• Startseite
  • Politik
  • Klimaaktivistin Luisa Neubauer: "Merkel hat keine Entschuldigung, Probleme nicht zu kennen”

Neubauer nach Treffen mit Merkel: “Sie hat keine Entschuldigung, Probleme nicht zu kennen”

  • 90 Minuten haben Greta Thunberg und Luisa Neubauer sowie zwei Mitstreiterinnen mit Angela Merkel diskutiert.
  • Die Themen: Deutsche, europäische und internationale Klimapolitik – vor allem in Sachen Kohleausstieg und CO₂-Bepreisung.
  • Die Forderungen: Probleme als solche wahrnehmen, Verantwortung übernehmen und endlich tätig werden.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Die pralle Mittagssonne brennt auf die vier Klimaaktivistinnen herab, als sie unweit des Kanzleramtes davon berichten, wie sie ausführlich mit Deutschlands Regierungschefin über die Erderwärmung diskutiert haben. Volle anderthalb Stunden hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für Greta Thunberg, Luisa Neubauer und ihre belgischen Mitstreiterinnen Adélaïde Charlier und Anuna De Wever Zeit genommen. “Wir haben die ganze Zeit diskutiert”, fasst Neubauer den Austausch zusammen. Um deutsche, europäische und internationale Politik, vor allem aber auch den Kohleausstieg und die CO₂-Bepreisung sei es gegangen. Sie seien dankbar gewesen für diese Möglichkeit.

Gemeinsam fordern die vier prominenten Mitglieder der Klimaschutzbewegung Fridays For Future (FFF) grundsätzlich viel mehr Mut und Verantwortungsbewusstsein von Politikern wie Merkel. “Wir haben ihr gesagt, sie soll die Krise bekämpfen, wie in unserem Brief an die Staatschefs gefordert. Wie wollen einen Anführer oder eine Anführerin, der oder die andere Anführer dazu bringt, vorzutreten und Verantwortung für das Wohl der Menschen zu übernehmen”, beschrieb Thunberg ihre Erwartungen an die Regierungschefin.

Neubauer: “Merkel hat keine Entschuldigung”

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Die deutsche FFF-Vertreterin Luisa Neubauer pflichtete der Schwedin bei: “Als Wissenschaftlerin hat Angela Merkel keine Entschuldigung, wissenschaftliche Hintergründe und Probleme der Klimakrise nicht zu kennen.” Es gehe um Fakten, messbare Zahlen und es brauche endlich Aktionen und Veränderungen, so die Hamburgerin.

Das Statement aus dem Kanzleramt wirkt neben den deutlichen Forderungen der vier Aktivistinnen eher blass. Man sei sich darüber einig gewesen, dass “die Erderwärmung eine globale Herausforderung ist, bei deren Bewältigung den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommt”. Immerhin: Auch Merkel betont, dass die Klimaziele des Pariser Abkommens konsequent eingehalten werden müssten, um die Bewältigung der Krise umsetzen zu können.

Anzeige

Reizthema Pariser Klimaziele

Gerade dieses Bekenntnis ist jedoch ein Reizthema für Thunberg und Co. – denn an der konkreten Umsetzung durch die deutsche Politik lassen die Aktivisten kein gutes Haar. “Sie haben eine große Verantwortung. Sie haben die EU-Ratspräsidentschaft. Sie müssen die Pariser Klimaziele höher priorisieren. Wir haben Frau Merkel gefragt, wie sie es passieren lassen konnte, dass das noch nicht geschehen ist”, bemängelte De Wever.

Anzeige

Thunberg nahm am Tag des zweijährigen FFF-Jubiläums gleich alle Menschen in die Pflicht: “Wir drehen uns im Kreis. Bevölkerung, Politiker und Medien machen sich gegenseitig Vorwürfe. Der Teufelskreis kann aber nur durchbrochen werden, wenn endlich jemand damit beginnt.”

Bereits vor dem Treffen hatte die Belgierin Charlier dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) ihrenmUnmut über die in ihren Augen verschlafene Klimapolitik Europas Luft gemacht und angekündigt, Merkel aufzufordern, den anderen Staats- und Regierungschefs der EU “in den Hintern zu treten, damit endlich richtige Klimapolitik” betrieben werde – zu Englisch: “kickass for real climate policy”.

Thunberg: “Sitzen alle im selben Boot, aber einige reisen Businessclass”

So deutlich hielt sie es auch nach dem Gespräch: ”Nicht jeder hat die gleiche Verantwortung. Als Europäer leben wir privilegiert, stellen uns aber den Problemen nicht. Anderswo sterben bereits Menschen, die schon mit ihnen konfrontiert werden.” FFF-Begründerin Thunberg sieht es ebenso: “Wir sagen immer alle, dass wir im selben Boot sitzen auf dieser Welt, aber einige reisen in der Businessclass.”

Klare Kante gegenüber der Gesellschaft, in der die vier jungen Frauen selbst leben und die sie zu Zeiten der Coronavirus-Pandemie zu einem großen Teil sehr wohl als bereit dazu erleben, etwas zu in ihrem Alltag zu verändern und sich anzupassen – ebenso wie die Politiker. “Die Corona-Krise wird als solche ernst genommen, aber seit zwei Jahren demonstrieren und streiken wir nun dafür, dass die Klimakrise ebenfalls als Krise wahrgenommen wird”, schimpfte Neubauer. Gerade im Vergleich zu Corona werde der Klimawandel jedoch nicht als akute Bedrohung ernst genommen – obwohl er nach wie vor überall eskaliere.

Anzeige

“Wozu Politiker fähig sind, hat Covid bewiesen. Überall tun Menschen extreme Dinge, das ist doch eine große Chance”, kritisierte De Wever – und mit Blick auf die Kohleverstromung: “Wir haben gefragt, warum viel Geld in eine Branche investiert wird, die die Klimakrise noch befeuert, anstatt das Geld in Neues zu investieren, das gegen die Krisen hilft.” Und wie hat Merkel reagiert? Nun, sagt Charlier, die Kanzlerin habe den vieren immerhin gesagt, “dass sie es in Erwägung ziehen wird, zu versuchen, mutiger zu sein”.



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen