Kinder von Homöopathie-Anhängern werden seltener geimpft

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) darf sich bei seinem Kampf für eine Masern-Impfpflicht bestätigt fühlen. Die Barmer-Krankenkasse hat herausgefunden, dass die Impfquote sogar geringer ist als offiziell angegeben. Insbesondere Homöopathie-Anhänger lassen ihre Kinder seltener impfen.

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Berlin. Kinder von Anhängern der umstrittenen Homöopathie werden seltener geimpft. Das geht aus dem Barmer-Arzneimittelreport hervor, den die Krankenkasse am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. Danach besteht eine vergleichsweise hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass Kinder die 13 empfohlenen Schutzimpfungen gar nicht oder nur unvollständig erhalten haben, wenn deren Eltern Teilnehmer an einem Homöopathie-Programm der Kasse sind. Dieses Programm ermöglicht den Versicherten die Inanspruchnahme von homöopathischen Behandlungen.

Einen deutlich kleineren Einfluss hat das Alter oder die Bildung der Eltern. Nach den ausgewerteten Daten der Barmer haben Kinder von besonders jungen und älteren Müttern eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit, nicht vollständig geimpft zu sein. Das gilt auch, wenn die Eltern keine anerkannte Berufsausbildung haben.

Weniger Kinder geimpft als angenommen

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Ein zentrales Ergebnis des Reportes: In Deutschland sind weniger Kinder gegen Masern geimpft als offiziell angegeben. Eine Auswertung von Behandlungsdaten der Barmer-Versicherten ergab, dass lediglich 88,8 Prozent der Schulanfänger 2017 über die notwendigen zwei Masern-Impfungen verfügten. Das für Impfungen zuständige, staatliche Robert-Koch-Institut (RKI) gibt hingegen einen Wert von 92,8 Prozent an. „Die vom RKI publizierte Impfquote bei den Schuleingangsuntersuchungen (…) überschätzt die vollständige Immunisierung gegen Masern deutlich“, heißt es in dem Barmer-Report. Um eine Masern-Epidemie zu verhindern, ist eine sogenannte Herdenimmunität mit einer Impfrate von mindestens 95 Prozent notwendig.

„Unrealistische Impfquoten“

Barmer-Chef Christoph Straub erläuterte, dass die vom RKI angegebene Impfquote bei den Schuleingangsuntersuchungen lediglich auf Basis vorgelegter Impfpässe bestimmt wird. Damit werde der Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen, nicht berücksichtigt, kritisierte er. Deren Anteil betrage immerhin über acht Prozent. „Das führt zu höheren, unrealistischen Impfquoten, denn nicht geimpfte Kinder haben natürlich auch keinen Impfpass“, sagte der Barmer-Chef. Der Arzneimittelreport zeige hingegen erstmals die tatsächlichen Impfquoten bei Kindern und Jugendlichen.

Noch deutlich schlechter als bei den Schulkindern ist die Masern-Impfquote bei Kleinkindern. Bei Zweijährigen betrug die Quote laut Report 2017 lediglich 78,9 Prozent. Mehr als jedes fünfte Kind war damit nicht oder nicht vollständig gegen Masern geimpft.

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Quote bei Erwachsenen gering

Straub betonte, die Impflücken bei Kindern würden umso schwere wiegen, da es nach der Einschulung kaum Nachimpfungen gebe: „Wer schon als Jugendlicher Impflücken aufweist, der wird sie auch im Erwachsenenalter behalten.“ Auch dadurch steige das Risiko für regionale Epidemien. Dass sich Masern so leicht verbreiten könnten, liegt nach den Worten Straubs auch daran, dass nur 64 Prozent der 24- bis 30-Jährigen und 32 Prozent der 31 bis 42-Jährigen vollständig dagegen geimpft sind.

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Die Barmer hat auch die Quoten bei anderen Impfungen erhoben, die von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen werden. Dabei zeigt sich, dass bei den Kindern im einschulungsfähigen Alter bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten (zum Beispiel Diphterie, Tetanus oder Polio) ein Durchimpfungsgrad von 90 Prozent erreicht wird. Das RKI geht hingegen teilweise von Quoten von bis zu 94 Prozent aus.

Die meisten ungeimpften Kinder in Bayern

2,3 Prozent der Sechsjährigen hatten 2017 keine einzige der 13 vorgesehenen Impfungen. Mit einer Quote von 3,5 Prozent gab es die meisten Ungeimpften in Bayern. Die niedrigste Rate hat Brandenburg mit 1,2 Prozent.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte Mitte Juli einen Gesetzentwurf für eine Impfpflicht gegen Masern auf den Weg gebracht. Er sieht vor, dass ab März 2020 Kinder nur noch in die Kita gehen dürfen, wenn sie gegen Masern geimpft sind. Eltern von Schulkindern drohen hohe Geldbußen.

Von Timot Szent-Ivanyi/RND

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