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Keine vorzeitige Schließung: Allerletzte Gnadenfrist für Flughafen Tegel

  • Eigentlich sollte der Flughafen Tegel zum 15. Juni geschlossen werden.
  • Doch das Flugwesen entwickelt sich wieder positiv in Berlin.
  • So bleibt der Alt-Airport bis November am Netz, entschied die Flughafengesellschaft am Mittwoch.
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Berlin. ​Der Flughafen Berlin-Tegel wird nun doch nicht vorzeitig geschlossen. “Wir werden in der Kapazität wieder auf beide Flughäfen schauen müssen”, kündigte der Berliner Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup am Mittwoch an. Er werde keinen Antrag auf vorzeitige Schließung stellen und den Flugverkehr auf beide Berliner Flughäfen verteilen.

Weil wegen der Corona-Pandemie nur noch zwölf bis 20 Jets pro Tag Tegel anfliegen – statt bis zu 550 Starts und Landungen zuvor – sollte der Flughafen eigentlich zum 15. Juni geschlossen werden. Dann nahmen die Airlines doch rasant wieder Verbindungen ins Programm, und nun wird Tegel wohl weitermachen müssen, bis Anfang November, eine Woche nach der BER-Eröffnung.

“Wir erwarten, dass der Verkehr wieder deutlich zunehmen wird”, sagte Lütke Daldrup. Bis Ende Juli erwartet er mehr als 100 Flugverbindungen täglich und bis zu 20.000 Passagiere in Berlin. Die drei wichtigsten Airlines Easyjet, Ryanair und Lufthansa (mit Eurowings) werden die Verbindungen schon in den nächsten Tagen deutlich erhöhen.

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Anwohner hassen den Lärm – und lieben den Flughafen

Es war ruhig geworden in Tegel. Die Abendmaschine nach New York vermisst Ennio Spina nicht. “Da hat das ganze Haus gewackelt”, erzählt der 39-Jährige. Spina wohnt im Nordberliner Bezirk Reinickendorf, knapp 300 Meter vom Flugfeld des Airports Berlin-Tegel entfernt. Und das schon sein ganzes Leben.

Spina, Sohn eines italienischen Restaurantbesitzers, ist in der Einflugschneise aufgewachsen, immer die Jets über dem Kopf. Jetzt wohnt er mit seiner Familie wieder genau neben TXL.

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Die Bundesregierung will die weltweite Reisewarnung für Touristen ab dem 15. Juni für rund 30 europäische Staaten aufheben.  © Jan Sternberg/Reuters
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Er hasst den Lärm und liebt den Flughafen. Doch auch der Lärm gehört zu seinem Leben. “Die Sechs-Uhr-Maschine war mein zweiter Wecker”, sagt er. Wenn morgens um sechs das Nachtflugverbot endete und der erste Jet seine Triebwerke warmlaufen ließ, dröhnte es bis ins Schlafzimmer der Spinas: Aufstehen! TXL ist auch schon wach.

Die Sechs-Uhr-Maschine ist erst einmal weggefallen, und aus dem geliebten TXL ist ein trauriger Zombie geworden. Der 1974 eröffnete Airport sollte eigentlich schon vor elf Jahren schließen, dann wurde der BER nicht fertig, und Tegel musste Jahr um Jahr durchhalten, immer stärker belastet, immer mehr auf Verschleiß gefahren. Nun soll im November endgültig Schluss sein.

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Die Airlines fühlen sich durch das Hin und Her von der Flughafengesellschaft allein gelassen. Vor allem die Lufthansa sträubte sich gegen einen doppelten Umzug – erst nach Schönefeld-Alt und dann weiter zum BER. Dann wolle man doch lieber gleich vorzeitig in den neuen Großflughafen ziehen, sagt Lufthansa-Sprecherin Sandra Courant: “Konkret zu planen ist momentan schwierig. Denn es ist immer noch unklar, ob und wann der Flughafen Tegel vorzeitig schließt. Kurzfristige Standortwechsel sind aufwendig und kostenintensiv. Sinnvoll wäre es, die Einstellung des Flugbetriebs in Tegel präzise auf die Inbetriebnahme des BER abzustimmen.”

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Mit der Tegel-Schließung sollen rund 200.000 Euro täglich gespart werden.  © Jan Sternberg/Reuters

Gerade mal 2000 Fluggäste gab es zuletzt an den beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld, normal ist das Fünfzigfache. So machten die Gesellschafter Berlin Brandenburg und der Bund im Mai den Weg dafür frei, Tegel aus Kostengründen vorzeitig zu schließen. Den Antrag dafür stellt die Flughafengesellschaft nun nicht.

Das Herzstück von TXL war bereits seit Wochen verrammelt: Das markante Sechseck von Terminal A ist geschlossen, die wenigen verbliebenen Fluggäste sammeln sich in der Wellblechhalle von Terminal C, einer kunstlosen Erweiterung des Alt-Airports, der mal auf sechs Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt war und am Ende 24 Millionen bewältigte.

Aber das heißt nicht, dass in Terminal A während der Schließzeit gar nicht mehr geflogen wurde. Das verwaiste Parkdeck unter dem Sechseck ist voller Gezwitscher, Spatzen sausen durch die Luft und nisten unter den Betonverstrebungen. Sie haben den Laden übernommen, während oben die verspäteten Airport-Enthusiasten vor verschlossenen Türen standen.

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Berlin, 1974: Eine vollbesetzte Caravelle der französischen Fluggesellschaft Air France rollt am Flughafen Tegel in Berlin am neuen noch nicht ganz fertiggestellten Terminal-Gebäude und Tower vorbei. Das neue Terminal wurde am 23.10.1974 eingeweiht. © Quelle: picture alliance / dpa

TXL war zur Eröffnung 1974 revolutionär – und einfach zu verstehen. Ein Sechseck, außen Flugverkehr, innen Landverkehr. 28 Meter vom Taxi bis zum Gate. Es war der erste – und bis heute liebste – Flughafen der Architekten Volkwin Marg und Meinhard von Gerkan, die auch den BER entworfen haben. Der BER ist der Flughafen der langen Wege und der vielen Shops, das liegt an Sicherheits- und Kalkulationszwängen. An ihm hing ihr Herz nie.

Auch Ennio Spinas Herz hängt an Tegel. Ausgerechnet dem Flughafen, der ihm sein ganzes Leben die Nachtruhe geraubt hat. Als 2017 ein Volksentscheid über den Weiterbetrieb anstand, stimmten die Spinas mit Ja, wie 56 Prozent der Berliner. Rechtlich bindend sei dies nicht, entschied das Abgeordnetenhaus. Spina ist bis heute sauer. Vor der langen Anfahrt zu diesem neuen Flughafen da draußen in Brandenburg graut ihm jetzt schon.

Spina hofft auf einen würdigen Abschied im Herbst. Mit historischen Jets aus den 1970er-Jahren und einer französischen Militärkapelle. Schließlich lag Tegel im französischen Sektor Berlins. “Die Franzosen müssen das machen”, hofft er. “Die haben einen Sinn für so was.”

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