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  • Klima: Rohstoffe für Energiewende werden knapp - „Greenflation“ als Bedrohung

„Greenflation“ bedroht die globale Klimapolitik

  • Stark steigende Rohstoffpreise etwa für Kupfer, Platin und Lithium erschweren die Energiewende.
  • Der Trend zur „Greenflation“ könnte die Klimapolitik weltweit entgleisen lassen, warnt Ruchir Sharma, Chefstratege beim US-Finanzkonzern Morgan Stanley, im Gespräch mit dem RND.
  • Auch deutsche Ökonomen schlagen Alarm: Es drohten untragbare Lasten für Geringverdiener.
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In einem Vortrag vor bayerischen Industriellen in München überbrachte der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unlängst lauter schlechte Nachrichten.

Die für die Energiewende nötigen Rohstoffe, berichtete der Kölner Ökonom Karl Lichtblau, werden knapp: Die beunruhigende Tendenz betreffe nicht nur den einen oder anderen Stoff, sondern gleich 22 chemische Elemente gleichzeitig.

Das IW listet sie in einer aktuellen Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft als „rote Gruppe“ auf: „Risikoklasse I“.

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RND erklärt: Atomkraft und Gas – wie nachhaltig sind sie wirklich?
5:41 min
Geht es nach der EU-Kommission, sollen sie „nachhaltig“ sein: Kernenergie und Erdgas. RND erklärt: Wie kommt diese Einstufung zustande? Und wie geht es weiter?  © RND
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Die bekannten Reserven von Kobalt etwa, wichtig für die Batterieproduktion, reichen nur noch für elf Jahre. Zwar kann man versuchen, an neuen Förderstätten Kobalt zu gewinnen. Auch werden bereits Alternativen zu Kobalt ins Spiel gebracht. Der Haken aber ist: Auf beiden Wegen gelangt man am Ende zu steigenden Preisen.

Die dunkle Seite der Energiewende: Die nötigen Rohstoffe für Batterien wurden bislang oft unter menschenunwürdigen Bedingungen gewonnen. Dieses von Amnesty International zur Verfügung gestellte Bild zeigt Kinder im Kongo beim Sortieren von Steinen, die Kobalt enthalten. © Quelle: Amnesty International/Amnesty In
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Eng wird es auch bei Platin und Iridium. Diese teuren Elemente braucht man zur Erzeugung von Wasserstoff per Elektrolyse. Hier geht es um nichts Geringeres als die zentrale Vision der weltweiten Klimapolitik: den Übergang zu einer Wirtschaft mit Wasserstoff als Energieträger, erzeugt mit Strom aus Wind oder Sonne.

„Wir müssen aufpassen, dass unsere schöne Energiewende nicht am Rohstoffmangel scheitert“, sagte IW-Chef Lichtblau diese Woche im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Ein Erfolg, der zu Schwierigkeiten führt

Rund um die Erde deuten Ökonomen jetzt auf die verhängnisvolle Paradoxie der Klimapolitik: Je erfolgreicher die Klimaschützer im Bemühen sind, möglichst viele Staaten und Unternehmen in Richtung einer CO₂-freien Wirtschaft zu schubsen, umso mehr treiben sie damit die Preise nach oben.

Ob es um Kupfer geht für Spulen in Windkraftgeneratoren oder um Aluminium für Hochspannungsleitungen: Die Preiskurven zeigen steil aufwärts. Lithium, unentbehrlich für die Elektrifizierung der Fahrzeuge, wurde im Laufe des vorigen Jahres um bis zu 240 Prozent teurer.

Blick auf die rohstoffreichen Abbauberge bei einer Kaliumanlage im Salzsee von Uyuni in Bolivien: Konzerne interessieren sich für einen anderen Stoff, der daneben anfällt – Lithium. Der Weltmarktpreis für die Tonne Lithiumkarbonat ging im vorigen Jahr steil nach oben.
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In den USA macht bereits ein neues Buzzword die Runde. Mit „Greenflation“ beschreiben immer mehr besorgte Ökonomen die unselige Verstrickung von politisch gewolltem ökologischem Umbau und politisch unwillkommenen Preiserhöhungen.

„Wir haben ein paar grundlegende Dinge vergessen“

Ruchir Sharma, globaler Chefstratege des US-Investmentkonzerns Morgan Stanley, wurde zu Jahresbeginn von Journalisten gefragt, wo er die weltwirtschaftlichen Hauptprobleme des Jahres 2022 sieht. An erster Stelle nannte er „Greenflation“.

Sharma, gebürtiger Inder wie Google-Chef Sundar Pichai, gehört zur neuen global ausgerichteten Elite in den USA. Fotografieren lässt er sich in der Morgan-Stanley-Zentrale in New York mit Pullover und offenem Hemd. Beim US-Wirtschaftssender CNBC gehört er zu den Stammgästen, er ist als Buchautor aktiv („The 10 Rules of Successful Nations“) und als Gastautor der „New York Times“.

„Steigende Nachfrage und sinkendes Angebot werden die Preise weiter nach oben schießen lassen“: Ruchir Sharma, Chief Global Strategist des amerikanischen Investmentkonzerns Morgan Stanley. © Quelle: Karol DuClos

Vor lauter Begeisterung für den Klimaschutz, sagt Sharma, hätten Regierungen und Unternehmen ein paar grundlegende Dinge vergessen: „Die neue Technikwelt, die wir dringend wollen, müssen wir erst mal bauen – und dazu brauchen ein paar Dinge, in die wir schon lange nichts mehr investiert haben, Kupfer zum Beispiel und Aluminium.“

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Entgleist die internationale Klimapolitik?

