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Kenosha-Schütze Kyle Rittenhouse: Vom Totschläger zum Freiheitsheld

  • Nach seinem Freispruch kann sich Kyle Rittenhouse, der Schütze von Kenosha, vor dem Zuspruch der Trump-Anhänger kaum retten.
  • Der rechte Kabelsender Fox widmet dem 18-Jährigen ein Interview und eine abendfüllende TV-Dokumentation.
  • Der Gouverneur von Florida sendet Willkommensgrüße, und zwei Republikaner-Abgeordnete locken mit Jobs im Washingtoner Kongress.
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Washington. Im schnellen Schnitt wechseln Bilder von vermummten Demonstrantinnen und Demonstranten, brennenden Autos und plündernden Horden. „Das sind die Sachen, die mich nachts wachhalten“, sagt ein verängstigter junger Mann: „Was hätte passieren können, wenn ich mich nicht verteidigt hätte?“ Endlich wechselt die Musik ins Triumphale: Der Mann mit dem Babyface sitzt im Fond eines Wagens. „Die Geschworenen haben die richtige Entscheidung getroffen“, sagt er erleichtert in die Kamera: „Notwehr ist nicht illegal“.

Keine zwei Minuten lang ist der Clip, den der rechte Fox-News-Moderator Tucker Carlson am Wochenende veröffentlichte. Doch der eilig zusammengeschnittene Trailer lässt erahnen, was nach dem Freispruch des 18-jährigen Kyle Rittenhouse in den kommenden Wochen auf die amerikanische Öffentlichkeit zukommt. Bis zum vorigen Freitag hatte der Mann, der bei Unruhen in der Arbeiterstadt Kenosha im Bundesstaat Wisconsin im August 2020 zwei Demonstranten erschoss, noch befürchten müssen, wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis zu wandern. Nach dem Freispruch ist er nun der neue Held der Rechten in den USA.

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Einen ersten „Glückwunsch an Kyle Rittenhouse!“ hatte Ex-Präsident Donald Trump bereits kurz nach dem Urteil per Pressemitteilung abgesetzt. Den Kritikern des Todesschützen warf er vor, „Hass zu verbreiten“. Damit war der Ton gesetzt. Rittenhouse solle „jedes Medium und jeden schwachsinnigen Kommentator verklagen, der ihn bis zur Besinnungslosigkeit verleumdet hat“, riet Ron DeSantis, der republikanische Gouverneur von Florida. Und Anthony Sabatini, ein republikanischer Landtagsabgeordneter aus Florida, forderte, den Tag der Gerichtsentscheidung zum bundesweiten „Kyle-Rittenhouse-Tag“ zu erklären.

Es geht um ein bizarres Recht auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung

Doch die emotionale Aufwallung im Land reicht weit über solche Politikerstatements hinaus. Im Kern des Prozesses von Kenosha ging es um zwei zentrale Glaubenssätze der Konservativen in den USA: Das Recht auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung. Rittenhouse war im Zuge der teilweise gewalttätigen Proteste mit einem Sturmgewehr vom Typ M&P 15 nach Kenosha gefahren – angeblich, um dort einen Autohandel vor Plünderungen zu schützen. Dass er dabei zwei unbewaffnete Demonstranten erschoss und einen dritten verletzte, beurteilten die Geschworenen als Notwehr.

Notwehr mit dem Schnellfeuergewehr? Ein Foto aus den Gerichtsakten zeigt den dramatischen Moment während der Kundgebung im August 2020. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Das höchst umstrittene Urteil ist nur vor dem Hintergrund der bizarren Rechtslage zu verstehen: So dürfen Erwachsene in Wisconsin offen handelsübliche Schnellfeuerwaffen tragen. Rittenhouse war damals zwar erst 17 Jahre, doch der Lauf seines Gewehres war länger als üblich und daher nicht reglementiert. Zudem reicht in Wisconsin bereits die „glaubhafte Sorge“ vor einem körperlichen Angriff auf die eigene Person als Rechtfertigung für die Verteidigung mit einer Waffe. Beide Bestimmungen werden von linksliberalen Politikern scharf kritisiert.

Der linke „Mob“ als Feindbild

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So weist der Fall Rittenhouse weit über die konkrete Person hinaus. Neben dem Waffenrecht und der Definition von Notwehr geht es dabei auch um Rassismus, denn die teilweise gewalttätigen Proteste in Kenosha richteten sich gegen die Tötung eines Schwarzen durch einen weißen Polizisten. „Heute ist ein Tag, den wir alle feiern sollten“, verkündete Moderator Carlson am Freitag in seiner täglichen Propagandashow zur besten Sendezeit bei Fox News: „Wenn Kyle Rittenhouse sein Leben vor dem Mob retten kann, dann kannst du das auch“, formulierte er die Botschaft für sein Millionenpublikum.

Am Montagabend ließ Carlson ein exklusives Interview mit Rittenhouse folgen, in dem dieser beteuert, er sei kein Rassist und unterstütze das Recht auf friedliche Demonstrationen. Im Dezember soll auf dem Streamingkanal von Fox eine abendfüllende Dokumentation folgen, für die das Team von Carlson schon während des Verfahrens exklusiven Zugang zum Angeklagten bekam. Dessen Anwälte und die Kaution von 2 Millionen Dollar waren durch rechte Unterstützer bezahlt worden.

Um seinen weiteren Lebensweg muss sich Rittenhouse als neues Idol der Trumpianer keine Sorgen machen. Die beiden extrem rechten Kongressabgeordneten Paul Gosar und Matt Gaetz haben ihm als Sprungbrett für weitere Publicity jeweils einen Praktikantenplatz im Kapitol angeboten. Nach dem am Sonntag aufgezeichneten Interview mit Carlson wurde Rittenhouse lachend neben einer ehemaligen Bachelorkandidatin in einem Restaurant bei Fort Myers fotografiert. Ein örtlicher Republikaner-Chef postete das Bild bei Twitter. „Willkommen in unserem freien Staat. Genieße die Zeit hier“, schrieb Christina Pushaw, die Sprecherin von Gouverneur DeSantis, dazu.

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