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Kassen-Chef Baas: „Vor dem Frühjahr keine signifikanten Erleichterungen“

  • Der Chef der Techniker Krankenkasse befürchtet, dass der harte Lockdown fortgeführt werden muss.
  • Im RND-Interview spricht er auch über die Lehren aus der Pandemie und Milliardenlöcher in der Krankenversicherung.
  • Und er sagt, warum die Krise auch etwas Gutes hat.
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Berlin. Die Techniker-Krankenkasse ist mit knapp elf Millionen Versicherten die größte gesetzliche Krankenkasse in Deutschland. Jens Baas, der Medizin studiert und als Arzt in den chirurgischen Universitätskliniken Heidelberg und Münster gearbeitet hat, leitet die Kasse seit Mitte 2012.

Herr Baas, als Kassenchef müssten Sie sich doch über den harten Lockdown freuen, der vermutlich über den 10. Januar verlängert werden muss.

Wie kommen Sie darauf?

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Weil es beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 einen starken Rückgang bei Operationen und Klinikbehandlungen gegeben hat, was die Ausgaben der Kassen gedrückt hat.

Das ist richtig. Und es stimmt auch, dass wir uns weniger Rücken-, Knie- und Hüftoperationen wünschen, weil viele davon schlicht überflüssig sind. Durch Corona gingen diese OPs stark zurück. So liegt die Zahl der Rücken-OPs im ersten Halbjahr im Schnitt nur bei 88 Prozent des Vorjahres. Bei notwendigen Therapien aber ist es natürlich nicht gut, wenn sie zu spät oder gar nicht gemacht werden. Deshalb müssen wir genau beobachten, wie sich die Menschen nun verhalten.

Gibt es darüber schon Daten?

Nach ersten Zahlen aus dem Herbst zeichnet sich ab, dass erneut weniger Menschen ins Krankenhaus gehen. Aber es herrscht keine nackte Panik mehr wie noch kurz nach dem Beginn der Pandemie, als selbst Menschen mit dem Verdacht auf einen Herzinfarkt aus Angst vor Ansteckung die Notaufnahmen gemieden haben. Da hat glücklicherweise eine Art Gewöhnungseffekt eingesetzt. Mir macht jedoch etwas anderes Sorgen.

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Was?

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Ich sehe die Gefahr, dass die Intensivstationen der Kliniken im Verlauf des Winters durch die Corona-Fälle in immer mehr Regionen an ihre Belastungsgrenze kommen werden, insbesondere durch den Mangel an qualifiziertem Personal. Damit wird auch die Behandlung von anderen Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden müssen, schwierig. Wir können nur hoffen, dass der jetzige Lockdown erfolgreich sein wird. In der kalten Jahreszeit, wenn alle drinnen sind, wird es aber generell schwierig, die Situation relevant zu verbessern.

Der Lockdown sollte also verlängert werden?

Ich will nicht spekulieren. Wir müssen uns die Zahlen weiter genau anschauen. Wenn wir Pech haben und keine relevante Veränderung sehen, wird die Regierung reagieren müssen. Ich fürchte, dass es vor dem Frühjahr keine signifikanten Erleichterungen geben können wird.

Video
RKI-Zahlen: 12.690 Corona-Neuinfektionen und 336 neue Todesfälle
0:48 min
Am ersten Tag des neuen Jahres haben die deutschen Gesundheitsämter 12.690 Corona-Neuinfektionen gemeldet.  © dpa

Zurück zu den Behandlungsdaten. Gibt es auch positive Entwicklungen durch die Pandemie?

Es hat einen enormen Schub bei der Digitalisierung gegeben. Die Zahl der Videosprechstunden im Rahmen der Regelversorgung ist geradezu explosionsartig gestiegen. Im vierten Quartal 2019 haben nur 23 TK-Versicherte eine reine Fernbehandlung genutzt, waren also nicht zusätzlich persönlich in der Praxis. Diese Zahl stieg von Januar bis März 2020 auf 2732 und im zweiten Quartal bis Juni dann auf 19.701 Patienten. Ich gehe davon aus, dass die Zahlen weiter wachsen, auch wenn die Pandemie vorbei ist. Denn es macht generell wenig Sinn, sich bei Erkältungskrankheiten für eine Krankschreibung stundenlang ins Wartezimmer setzen zu müssen.