Kann der Rohstoffmangel am Ende die Klimapolitik entgleisen lassen? „Ja, die Gefahr besteht“, betont Sharma gegenüber dem RND. „Steigende Nachfrage und sinkendes Angebot werden die Preise weiter nach oben schießen lassen.“ Damit werde die Energiewende teurer und schwieriger als gedacht.

Das Problem von „Greenflation“ liege aber nicht allein im aktuell stärksten Anstieg der Rohstoffpreise seit 1973, sagt Sharma. Hinzu komme, dass zugleich neue umweltpolitische Vorgaben die künftige Produktion etwa von Kupfer und Aluminium auf Dauer erschwerten.

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Tatsächlich könnte sich allein der Bedarf an Kupfer nach jüngsten Branchenberechnungen in den kommenden Jahren vervielfachen – so viel geben die vielerorts veralteten Minen nicht her. Jetzt zeigt sich: Die Generation der amerikanischen und europäischen Babyboomer hat über viele Jahrzehnte hinweg nicht nur durchs fröhliche Verheizen fossiler Brennstoffe von der Substanz gelebt. Sie hat sich auch ums Thema Rohstoffe nie seriös gekümmert. Allzu lange wurde weggesehen, während etwa in Afrika Kupfer unter erbärmlichen Bedingungen gefördert wurde, mit Kinderarbeit und unter Inkaufnahme gigantischer Umweltschäden.

Weltweit wächst die Nachfrage nach Kupfer – und hinterlässt Spuren in der Landschaft: Die Bingham-Canyon-Kupfermine im US-Bundesstaat Utah gehört zu den größten menschengemachten Gruben auf dem Planeten. © Quelle: Spencer Musick / Wikipedia (gemeinfrei)

Die in den kommenden Jahren anstehenden Korrekturen werden kostspielig. Neue Minen zu finden, zu erkunden und in Betrieb zu nehmen ist komplizierter als je zuvor. Denn mittlerweile wachen nicht nur Regierungen, sondern auch private Investmentfonds streng über die Einhaltung der sogenannten ESG-Kriterien, bei denen es um Environment, Social, Governance geht, Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung.

Wird am Ende der rundum ökologisch und politisch sauber erzeugte CO₂-freie Strom zu einem nur mühsam erschwinglichen Luxusgut?

Ruf nach umfassendem Sozialausgleich

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, ein Mann, der sowohl die Grünen als auch die Energiewende mit Sympathie betrachtet, ahnt bereits Übles: „Die Greenflation kann noch erhebliche Probleme aufwerfen.“

Hickel verweist im Gespräch mit dem RND auf eine Addition von marktbedingten und politisch gesteuerten Preissteigerungen, die am Ende vor allem Geringverdiener und Transferbezieher belasten könnten. Zu den offenbar unerwarteten aktuellen Kostensteigerungen bei Rohstoffen gesellten sich noch die bereits im vorigen Jahr beschlossenen schrittweise wachsenden CO₂-Bepreisungen. Die Gesamtwirkung dieser Preissteigerungen sei in Berlin „noch nicht hinreichend analysiert worden“.

In Deutschland muss aus seiner Sicht die Ampelkoalition dringend aktiv werden, um den Übergangsprozess zur kohlendioxidfreien Wirtschaft sozial abzufedern: Rudolf Hickel, Gründungsdirektor des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. © Quelle: Universität Bremen / IAW

„Ich habe die große Sorge, dass es am Ende an der nötigen Akzeptanz fehlen wird – und dann das gesamte Projekt politisch scheitert“, sagt Hickel.

Der 79-Jährige, Urgestein im eher linken Lager der deutschen Ökonomen, arbeitet nach wie vor als Forschungsleiter in dem von ihm im Jahr 2001 gegründeten Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.

Hickel empfiehlt einen umfassenden Sozialausgleich, der die gesamte Energiewende begleitet – und an dem jetzt dringend gearbeitet werden müsse. An dieser Stelle sei der Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen völlig unzureichend. Bereits Ende Dezember beschrieb er in einem auszugsweise in der „Frankfurter Rundschau“ abgedruckten Aufsatz „Pandemieinflation und Greenflation“ als die beiden neuen Preistreiber, die man „sozial bewältigen“ müsse.

Wird der Markt es am Ende richten?

Die Energiewende als solche wird indessen von keinem führenden Ökonomen infrage gestellt. Das liberale Lager zeigt sich in der Greenflation-Debatte gelassener. Man solle die Kräfte des Marktes nicht unterschätzen, sagt Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft dem RND. Schon oft habe die Verteuerung einzelner Rohstoffe der Wirtschaft und der Wissenschaft Anstöße und Anreize gegeben, sich preiswertere Alternativen auszudenken.

Auch der Experte Dolf Gielen von der International Renewable Energy Agency glaubt, dass die Preisprobleme langfristig durchaus lösbar seien: Materialmangel werde die Energiewende am Ende „nicht stoppen“, betont Gielen. Im Fall von Kupfer etwa werde der höhere Preis neue Recyclingprozesse anschieben.

Lohnender denn je: Kupferrecycling auf einem Lagerplatz der Aurubis AG in Hamburg im Dezember 2021. © Quelle: Christian Charisius/dpa

Kriminelle ziehen unterdessen ihre ganz eigenen Schlüsse aus dem Anstieg der Rohstoffpreise. Seit einigen Wochen meldet die Polizei quer durch Deutschland sprunghaft gestiegene Zahlen bei einem Diebstahl neuen Typs: Statt wie früher das Autoradio auszubauen, flexen immer mehr Kriminelle den Katalysator ab und verkaufen dann das darin enthaltene Platin, Palladium und Rhodium – das heute weit mehr wert ist als zum Zeitpunkt des Einbaus.

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