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  • Kita, Schule, Pflege- und Altenheim: Wie wir mit Kindern und Alten umgehen ist verantwortungslos - Gastbeitrag Daniel Dettling

Gastbeitrag eines Zukunftsforschers: „Die Jungen und Alten gehören zu den Verlierern der Pandemie“

  • Kita- und Schulschließungen bedeuten für die Generation Corona eine verheerende Einbuße an Lebenschancen.
  • Außerdem ist es verantwortungslos, wie wir mit alten Menschen in der Pandemie umgehen.
  • Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag, meint der Zukunftsforscher Daniel Dettling in einem Gastbeitrag für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).
Daniel Dettling
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Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Wie es um diesen Wert hierzulande bestellt ist, zeigt der Umgang mit der Corona-Krise. Die Jungen und die Alten gehören zu den Verlierern der Pandemie. Die sozialen und ökonomischen Folgen von monatelangen Kita- und Schulschließungen sind Bildungs- und Gesundheitsexperten zufolge für Kinder und Jugendliche verheerend. Fast ein kompletter Jahrgang müsste sitzen bleiben. Während die Generation Corona die Einbuße an Lebenschancen trifft, ist Covid-19 vor allem für die Generation 70 plus tödlich. In den meisten Regionen kommt die überwiegende Mehrheit der Corona-Toten aus Pflege- und Altenheimen. Die Heime sind zu den gefährlichsten Hotspots der Corona-Krise geworden. Es ist Zeit für einen neuen Generationenvertrag: Kinder und Alte zuerst!

Die organisierte Verantwortungslosigkeit gegenüber den Jüngsten und Ältesten sagt viel aus über den sozialen Zustand eines hochentwickelten Industriestaats. Die Pandemie ist zur sozialen Katastrophe geworden. Deutschland ist es bislang nicht gelungen, seine ältesten und jüngsten Bürger ausreichend zu schützen. Deshalb rückt die Bundeswehr in die Heime ein. Ein umfassendes Schutzkonzept für die Pflege- und Altenheime gibt es erst seit dem 13. Dezember, als sich die Bundesregierung entschied, die Heime auf Schnelltests zu verpflichten. Für die Schulkinder gibt es bis heute kaum Konzepte, wie Unterricht in Zeiten einer Gesundheitskatastrophe möglich ist. Auch hier fehlen flächendeckende Schnelltests.

Eine zentrale Ursache für diese politische Laxheit ist das Jugend- und Altersbild. Kinder haben keine Lobby, und das Bild des Alters ist negativ. Der Satz des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer von den Grünen, „Wir retten Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, hatte für ihn auch deshalb keine politischen Folgen, weil er damit offenbar einen Nerv traf.

Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und Gründer des Instituts für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein neues Buch heißt „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben“ (Verlag Langen Müller). © Quelle: Neumann und Rodtmann

„Deutschland ging zu spät in den Lockdown“

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Dazu kommt: Deutschland ging zu spät in den Lockdown und beendete ihn im Sommer zu früh. Der Lockdown light im Herbst hatte so gut wie keine Wirkung. Die Büros waren im November und Dezember voller als im ersten Lockdown, ergab eine Google-Analyse der Bewegungsdaten. Die Infektionszahlen wären nicht einmal halb so hoch, wenn heute genauso viele Menschen im Homeoffice arbeiten würden wie im Frühjahr.

Asien ist auch deshalb erfolgreicher als der Westen im Kampf gegen das tödliche Virus, weil dort die Alten mehr wertgeschätzt werden. Eingriffe in die Privatsphäre durch Apps und Handyverfolgung wurden deshalb in Ländern wie Taiwan und Südkorea akzeptiert. Im Unterschied zu Schweden und Großbritannien hat kein asiatischer Staat das Modell der Herdenimmunität und damit hohe Fall- und Todeszahlen verfolgt. Die öffentliche Gesundheit hat in Asien einen höheren Stellenwert als in Europa, die Impfbereitschaft, die Nutzung von Schnelltests und das Homeoffice sind deshalb dort höher als in den eher individualistisch orientierten Ländern des Westens.

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„Kindeswohl und Infektionsschutz müssen abgewogen werden“

Wer das Alter wertschätzt, schätzt auch das Leben als eigenständigen Wert – und nicht als Nutzenfaktor. Eine kinder- und altersgerechte Gesellschaft ist ein Wert für sich und entscheidet über den Wert einer Gesellschaft insgesamt. Die Frage, wie wir die Jüngsten und Ältesten in unserer Gesellschaft besser schützen und am Leben teilhaben lassen können, sollten wir in diesem neuen Jahr in den Mittelpunkt stellen und einen neuen Generationenvertrag entwerfen: Schützt die Kinder und die Alten!

Schulen und Kindergärten und nicht die Politik sollen entscheiden, wer von zu Hause lernen kann oder Betreuung und Unterstützung braucht. Kindeswohl und Infektionsschutz müssen abgewogen werden und im Zweifel für das Kind ausfallen. Bei jüngeren Kindern ist das Ansteckungs- und Übertragungsrisiko geringer als bei Erwachsenen, das zeigen etliche internationale Studien. Für Deutschland bestätigen das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in der „Corona-Kita-Studie“ diesen Befund. Bislang sind die Schulen selten Corona-Hotspots.

„Verstoß gegen Kinderrechte und die Menschenwürde der Älteren“

Für die Älteren allein zu Hause oder in Heimen muss gelten, dass niemand alleingelassen werden darf, geschweige denn einsam sterben muss. Daraus ergeben sich konkrete Konsequenzen: Generelle Schulschließungen und das Absperren von Heimen verstoßen gegen Kinderrechte und die Menschenwürde der Älteren.

Wer sich dagegen stärker einschränken kann und muss, ist die Generation Mitte – all jene also, die nicht mehr Kind und noch nicht alt sind. Die Erwerbstätigen gilt es stärker in die Pflicht zu nehmen: „stay at home“ heißt eben nicht, in den Urlaub oder ins Büro zu fahren, um dort Kollegen zu treffen und in der Kantine essen zu gehen. Frankreich und Belgien hatten bereits im Oktober eine Homeofficepflicht, die Schweiz hat sie vor Kurzem eingeführt. Das Münchner Ifo-Institut schätzt, dass hierzulande 56 Prozent der Arbeitnehmer von zu Hause aus arbeiten können. Auch Deutschland wird diese Pflicht zum Schutz der Älteren einführen und das Wirtschafts- und Arbeitsleben auf ein Minimum runterfahren müssen.

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Schulschließung schadet Kindern aus finanziell schwachen Familien
1:31 min
Wissenschaftler weisen in Dresden darauf hin, dass Schulen offenbar keine Corona-Hotspots sind.  © Reuters

Für die Jüngsten geht es dagegen nicht um den Schutz ihrer Gesundheit, sondern ihrer Zukunft. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat im ersten Lockdown darauf hingewiesen, dass nicht der Gesundheitsschutz der oberste Wert unserer Verfassung ist, sondern die Menschenwürde. Also: Schließt die Büros, öffnet die Kitas und Grundschulen und schützt die Älteren! Leben, Gesundheit und Bildung sind vereinbar, wenn wir die Prioritäten der Pandemiepolitik richtig setzen. Wenn uns Corona etwas lehrt, dann das: Nur eine Gesellschaft, die das Leben aller schützt und fördert, hat Zukunft. Sozial wie ökonomisch.

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