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Welche Lehren müssen wir aus der Pandemie ziehen?

Ein Grund dafür, dass wir medizinisch betrachtet vergleichsweise gut durch die erste Welle gekommen sind, ist das starke Hausarztsystem in Deutschland. Es hat viel abgefangen, denn dort wird der größte Anteil der Corona-Patienten behandelt. In anderen Ländern sind die Kliniken auch deshalb überlastet, weil dort die Notaufnahmen der erste Anlaufpunkt sind.

Und wie sieht es mit den Kliniken aus?

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig hier eine bundesweite Vernetzung ist. Das Virus macht an Ländergrenzen nicht Halt. Wir brauchen also beim Thema Bedarfsplanung einen größeren Radius als die Länderebene oder gar noch kleinere Ausschnitte. Dabei sollte dann auch festgelegt werden, wie viele Intensivbetten in welchen Regionen für Katastrophen in Reserve gehalten werden. Unterm Strich bleibt es aber dabei: Wir haben zu viele Klinikbetten in Deutschland.

Die Klinikverbände sagen, die Pandemie habe gerade gezeigt, dass das nicht der Fall sei.

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Es geht hier nicht um Intensivbetten. Es geht um normale Stationen, die nach dem Motto “Alle Kliniken machen alles” mit möglichst vielen Patienten belegt werden. Ich erwähnte als Beispiel schon die vielen medizinisch unnötigen Rücken-Operationen. Hier braucht es Planung und Koordination statt Wildwuchs, sonst gefährdet es die Qualität der Behandlung und kostet die Versichertengemeinschaft Milliarden.

Damit wären wir bei den Finanzen. Zum Jahresanfang sind bei vielen Kassen die Beiträge gestiegen, die TK hat den Satz sogar um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Warum?

Wir haben den Beitragssatz seit 2016 nicht nur nicht erhöht, sondern sogar zweimal gesenkt, weil wir Rücklagen abgebaut haben. Für 2021 zwingt uns die Politik, fast das gesamte noch vorhandene Polster auf einmal abzuführen, um das Finanzloch in der Krankenversicherung von rund 16 Milliarden Euro zu stopfen. Damit brauchen wir nun einen Beitragssatz, der unsere laufenden Ausgaben deckt. Die gute Nachricht für unsere Versicherten ist aber: Auch der neue Beitragssatz ist weiter günstiger als der Kassendurchschnitt.

Wie geht es insgesamt weiter mit den Kassenfinanzen?

Wir müssen davon auszugehen, dass die gesetzliche Krankenversicherung 2022 ebenfalls vor einer Finanzierungslücke von mindestens 16 Milliarden Euro stehen wird, wahrscheinlich eher mehr. Denn die wirtschaftliche Lage drückt die Beitragseinnahmen, die Leistungsausgaben steigen seit Jahren, und teure Gesetze der vergangenen Jahre treiben die Ausgaben weiter nach oben. Doch dann sind alle Reserven weg.

Und was passiert dann?

Die neue Regierung, die im Herbst gewählt wird, ist nicht zu beneiden. Wird nichts unternommen, muss der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung voraussichtlich um mehr als einen Prozentpunkt steigen. Spätestens dann wird die erklärte Obergrenze von 40 Prozent bei den Sozialabgaben gerissen. Erneut Milliardensummen aus Steuermitteln in die Krankenversicherung zu pumpen, dürfte wegen der angespannten Haushaltslage schwierig sein. Bleiben massive Kürzungen bei den Leistungen, höhere Zuzahlungen der Versicherten oder erneute verpflichtende Rabatte bei den Arzneimitteln.

Womit rechnen Sie?

Die Pharmaunternehmen in die Pflicht zu nehmen, ist durchaus gerechtfertigt. Das ließe sich auch schnell umsetzen. Es wird aber nicht ansatzweise reichen. Schon deshalb, weil eine neue Koalition nach einer Regierungsbildung nur wenig Zeit zum Handeln hat, werden die Beitragssätze Anfang 2022 kräftig steigen. Auf mittlere Sicht wird ein umfassendes Reformpaket unausweichlich sein.

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