Klimadebatte: Es geht um mehr als Nackensteak und Schnitzel

  • Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus sagt, er schäme sich nicht dafür, Nackensteak essende Verbrennungsmotorfahrer zu vertreten.
  • Das ist kein Grund zur Empörung.
  • Es zeigt aber, dass sich die Klimadebatte in die falsche Richtung entwickelt, kommentiert Markus Decker.
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Das Nackensteak kam am Wochenende zu hohen Ehren – sowohl bei seinen Anhängern als auch bei seinen Gegnern. Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Ralph Brinkhaus, sagte in einem Interview, er schäme sich nicht dafür, Leute zu vertreten, „die mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sind, Nackensteak essen und fleißig sind – diese Leute sind das Rückgrat unserer Gesellschaft“. Der Subtext des Satzes lautete, wer hart arbeitet, der darf Auto fahren und Fleisch essen, so wie es ihm beliebt – selbst wenn es dem Klima schadet.

Im Juni letzten Jahres war es übrigens das Schnitzel, das zu Ehren kam. Da sagte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner: „Die Frage ist: Träumt man wie Robert Habeck von einer Gesellschaft, in der es keinen Fleischkonsum mehr gibt? Ich sage: Wer vegan leben will, soll es gern tun. Das Schnitzel sollte den anderen aber nicht verboten werden.“

Unselige Rolle der AfD

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Beide Sätze sind typisch für den Stand der Klimadebatte. Sie lebt von falschen Zuschreibungen. Brinkhaus erweckt den Eindruck, als habe jemand behauptet, dass er sich für die Vertretung von Nackensteak essenden Verbrennungsmotorfahrern schämen müsse, ohne dass kenntlich würde, wer das sein sollte. Bei Lindner wird dies noch deutlicher. Kein Grüner würde sich trauen, Schnitzel zu verbieten. Die Partei träumt nicht etwa. Sie leidet vielmehr unter einem Trauma – dem Trauma, einst einen Veggie-Day für Kantinen vorgeschlagen zu haben.

Nun könnte man das Ganze als übliches Geplänkel zwischen Parteien abtun. Hier wird ja nur ein wenig polemisiert, mehr nicht. Im größeren ökologischen Kontext ist diese Art der Auseinandersetzung freilich problematisch. Denn eigentlich bräuchten wir nichts mehr als eine maximal nüchterne Debatte darüber, was zur Bekämpfung des Klimawandels getan werden kann und muss – und das von allen.

Stattdessen gerät das Thema mehr denn je auf die Links-Rechts-Achse und in die Mühlen der Identitätspolitik, wo laufend Klischees konstruiert werden. Da sind die angeblichen Vegetarier vom Prenzlauer Berg mit zwei Langstreckenflügen im Jahr, die den angeblichen Grillweltmeistern mit SUV in Brandenburg mal zeigen wollen, was richtig und was falsch ist. Treiber dieser Polarisierung ist erneut die AfD.

Das Verhetzungspotenzial der Flüchtlingspolitik hat sich erschöpft. Das scheint auch die AfD so zu sehen. Denn schon vor Monaten hat sie die Klimapolitik zum neuen Thema Nummer eins erklärt. Seither geistert die Erzählung durch die Republik, Grüne, Linke und Linksliberale wollten die Deutschen umerziehen. Größere Spuren hinterlässt diese Erzählung in der FDP, kleinere auf dem rechten Flügel der Union. Lindner versucht, jene hinter seiner Partei zu versammeln, die der Modernisierung im Sinne des Klimaschutzes zum Opfer fallen könnten. Der Wirtschaftsflügel von CDU und CSU mitsamt der „Werte-Union“ tun es ihm gleich.

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Abschreckendes Beispiel: Australien

Dabei erscheint der heimische Lebensstil samt Nackensteak und Schnitzel als etwas, worauf Bürger einen natürlichen Anspruch haben, der ihnen illegitimer Weise genommen werden soll. Auch einzelnen Linken wie dem einstigen Linksparteichef Klaus Ernst ist diese Denke nicht fremd. Allen scheint nicht klar zu sein, dass beim Festhalten an den herrschenden Zuständen nicht bloß der Konsum von Nackensteak und Schnitzel in Gefahr ist, sondern unsere gesamte Konsumgesellschaft. Wer glaubt, am Status quo festhalten zu können, gefährdet ihn umso mehr. Lediglich radikales Umsteuern kann das noch abwenden.

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So werden realitätsbezogene Erwägungen überlagert von neuen Freund- und Feindbildern. Zuweilen entsteht der Eindruck, als sei Klimaschutz etwas, was die einen sich ausgedacht haben, um die anderen zu quälen – und als hätten jene, die das so sehen, ein ganz privates Zweitklima im Keller, das sie bei Bedarf wie ein Zelt über ihr Leben spannen könnten. Wie weit die Irrationalität reichen kann, zeigt Australien, wo der Premierminister an der Kohle festhält, obwohl die auch von der Kohleverstromung herrührende Erderwärmung sein Land längst existenziell bedroht. Nein, niemand sollte glauben, dass Schaden klug macht. Menschen können auch trotz Schadens dumm bleiben.