• Startseite
  • Politik
  • Karliczek: „Kinder müssen überall vergleichbare Bildungschancen haben”

Karliczek: „Kinder müssen überall vergleichbare Bildungschancen haben”

  • Wenn Eltern mit ihren Kindern in ein neues Bundesland ziehen, drohen Schulprobleme.
  • Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) will das auch mithilfe eines Nationalen Bildungsrates ändern – und scheut dafür auch nicht den Konflikt mit den Ländern.
  • Vor allem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) widerspricht sie.
|
Anzeige
Anzeige

Frau Karliczek, Sie wollen unbedingt einen Nationalen Bildungsrat durchsetzen. Wenn Sie es einem Fünftklässler erklären müssen: Was wird für ihn besser, wenn es ein solches Gremium gibt?

Wir brauchen mehr Vergleichbarkeit, mehr Transparenz und eine höhere Qualität in unserem Bildungssystem. Das wollen Schüler, Eltern und Lehrer. Dazu kann der Nationale Bildungsrat als ein Beratungsgremium sehr viel beitragen. Egal, ob ein Kind in Bremen, in Bayern oder in Sachsen aufwächst: Es muss überall vergleichbare Bildungschancen haben. Und sie müssen überall sehr gut sein.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Welche Note würden Sie dem Bildungsföderalismus in seinem derzeitigen Zustand geben?

Bei den internationalen Vergleichsuntersuchungen liegen wir meist im Mittelfeld. Damit können wir uns aber nicht zufriedengeben. Wir müssen besser werden. Und dazu müssen wir uns jetzt energisch auf den Weg machen. Wir müssen uns hohe gemeinsame Bildungsstandards setzen und dann beharrlich daran arbeiten, sie zu erreichen.

Sowohl die mittelmäßigen Ergebnisse des deutschen Bildungssystems bei Untersuchungen wie Pisa als auch die großen Unterschiede zwischen den Ländern sind lange bekannt.

Die Qualität der Bildung ist überall eines der wahlentscheidenden Themen. Zu Recht: Denn die Menschen wissen sehr gut, was für unsere Zukunft wichtig ist. Ich denke, dass dies sicher auch die Länder sehen, die in der Bildung ja die Schlüsselposition haben. Ich bin eine überzeugte Anhängerin des Bildungsföderalismus. Aber wir müssen daran arbeiten, weil die Akzeptanz des Bildungsföderalismus in der Bevölkerung abnimmt. Also müssen wir unser Bildungssystem auch deshalb schon weiterentwickeln. Schule muss im Kern dezentral gesteuert werden. Dennoch müssen die Ziele übereinstimmen. Bund und Länder müssen auch in vielen Projekten die Bildung künftig gemeinsam voranbringen. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung. Das sind echte Herausforderungen für unser Bildungssystem.

Anzeige

Und entscheidende Verbesserungen wollen Sie jetzt ausgerechnet mit einem Expertengremium schaffen, das nur eine beratende Funktion für die Politik hat?

Der Nationale Bildungsrat ist so angelegt, dass Wissenschaftler und Praktiker der Politik Vorschläge machen, wie wir unser Bildungssystem verbessern können. Ein wesentlicher Punkt wird sein, Vergleichbarkeit und Transparenz zwischen den Ländern herzustellen. Dann wird auch der Umzug mit Kindern von Bundesland zu Bundesland leichter. Der Bildungsrat kann helfen, dass wir langfristig hohe Bildungsstandards in ganz Deutschland etablieren. Guter Rat von Experten wird am Ende auch umgesetzt. Das beweist der Wissenschaftsrat für die Hochschulen und das Wissenschaftssystem, den es schon seit Jahrzehnten gibt und der bei allen Beteiligten eine hohe Reputation besitzt.

Anzeige

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat mit dem Ausstieg aus dem Projekt des Nationalen Bildungsrates gedroht. Er spricht von einem „bürokratischen Monstrum, das am Ende aus Berlin in die kleinen Schulstuben hineinregiert und in die Klassenzimmer“. Was entgegnen Sie ihm?

Die Aussage hat mich deshalb verwundert, weil wir das Konzept gemeinsam mit den Ländern erarbeitet haben. Der Nationale Bildungsrat wird kein „bürokratisches Monstrum“ sein. Die zwischen Bund und Ländern ausgehandelten Eckpunkte sind gerade mal drei Seiten lang. Es geht darum, ein überschaubares Expertengremium einzusetzen. Seine Aufgabe: die Erarbeitung übergreifender und praktikabler Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Bildungssystems. Das ist der Kernsatz in dem Entwurf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sie wollen also den Ländern keine Vorschriften machen, wie Söder fürchtet?

Der Bildungsrat gibt, wie sein Name sagt, Rat, er wird nicht entscheiden. Die Standards werden die Länder selbst festlegen und über die einzuschlagenden Wege entscheiden. Das können von Land zu Land, aber auch von Schulform zu Schulform weiter sehr unterschiedliche Wege sein. Im Übrigen soll der Bildungsrat nicht die Schule behandeln, sondern die gesamte Bildungskette.

Anzeige

Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag auf den Bildungsrat verständigt. Woran hakt es, abgesehen von Söders Querschüssen?

Mit den ausgehandelten Eckpunkten haben wir eine hervorragende Grundlage für die spätere Vereinbarung. Bund und Länder sind sich lediglich uneinig über die Stimmrechte. Dabei sind wir uns einig, dass keine Seite überstimmt werden darf. Dazu haben wir eine Lösung vorgeschlagen, mit der wir den Ländern schon stark entgegengekommen sind. Ich bin weiter verhandlungsbereit.

Nicht nur Söder sperrt sich. Unter den Unions-geführten Ländern hat sich die Auffassung verbreitet, die Länder sollten sich doch lieber ohne den Bund auf mehr gemeinsame Standards einigen und einen Staatsvertrag machen.

Ich sage: Beides ist sinnvoll. Ich begrüße es sehr, wenn die Länder sich in einem neuen Staatsvertrag darauf verständigen, dass etwa das Abitur besser vergleichbar wird. Es ist nicht überzeugend, dass jedes Land für sich entscheidet, ob und wie viele Aufgaben es aus dem gemeinsamen Abitur-Aufgabenpool nimmt. Das finden auch die Schüler ungerecht, wie sich beim diesjährigen Matheabitur gezeigt hat. Der Bildungsrat soll helfen, unser gesamtes Bildungssystem beständig weiterzuentwickeln.