Bundesgesundheitsminister mahnt

Karl Lauterbach: „Wir müssen uns auf steigende Fallzahlen im Winter vorbereiten“

Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Befinden wir uns noch in einer Pandemie, oder ist Corona schon zu einer Endemie geworden? Auch im dritten Corona-Herbst dreht sich in vielen TV-Talks, so wie nun bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ im Ersten, alles um die Frage, wie viel Schutz nötig und wie viel Freiheit möglich ist. Zu Gast war unter anderem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Für ihn ist es verfrüht, Entwarnung zu geben. Denn, so führte er am Montagabend aus: 140 Menschen sterben hierzulande täglich mit Corona. Auch in diesem Herbst lasse sich eine Übersterblichkeit in der Bevölkerung beobachten.

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Lauterbachs Credo laute daher: Man könne Lebensfreude haben, ohne, dass man in unnötige Risiken geht. „Ich glaube, dass Lebensfreude auch möglich ist, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen“, betonte der Gesundheitsminister. „Wenn die Menschen getestet in die Restaurants gehen, dann schmeckt der Wein nicht schlechter.“

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„Hart aber fair“: Bayerns Gesundheitsminister für Verhältnismäßigkeit bei Einschränkungen

Journalist Martin Machowecz („Zeit“) sieht das anders. Für ihn ist Corona nicht gefährlicher als eine Grippe. Das Virus sei jedenfalls weniger gefährlich als früher. Aktuelle Sterblichkeitszahlen seien vergleichbar mit denen einer Grippe. Die krisengebeutelten Bürger hätten eine Ablenkung verdient. In seinen Augen gibt die aktuelle Corona-Situation keine Legitimation mehr für Grundrechtseingriffe her.

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Ein Standpunkt, den in der Sendung mit dem Titel „Corona-Brennpunkt Krankenhäuser: Zermürbt und angeschlagen wie das ganze Land?“ auch der Bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) vertrat. „Wir müssen Lage-angepasst entscheiden.“ Es sei eine Frage der Verhältnismäßigkeit, es gelte, abzuwägen und so wenig wie möglich das Leben der Menschen einzuschränken.

„Hart aber fair“: Lauterbach widerspricht Stiko-Chef Mertens

Das Oktoberfest in München gilt als großer Präzedenzfall. Es gab kaum Einschränkungen, anschließend schossen die Fallzahlen in der bayerischen Landeshauptstadt in die Höhe. Bis zu einer Inzidenz von 1800 wie Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“, einwarf. Doch die Fälle gingen auch wieder zurück, heute liegt die Inzidenz in München unterhalb des Bundesdurchschnitts. Selbst der Gesundheitsminister ist der Meinung, dass es richtig war, dass Volksfest stattfinden zu lassen. Nur über das Wie sei zu debattieren.

Prof. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, wurde zwischenzeitlich in einem Einspieler zitiert: „Corona ist mittlerweile eine endemische Virusinfektion.“ Doch dieser Aussage stimmt Karl Lauterbach nicht zu. Während es bei einer Endemie wie etwa einer Grippe zu Ausbrüchen komme, die in ihrer Intensität saisonal und lokal beschränkt sind, sei Corona immer noch saisonunabhängig. Anders als in einer Endemie könne sich die Lage jederzeit wieder verschärfen. Deshalb mahnt der Bundesgesundheitsminister weiter zur Vorsorge: „Wir müssen uns auf steigende Fallzahlen im Winter vorbereiten.“

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Corona als Chance, Gesundheitssystem zu reformieren?

Auch Lisa Schlagheck, Pflegefachkraft am Universitätsklinikum Münster, möchte nicht auf Ablenkung verzichten. „Ich pausiere mein Leben jetzt nicht weitere Jahre. Wir haben große Belastungen bei der Arbeit, und das muss man im sozialen Umfeld wieder rausholen.“ Natürlich mit der gebotene Vorsicht, zu der sie ihre Tätigkeit in einem Krankenhaus verpflichte. Doch die Pflegerin klagt unmissverständlich: „Wir sind platt.“ Das läge zum einen an Corona, doch aus ihrer Sicht auch an der Ökonomisierung des Gesundheitssystems. Notaufnahmen seien unterbesetzt, teilweise würden Patienten auf den Fluren untergebracht, weil kein Platz mehr für sie sei. Holetschek pflichtet dem bei: „Wir haben jetzt in der Krise die Chance, das System besser zu machen. Corona ist möglicherweise der Booster.“ Für den CSU-Mann ist eine Revolution im Gesundheitssektor nötig, denn am Horizont ziehe eine humanitäre Katastrophe in den Krankenhäusern und in der Pflege auf.

Das System besser machen - das soll auch durch die Abschaffung der Fallpauschale mit dem Krankenhauspflege-Entlastungsgesetz geschafft werden. Für Lauterbach soll es zu einer Entökonomisierung der Krankenhäuser beitragen. Es soll eine Reform sein, erklärte der Minister, „die auf Bedarf ausgerichtet ist und nicht auf Geschäftemacherei“. In diesem Punkt waren sich bei „Hart aber fair“ offenbar alle einig. Auch Zeit-Journalist Machowecz begrüßt die Krankenhausreform. Doch ein wettbewerbsbasierter Klinikbetrieb ermögliche eine Effizienz, die der Staat nur durch höhere Kosten gewährleisten könnte.

Am Ende einer wenig kontroversen Sendung ist klar, dass Reformen im Gesundheitssystem nötig sind. Nur welche und in welchem Umfang - darüber wird wohl noch länger diskutiert. Die Quintessenz des Abends kommt aber von einem Zuschauerkommentar über Facebook: „Ich werde meine Lebensfreude nicht verlieren, deshalb schütze ich mich.“

RND/Teleschau

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