Wir müssen Kinder aus Hartz IV herausholen

  • Es gibt 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, die in Armut aufwachsen – wie eine Bertelsmann-Studie berichtet.
  • In Zeiten von Corona haben diese Kinder noch einmal besonders gelitten.
  • Es ist längst an der Zeit für eine grundlegende Reform, kommentiert Tobias Peter.
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Diese Zahlen rütteln auf. Es gibt 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, die in Armut aufwachsen – so heißt es in einer Bertelsmann-Studie. Damit ist mehr als jeder Fünfte der unter 18-Jährigen betroffen. Das ist ein Befund, den es in einem Land wie Deutschland nicht geben sollte. Und auch nicht geben müsste.

Das Thema Kinderarmut löst zu Recht Emotionen aus wie wenige andere Themen. Gleichzeitig gilt: Armut lässt sich nicht mit einem Zollstock vermessen. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, wie Daten erstellt und interpretiert werden: nicht um den Befund zu verharmlosen, aber um ihn besser zu verstehen.

2,8 Millionen arme Kinder und Jugendliche: Auf diese Zahl kommt die Studie, indem sie zwei gängige Methoden der Armutsforschung kombiniert. Sie schaut auf die Zahl der Minderjährigen, die in Familien mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zu Hause sind. Und sie blickt darauf, wie viele Kinder in Familien aufwachsen, die im Hartz-IV-System leben.

Gegen solche Methoden der Armutsmessung lassen sich zweifellos allerhand Einwände erheben. Dass der Staat Familien mit Grundsicherung unterstützt, ist – dort, wo es notwendig ist – zunächst mal eine Errungenschaft unseres Sozialstaats. Und wer zur Bestimmung der Armut darauf schaut, wie viel jemand im Vergleich zu anderen hat, erfährt nichts über absolute Armut, sondern über relative.

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Es geht um Selbstverständlichkeiten

Doch gerade im Fall von Kindern ist es hochproblematisch, wenn für sie dauerhaft viel weniger Geld zur Verfügung steht als zumindest im Durchschnitt der anderen Kinder. Insbesondere für Mädchen und Jungen, deren Familien im Hartz-IV-Bezug sind, ist der Abstand zu den anderen oft so groß, dass sie nicht angemessen am normalen Leben teilnehmen können und auch ihre Bildungschancen leiden.

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Es geht darum, Selbstverständlichkeiten möglich zu machen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Auch Kinder aus armen Familien müssen die Chance haben, mit ihren Klassenkameraden auch mal ins Kino zu gehen. In Familien im Hartz-IV-Bezug bekommen die Kinder laut Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit übrigens in vielen Fällen kein Taschengeld – allein das schon ist ein Hindernis auf dem Weg, Selbstständigkeit zu erlernen und zu erleben.

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RND-Videoschalte: Kinderschutzbund-Präsident im Interview
12:49 min
RND-Korrespondent Tobias Peter spricht mit Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers über Kita-Öffnungen und ärmere Familien in der Corona-Krise.

In Corona-Zeiten sind die Nachteile für die Kinder, die es ohnehin schon schwerer haben, noch größer geworden. Viele haben zu Hause gar keinen Platz, an dem sie in Ruhe lernen können. Der Computer mit Internetanschluss, der im Normalhaushalt Standard ist, fehlt oft. Homeschooling bedeutet vor allem: mehr Bildungsungerechtigkeit.

Jeder Tag Schule, der ausfällt, ist ein Problem: Das müssen die Politiker auch im Zeitalter der Pandemie berücksichtigen. Wenn das Infektionsgeschehen dennoch zeitweise nichts anderes zulassen sollte als Schulschließungen oder auch den Wechsel von Präsenz- und Digitalunterricht, müssen die Vorbereitungen diesmal besser sein – gerade mit Rücksicht auf diejenigen, die zu Hause nicht so gut unterstützt werden können.

Die Länder müssen sicherstellen, dass die 500 Millionen Euro, die der Bund noch mal zusätzlich für digitale Endgeräte zur Verfügung gestellt hat, auch tatsächlich dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Die Lehrer sollten sich in den Ferien noch einmal im digitalen Unterrichten fortbilden.

Jenseits von Corona muss es um den Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Schulen gehen. Davon profitieren eben nicht nur Familien, in denen beide Eltern arbeiten. Es ist auch der beste Weg, um Kinder aus bildungsfernen Familien möglichst gut zu fördern.

Das muss die Politik jetzt tun

Generell fällig ist eine Reform, die Leistungen des Staates für Kinder bündelt und gerechter verteilt. Spitzenverdiener bekommen über Steuerfreibeträge bisher mehr Geld für ihre Kinder als Familien mit kleinen Einkommen. Das ist absurd.

Sinnvoll wäre eine Kindergrundsicherung, die das Dickicht von unterschiedlichen Leistungen wie Kindergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag kombiniert. Das Ziel dabei muss sein, die Kinder aus Hartz IV herauszuholen. Konzepte dafür gibt es genug. Bislang fehlt es nur am politischen Willen, etwas zu ändern.

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