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NRW-Innenminister Reul: “Sexueller Missbrauch ist wie Mord”

  • Die Polizei hat kürzlich ein Netzwerk mit Zentrum in Münster zerschlagen, das für schweren sexuellen Missbrauch und Kinderpornografie verantwortlich sein soll.
  • Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) fordert nun erneut eine Strafverschärfung.
  • Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) müsse da endlich “aus dem Quark” kommen.
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Herr Reul, aus Münster ist deutschlandweit jetzt nicht zuletzt das Foto eines Studios bekannt geworden, aus dem Videoaufnahmen des sexuellen Missbrauchs gemacht wurden. Haben Sie für diese kalte Professionalität eine Erklärung?

Nein. Da sind Menschen am Werk, die nicht nur für sich selbst eine Befriedigung suchen, sondern das Material verteilen. Meistens, um mit anderen aus der Missbrauchsszene im Geschäft zu bleiben – wenn auch nicht im wirtschaftlichen Geschäft. Das sind Clubs und Chats, die bedient werden, manchmal um überhaupt erst mal Eintritt in so eine Chatgruppe zu bekommen. Es gibt Leute, die gucken sich solche Fotos oder Filme an. Und die können dann nur weitergucken, wenn sie selbst Material liefern. Da gucken Sie wirklich in menschliche Abgründe.

Ansonsten ist Münster ja ein Fahndungserfolg. Was war in Münster anders als in Bergisch Gladbach und Lügde?

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Lügde war ein Fall in einem umgrenzten Gebiet. Bergisch Gladbach und Köln war ein großer Einzugsbereich mit unterschiedlichen Tätern an unterschiedlichen Orten. Da arbeitete zwar jeder für sich, aber fast alle kannten sich untereinander. In Münster haben wir es mit einer extrem großen Datenmenge zu tun. 500 Terabyte. Und: Wir haben bei dem Täter eine bis dahin ungekannte technische Professionalität. Dass jemand sich so auskennt, sein Material so verschlüsselt und absichert – das ist neu.

Sie sind dem Täter auf die Spur gekommen, weil Sie Ihre Ermittlungen intensiviert haben.

Ja, eindeutig. Die nordrhein-westfälische Polizei hat den Kampf gegen Kindesmissbrauch nach dem Fall Lügde zum Schwerpunkt gemacht. Wir haben deutlich mehr Menschen, die daran arbeiten, und erstmals auch die entsprechende Technik. Außerdem hat die Polizei den Auftrag bekommen, sich darum verstärkt zu kümmern. Sie guckt viel mehr hin. Das würde ich mir auch von der Gesellschaft wünschen – dass wir alle genauer gucken und nicht immer Angst haben, wir würden denunzieren. Besser einmal mehr melden, bevor große Missbrauchsverfahren nötig werden. Das hat bei uns jetzt geklappt, wohl wissend, dass da noch ganz viel unentdeckt sein wird. Das ist ein Riesensumpf, den man sich kaum vorstellen kann.

Da sind wir schon bei den Konsequenzen. Was raten Sie?

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Das Beste und Wichtigste ist Prävention, Kinder stark zu machen in der Erziehung. Starke Kinder sind weniger anfällig. Zweitens, was ich gerade schon sagte: Augen auf! Nicht weggucken! Ob in Schule, Kindergarten oder Nachbarschaft. Und schließlich müssen Polizei und Justiz ihren Job erledigen.

Und rechtlich?

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Ich würde mir wünschen, dass wir im rechtlichen Bereich nachjustieren. Wenn die Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsbildern immer noch genauso bestraft wird wie Ladendiebstahl, dann fehlt mir dafür jedes Verständnis. Dann interessiert mich auch nicht mehr, ob das rechtssystematisch richtig oder falsch ist. Das ist mir wurscht. Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch.

Sie sind also auch dafür, jede Form von Kinderpornografie als Verbrechen einzustufen und nicht mehr als Vergehen?

Vollkommen richtig. Das habe ich im Juli 2019 das erste Mal bei der Innenministerkonferenz vorgeschlagen. Damals haben wir das sogar beschlossen. Bei der Konferenz im darauffolgenden Dezember haben wir es dann noch einmal bekräftigt. Und ich muss schon sagen: Dass die Bundesjustizministerin da nicht aus dem Quark kommt, ist ärgerlich.

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Was sagen Sie zu Christine Lambrechts Einwand, dass dann schon jemand als Verbrecher gilt, der einmalig einen kinderpornografischen Comic gepostet habe, und die Justiz dann nicht mehr differenzieren könne?

Es wäre das erste Mal, dass Gesetze nicht differenziert angewendet werden. Das habe ich noch nie gehört. Ich habe auch noch nie gehört, dass deutsche Richter zu streng wären. Nur zur Erinnerung: Der Haupttatverdächtige im Fall Münster war zweimal einschlägig vorbestraft. Beide Male ist er mit Bewährung davongekommen. Außerdem: Dann muss das Ministerium das Gesetz so formulieren, dass die Richter Differenzierungsmöglichkeiten haben. Im Moment ist das Signal: Es ist irgendwas, aber kein Verbrechen. Das versteht kein Mensch. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass da etwas passiert. Und Frau Lambrecht ist zuständig.

Haben Sie genug Personal?

Wir haben das Personal an der Stelle vervierfacht. Aber dass wir genug hätten, würde ich nicht behaupten. Außerdem müssen wir das Personal an anderen Stellen abziehen. Da reißt man Lücken. Wir brauchen zudem Menschen, die entsprechend ausgebildet sind und das durchhalten. Und wir brauchen für diese Leute eine Supervision. Das ist ja etwas anderes, als wenn man einen Einbruch ermittelt. Ich habe mir das 2018 selbst mal näher angesehen: Diese Arbeit ist eine Zumutung.

Nicht selten bieten Täter ja ihre eigenen Kinder anderen zum Missbrauch an. Ist gegen diese Form moralischer Verwahrlosung überhaupt ein Kraut gewachsen?

Es ist immer irgendein Kraut gewachsen. Aber man muss dagegen sehr langfristig arbeiten. Man darf damit nicht aufhören.

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