechanismen sind bei den Leugnern des Klimawandels und den Verharmlosern der Corona-Pandemie exakt gleich. Die Falschbehauptungen zu Corona – dass es nur so harmlos wie die Grippe sei, dass der Anstieg der Fälle nur an der größeren Anzahl der Tests liege – entlarven sich aber binnen weniger Wochen bis Monate. Da wir beim Klimawandel Jahrzehnte Verzögerung zwischen politischen Entscheidungen und der Reaktion des Klimasystems haben, sollte uns Klimaforschern nicht erst dann recht gegeben werden, wenn es zu spät ist.

In beiden Fällen muss die Politik nach wissenschaftlicher Beratung handeln. Verstehen Sie die Zurückhaltung der Politik, Empfehlungen der Wissenschaft umzusetzen?

Die Wissenschaft informiert ja nur über den Sachstand. Die normativen Entscheidungen – die globale Erwärmung soll möglichst auf 1,5 Grad beschränkt werden, auf jeden Fall deutlich unter zwei Grad –, das sind demokratisch legitimierte Beschlüsse. Mit dem Pariser Abkommen kann man keine Kompromisse mehr schließen, das Abkommen ist bereits der lange ausgehandelte Kompromiss. Was noch hinzukommt: In der Corona-Krise spürt ein Politiker, der versagt, die Folgen sofort im eigenen Land. In der Klimakrise können wir nur alle gemeinsam zum weltweiten Klimaschutz beitragen. Das erhöht die Versuchung, nicht zu handeln und auf die anderen zu hoffen.

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G-20-Staaten kooperieren bei Corona und Klima
2:07 min
Eine Sonderrolle nahm auf dem G-20-Gipfel erneut US-Präsident Donald Trump ein, der eine Zusammenarbeit im Pariser Klimaschutzabkommen verweigerte.  © Reuters

Das Pariser Klimaschutzabkommen wurde vor fünf Jahren geschlossen. Die Appelle an die Dringlichkeit haben sich fortgesetzt. Werden solche Appelle mehr gehört?

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Die Corona-Krise zeigt deutlich, was passiert, wenn man die Wissenschaft ignoriert – daher hoffe ich auf eine Wirkung für die Klimapolitik. Es hat bis zum Pariser Abkommen 50 Jahre gedauert seit dem ersten Expertenbericht über die globale Erwärmung durch fossile Brennstoffe, 1965 für den US-Präsidenten. In den fünf Jahren seit Paris hat sich einiges in die richtige Richtung bewegt. Climate Action Tracker hat das gerade in einer Studie ausgewertet.

Wir haben inzwischen 127 Staaten, die sich Klimaneutralitätsziele gesetzt haben. Diese sind für 63 Prozent der Emissionen verantwortlich. Wenn die angekündigten Ziele umgesetzt werden, würde die globale Erwärmung auf 2,1 Grad begrenzt. Das ist deutlich besser, als man es vor fünf Jahren an den Zielen der einzelnen Staaten ablesen konnte. Bei ambitionierteren Zielen könnten die 1,5 Grad in Reichweite geraten.

Wie groß ist der Druck, dorthin zu kommen?

Durch das extreme Wetter und Fridays for Future ist ein erheblicher Druck auf die Politik entstanden, das Pariser Abkommen nun endlich umzusetzen. Das sehen wir nicht zuletzt auf europäischer Ebene. 55 Prozent Emissionsreduktion in der Europäischen Union bis 2030 sind ein großer Fortschritt zu dem, was wir vor Paris hatten. Damals haben die deutschen Umweltverbände genau diese 55 Prozent Reduktion gefordert.

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Wie viel Gewöhnung an Schreckensnachrichten zum Klima gibt es inzwischen?

Diese Gewöhnung ist mit Sicherheit ein Problem. Die Häufigkeit von extremen Wetterereignissen nimmt weltweit zu. Je normaler die werden, desto weniger berichtenswert erscheinen sie. Ich habe gerade einen alten Vortrag von 2009 auf Youtube hochgeladen, da habe ich von den bis dahin schlimmsten Bränden in Australien, Kalifornien und im Mittelmeerraum berichtet. Es hat mich erschüttert, dass ich vor elf Jahren fast das Gleiche erzählt habe wie heute.

Dennoch würde ich es nicht zu pessimistisch sehen: Die Aufmerksamkeit ist heute größer. Wir müssen aber viel intensiver über die Lösungen diskutieren und nicht mehr über die Ursachen. Wie schaffen wir es, so schnell wie möglich auf Nullemissionen zu kommen? Nur Nullemissionen bedeuten ein stabiles Klima.

Hätten Sie sich mehr Umweltaspekte bei den Corona-Wirtschaftshilfen gewünscht?

Klar ist: Wir brauchen einen strukturellen Umbau der Wirtschaft. Die Tatsache, dass wir es schon einen Erfolg nennen, dass eine völlig absurde Maßnahme wie eine Abwrackprämie verhindert wurde, zeigt, dass wir noch lange nicht über die richtigen Dinge diskutieren. Natürlich haben die Konjunkturpakete Klimaschutzelemente, aber weltweit sieht das Bild düster aus. Die Stützung von fossilen Industrien hat doppelt so viel Geld bekommen wie die Stützung erneuerbarer Energien.

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Wir haben weltweit noch einen viel zu zaghaften grünen Anstrich bei diesen Konjunkturpaketen. Das wird der Dringlichkeit der Klimakrise nicht gerecht. Das Ende der Kohlesubventionen müsste dringend kommen. Kohlekraftwerke rechnen sich vielerorts nicht mehr. Zurzeit werden Klimazerstörung und Klimaschutz zeitgleich subventioniert.

Wie wichtig ist es fünf Jahre nach Paris, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen – was passiert, wenn es knapp verfehlt wird? Ein striktes 1,5-Grad-Ziel wurde in Paris ja nicht beschlossen.

In Paris wurde beschlossen, die globale Erwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen. Zwei Grad reichen einfach nicht. Bereits bei 1,7 oder 1,8 Grad werden wir weltweit den Großteil der Korallenriffe verlieren, bei zwei Grad werden wir alle verlieren. Das Great Barrier Reef in Australien ist in den vergangenen Jahren zur Hälfte ausgebleicht. Diese Naturwunder sterben bereits. Ein weiteres Problem ist der Verlust der großen Eisschilde, wie etwa auf Grönland. Es gibt einen Kipppunkt, an dem das Schmelzen des Grönland-Eises unaufhaltsam wird. Wir wissen aber nicht, wo er genau liegt.

Mit jedem Zehntelgrad über 1,5 Grad hinaus steigt das Risiko, dass wir ihn überschreiten und Inselstaaten und Küstenstädte später aufgeben müssen. Bei einer Erwärmung über 1,5 Grad wird die Welt nicht mit einem großen Knall untergehen – diese Vorstellung mancher Aktivistinnen und Aktivisten ist unbegründet. Aber wir laufen in ständig größere Risiken hinein und werden immer mehr verlieren, an Biodiversität, Ökosystemen, Ernährungssicherheit – mit jedem Zehntelgrad, das wir über die 1,5 Grad hinausgehen.

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