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Kieler Uni-Dekan: “Klimabewegung erfüllt demokratische Funktion"

  • “Die Klimabewegung ist undemokratisch." An diesem Satz des Mainzer Historikers Andreas Rödder haben einige Anstoß genommen.
  • Rödder hatte in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) von einem Zielkonflikt von Demokratie und Klimaschutz gesprochen.
  • Till Requate, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, antwortet ihm nun in einem Gastbeitrag.
Till Requate
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Kiel. In einem Interview, das er jüngst dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gab, bezeichnet der Historiker Andreas Rödder die Klimabewegung als undemokratisch. Rödder wirft den Klimaaktivsten einen Alleinanspruch auf die Wahrheit in der Klima-Debatte vor. Er sieht einen Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Demokratie. Er sagt es zwar nicht direkt, aber seine Formulierungen lassen anklingen, dass er auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Treibhaus-Effekt und Klimawandel vorsichtig in Frage stellt.

Wer die Klima-Debatten aufmerksam verfolgt, wird feststellen, dass ungeachtet von Konzepten zu grünem Wachstum es zweifelsohne einen Zielkonflikt zwischen wirtschaftlichen Aktivitäten, vornehmlich Wirtschaftswachstum, und Klimaschutz gibt. Sollen fossile Brennstoffe global in großem Ausmaß im Boden bleiben, so ist zumindest kurz- bis mittelfristig mit weniger Wirtschaftswachstum, vielleicht sogar einem Schrumpfen der globalen Wirtschaft zu rechnen.

Dass dieses die Interessen zahlreicher Stakeholder verletzt, ist nicht verwunderlich, und so lassen Vertreter der fossilen Brennstoffindustrie (man schaue nach Brandenburg und Sachsen), aber auch der Autoindustrie nichts unversucht, (zu starke) Einschränkungen ihrer Geschäftsmodelle zu unterbinden. Dieses ist durchaus legitim. Genauso legitim ist es aber auch, wenn sich Bürger organisieren und ihren Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder Ausdruck verleihen.

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Till Requate ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Kiel. Eines seiner Gebiete ist die Umwelt- und Ressourcenökonomik. © Quelle: Privat

Gerade aus historischer Perspektive ist die demokratische Funktion sozialer Bewegungen evident: Bürgerrechtsbewegungen, Umweltbewegungen, Frauenbewegungen sind immer wieder mit als radikal empfundenen Forderungen angetreten und haben erfolgreich zu Veränderungen beigetragen. Dem steht nicht entgegen, dass demokratische Prozesse oft langsam ablaufen. Aber die Forderung nach schnellem Handeln kann doch nicht im Ernst als „anti-demokratisch“ gebrandmarkt werden.

Es gibt zahlreiche Beispiele aus der jüngeren Geschichte, wo Notsituationen schnelles politisches Handel erforderten, so bei Naturkatastrophen und/oder der Ausbreitung von Epidemien. Wenn Ärzte im Falle einer drohenden Epidemie ein schnelles Handeln, z.B. durch Impfschutz fordern, würde Herr Rödders diese Forderung als undemokratisch bezeichnen?

Die Klimabewegung fordert (von einzelnen Ausnahmen möglicherweise abgesehen) doch nicht, demokratische Entscheidungsprozesse zu unterlaufen. Sie weist lediglich auf die Dringlichkeit des Problems hin, und dieses tun auch zahlreiche mit dem Thema befasste Wissenschaftler. Ein Vorzug westlicher Demokratien besteht doch darin, dass es hier relativ gefahrlos möglich ist, auf politische Missstände hinzuweisen. Totalitäre Regime hingegen sind bislang nicht dadurch aufgefallen, dass sie dem Klimaschutz besonderes Gewicht einräumen.

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Dass Rödder den Hinweis auf marxistische Theorien anführt, um die Fehlbarkeit der Wissenschaft zu belegen, ist ebenfalls befremdlich. Es geht in der Klima-Debatte nicht um die Erfolgsprognosen gesellschaftlicher Utopien, sondern um Atmosphärenphysik und die Beschreibung der Folgen unterschiedlicher Szenarien. Wer Veröffentlichungen und Berichte der Klima-Forscher, auch in populärwissenschaftlichen Darstellungen aufmerksam liest, wird feststellen, dass Klimaforscher stets einen Unsicherheits-Kegel in ihren Prognosen veröffentlichen. Das heißt, sie geben untere und obere Intervallgrenzen für Temperaturprognosen in Abhängigkeit vom Bestand von Treibhausgasen an, und dieser ist umso größer, je weiter in der Zukunft der Prognosezeitpunkt liegt. Von einem Unfehlbarkeitsanspruch kann also keine Rede sein.

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Leider hat sich herausgestellt, dass die real eingetretenen Temperaturmessungen sich stets am oberen Rand der Prognosen-Intervalle bewegt haben. Die Prognosen der Klimaforscher sind und waren somit ex ante und ex-post seriös. Dieses lässt sich zu Gesellschaft-Utopien nicht sagen.

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Was treibt die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg an, die für ihren Einsatz international anerkannt und gefeiert wird?  © AFP

Dass Klimabewegungen bezüglich bestimmter Prognosen zuweilen dramatisieren, gehört zum demokratischen Prozess dazu. Gleiches tun auch Industrie-Lobbyisten, wenn es um zukünftige Arbeitsplätze geht, oder rechte politische Gruppen, wenn es um Zuwanderung geht.

Die Klimabewegung als undemokratisch abzustempeln, ist somit in jeder Hinsicht unangebracht und offenbart ein merkwürdiges Demokratieverständnis, das die fundamentale demokratische Funktion sozialer Bewegungen verkennt. Das permanente Hinterfragen wissenschaftlicher Ergebnisse ist selbstverständlich Teil von Wissenschaft. Doch muss dieses Hinterfragen selbst wissenschaftlicher Nachprüfung standhalten. Ein raunendes Infragestellen von Erkenntnissen, die weitestgehend als wissenschaftlich gesichert gelten können, öffnet Verschwörungstheoretikern und Populisten Tür und Tor.