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Kommentar zur Impfempfehlung

Der Minister ist nicht voreilig, sondern die Stiko zu langsam

Laut der Empfehlung des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach, sollte die zweite Booster für alle empfohlen werden.

Berlin. Das Image von Karl Lauterbach als Corona-Erklärer der Nation ist ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt mehr als angekratzt. Schon einige Male hat der Gesundheitsminister eigene Entscheidungen revidieren müssen, die in der Öffentlichkeit auf Unverständnis gestoßen waren. Erinnert sei nur an seinen Beschluss von April, wonach sich Infizierte nicht mehr verpflichtend isolieren müssen. Nach einem Sturm der Entrüstung musste sich der Minister korrigieren.

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Nun ist wieder ein Durcheinander entstanden, an dem Lauterbach nicht schuldlos ist. Mit seinem Rat, dass sich auch unter 60-Jährige das zweite Mal boostern lassen sollten, gibt es nun insgesamt drei unterschiedliche Impfempfehlungen: Die EU-Behörden hatten erst am Montag eine zweite Auffrischungsimpfung für Menschen ab einem Alter von 60 Jahren empfohlen. Die Ständige Impfkommission hat die Grenze hingegen bei 70 festgelegt und empfiehlt eine zweite Booster-Impfung ansonsten nur Risikopatienten und ‑patientinnen sowie Pflegebedürftigen und Beschäftigten im Gesundheitswesen.

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Dieses Chaos ist nicht neu – und es dürfte einer der Gründe dafür sein, dass in Deutschland nach wie vor rund ein Viertel der Bevölkerung nicht gegen das Coronavirus geimpft ist. Seitdem es Corona-Impfstoffe gibt, weichen die Empfehlungen der verschiedenen Institutionen zumindest zeitweise deutlich voneinander ab. So war es beispielsweise im vergangenen Sommer, als der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn schon kurz nach der Zulassung des Biontech-Impfstoffes für Kinder und Jugendliche über zwölf Jahren ausdrücklich eine Impfung anbot, die Stiko aber erst Ende August mit einer offiziellen Empfehlung folgte.

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In der Sache lag Spahn richtig, er wurde auch in anderen Fällen später von der Stiko bestätigt. Und auch Lauterbach hat heute völlig recht. Studien zeigen, dass die Booster-Impfungen das Risiko schwerer Covid-19-Erkrankungen senken, wenngleich der Langzeitschutz nicht so hoch ist wie erhofft. Da bei vielen Geimpften die erste Booster-Impfung teilweise schon mehr als ein halbes Jahr zurückliegt, macht eine weitere Auffrischung vor dem Hintergrund der untypischen Sommerwelle Sinn. Zumal auch Lauterbach darauf hinweist, dass eine Impfung natürlich mit dem behandelnden Arzt besprochen werden muss.

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Lauterbach war schon mal Vorreiter

Es war übrigens auch Lauterbach, der bereits im Frühjahr als einer der ersten Gesundheitsminister in der EU eine vierte Impfung für über 60 -Jährige angeregt hatte. Es spricht für seinen Sachverstand, dass die EU ihm schlussendlich folgte. Die Stiko spielt hingegen in dem gesamten Pandemiemanagement eine unrühmliche Rolle. Sie arbeitet viel zu langsam und muss endlich neu aufgestellt werden, um in einer Pandemie eine wirksame Hilfe zu sein. Es ist nicht Lauterbach, der zu früh eine Impfempfehlung ausspricht, es ist die Stiko, die stets zu lange für eine Entscheidung braucht.

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Völlig inakzeptabel ist allerdings die Art und Weise der lauterbachschen Kommunikation – schon wieder. Mal eben in einem Interview ohne Rücksprache zum Beispiel mit Ärzteverbänden eine Ankündigung bei einem sensiblen Thema zu machen, aus der sich für viele Menschen Fragen ergeben, ist nicht nur unprofessionell, sondern auch grob fahrlässig. Zwar ist Impfstoff in ausreichender Menge vorhanden, doch angesichts der Urlaubszeit und der hohen Zahl von Corona-Erkrankungen auch im Gesundheitswesen besteht die Gefahr, dass es gar keine ausreichenden Impfkapazitäten gibt. Wenn am Ende aber selbst bei den Impfwilligen Frust entsteht und dadurch das Impfen in Verruf gerät, wäre das mit Blick auf das mögliche Auftauchen einer gefährlicheren Virusvariante im Herbst oder Winter fatal. Lauterbach hat der richtigen Sache einen Bärendienst erwiesen.

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