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„Tiefgreifende Erschütterung“: Über 400.000 Menschen sind aus den großen Kirchen ausgetreten

  • Obwohl 2020 weniger Menschen aus der katholischen und evangelischen Kirche ausgetreten sind, bleiben die Austrittszahlen auf einem hohen Niveau.
  • Fachleute warnen vor einem pandemiebedingten Nachholeffekt und rechnen trotz Reformwillen nicht mit einer Trendwende.
  • Eine böse Überraschung zeichnet sich schon jetzt ab.
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Hannover. Nachdem in den letzten Jahren die Zahl der Kirchenaustritte immer weiter angestiegen ist, sind im vergangenen Jahr erstmals weniger Menschen ausgetreten. Die katholische und evangelische Kirche haben 441.390 Austritte im Jahr 2020 verzeichnet, ein Rückgang von etwa 18 Prozent. 220.000 Menschen aus der evangelischen Kirche, 221.390 aus der katholischen Kirche. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, spricht von einer „tiefgreifenden Erschütterung“ und erklärt: „Viele haben das Vertrauen verloren und möchten mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen.“

Der Theologe Prof. Ulrich Riegel geht jedoch nicht von einer Trendwende bei den Austritten aus, vielmehr habe es weniger Gelegenheiten für den Austritt gegeben: „Im letzten Jahr waren wegen der Corona-Pandemie Kirchenaustrittsstellen lange Zeit geschlossen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Kirchenaustritte: Die böse Überraschung kommt erst noch

Ein Grund zur Freude sind die Zahlen aber nicht, müssen die Kirchen doch für 2021 mit einer bösen Überraschung rechnen. „In den Landeskirchen Württemberg und Westfahlen sind die Zahlen nach dem Lockdown wieder auf das Vorniveau angestiegen“, so der Ausblick von Riegel, der die am Mittwoch vorgestellten Austrittszahlen beider Landeskirchen untersucht hat. „In Württemberg haben wir sogar die früheren Rekordzahlen wieder erreicht“, so der Kirchenexperte. Hinzu kämen noch die vielen Austritte nach der Debatte um Kardinal Woelki, die sich erst auf die Zahlen 2021 auswirken. „Wir sehen ganz klar den Abschied von der Volkskirche in Deutschland“, so sein Fazit.

Der Münsteraner Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack geht ebenfalls davon aus, dass die niedrigeren Austrittszahlen auf die Pandemie zurückzuführen sind, und ergänzt: „In Krisen verschieben Menschen Entscheidungen wie den Kirchenaustritt, die sie auch später noch treffen können.“ Dies merkt unter anderem auch das Bistum Essen, wo die Austrittszahlen in der ersten Jahreshälfte deutlich angestiegen sind. Gleichzeitig betont Pollack aber, dass die Bindungen an Kirche und Religion bei einigen Menschen in der Corona-Krise zugenommen hätten: „Wer schon vor der Krise eine enge Bindung an Glauben und Kirche hatte, bei dem hat sich diese Bindung meist verstärkt“, so seine Einschätzung. Insgesamt sei die Bindung an die Kirche in der Pandemie aber zurückgegangen.

Keine Trendwende bei Kirchenaustritten in Sicht

Unumstritten unter den Expertinnen und Experten ist, dass die Zahl der Kirchenaustritte in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Hinzu kommt, dass immer weniger Menschen ihre Kinder taufen lassen und religiös erziehen. Dies ist ein weiterer Grund für sinkende Mitgliedszahlen. Schon jetzt sei dies bemerkbar, meint der Münsteraner Prof. Pollack: „Nur 75 bis 80 Prozent der Eltern, von denen mindestens einer der Kirche angehört, lassen ihre Kinder taufen.“ Die Mitgliedszahlen beider Kirchen würden sich den neuen Bedingungen in der Gesellschaft anpassen.

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Warum treten Menschen aus der Kirche aus?

Laut Riegel sei ein zentrales Dilemma, dass die Kirche zu vielen Menschen keine Verbindung aufbaue. „Sie muss versuchen, ihre Kirchenmitglieder für das Gemeindeleben zu gewinnen. Denn da ist der Glaube erfahrbar“, so der Experte. Außerdem halten viele Menschen die Kirche für altmodisch. „Die katholische Kirche wird sehr stark mit Bevormundung in Verbindung gebracht“, sagt Riegel dem RND und fordert, dass die Kirche ihre Botschaft anders vermittelt.

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Außerdem erklärt der Experte, dass die Kirche viele treue Mitglieder mit ihrem Verhalten aus der Kirche hinaustreibe. „Die Älteren treten häufiger aus, weil sie an der Kirche leiden.“ Die Jüngeren würden eher austreten, weil ihnen die Kirche gleichgültig sei.

Bei der evangelischen Kirche gibt es zwei Hauptmotive für den Kirchenaustritt: „Menschen können nichts mehr mit dem Glauben anfangen und sie halten die Institution Kirche für überholt“, erklärt Religionssoziologe Pollack. Etwas anders sei es bei Katholiken und Katholikinnen, wie die Statistiken zeigen: „Steht die katholische Kirche in einem Jahr besonders wegen Missbrauchsfällen in der Kritik, kommt es zu vielen Austritten“, erklärt Pollack. Der Frust über die mangelnde Aufarbeitung und die autoritäre Macht der Bischöfe würden besonders häufig in der Kritik stehen.

Missbrauch in der Kirche nicht Auslöser für Austritte

„Beim Thema Missbrauch ist das Fass übervoll, da reden wir nicht mehr von einem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt die Religionswissenschaftlerin Regina Laudage-Kleeberg aus dem Bistum Essen. In einer Studie zu Austritten hatte das Bistum herausgefunden, dass der Auslöser für den Kirchenaustritt meist nur eine Kleinigkeit sei: „Ein Bericht in den Medien, eine schlechte Erfahrung bei der Beerdigung oder einer anderen Feier – das sind typische Auslöser“, so Laudage-Kleeberg. „Aber davor ist ganz viel anderes passiert, wie eben die vielen Berichte über sexualisierte Gewalt in der Kirche.“ Deshalb reiche am Ende ein kleiner Auslöser für den Kirchenaustritt.

Die Expertin aus dem Bistum Essen beobachtet, dass heute immer mehr Menschen aus der Mitte der Kirche austreten. „Dadurch wird die Erosion der katholischen Kirche extrem beschleunigt“, fürchtet Laudage-Kleeberg.

Nicht nur Kirchenaustritte: Mitgliederschwund nimmt zu

Der Mitgliederschwund summierte sich damit bei beiden Kirchen auf rund 884.000 Menschen. Neben den Austritten kommt noch die Anzahl verstorbener Kirchenmitglieder hinzu. 2019 lag der Rückgang bei den Mitgliedszahlen noch bei 830.000. Dennoch gehören noch etwas mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Bevölkerung einer der beiden großen Kirche an. Hinzu kommen Christen aus orthodoxen oder Freikirchen.

RND

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