Der Kampf gegen die Krise nach der Krise

  • Auf die nie da gewesene Viruswelle könnte eine nie da gewesene Pleitewelle folgen.
  • Hastig mobilisiert die Politik immer neue Milliardenpakete. Sie kauft Zeit – und verschiebt Insolvenzen in den Oktober.
  • Doch was dann? Experten befürchten einen Winter des Schreckens, ausgerechnet zu Beginn des Wahljahrs 2021.
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Der Chef beschrieb die Katastrophe für sein Unternehmen auf zeitgemäße Art, wie man das so macht in diesen Zeiten der Pandemie: per Video, kontaktlos.

Die innere Erschütterung allerdings war dem 71-jährigen Bernard Meyer, Eigentümer und Geschäftsführer der Meyer-Werft, anzumerken, als er mit dunklem Sakko und offenem blauen Hemd vor die firmeneigene Kamera trat.

“Ich bin in diesem Jahr 47 Jahre auf der Werft und habe noch nie so eine Krise erlebt”, hob Meyer an. Weder die Ölkrise in den Siebzigern noch der Terror vom 11. September 2001 hätten sich so dramatisch ausgewirkt wie die Viruskrise. Die nämlich brachte erstmals die gesamte Kreuzfahrtflotte der Welt zum Stillstand, “mehr als 400 Schiffe”, betonte Meyer, als könne er es selbst noch immer nicht glauben.

Neue Wirtschaftswelt ohne alte Gewissheiten

Meyer baut Kreuzfahrtschiffe. Die besten der Welt, wie viele in der Branche sagen. Seine Werft in Papenburg beschäftigt mit Töchtern in Rostock und im finnischen Turku 7800 Menschen. Doch jetzt kehrt das Coronavirus exakt diesen speziellen globalen Erfolg um in ein spezielles globales Problem: Wer bestellt noch Kreuzfahrtschiffe?

Dramatische Lage im Kreuzfahrtmarkt - der Auftritt der Geschäftsführung der Meyer Gruppe

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Die Reeder sind bereits in akuten Zahlungsschwierigkeiten. Aber auch der mittelfristige Ausblick ist mau: Die Vorstellung, dicht an dicht mit vielen vor allem älteren Menschen in exotische Weltgegenden zu schippern, löst derzeit weltweit bei kaum jemandem Vorfreude aus. Das Schlimmste für die Werften aber sind die jetzt bevorstehenden Kettengeschäfte: Der erste Reeder, der demnächst pleitegeht, wird seine Schiffe als “gute Gebrauchte” versilbern und an den nächsten weiterreichen. Bis dann am Ende wirklich wieder neue Schiffe gefragt sind, kann es sehr lange dauern.

“Erst 2030”, sagte Meyer, “werden wir wieder die Situation haben, wie wir sie im letzten Jahr hatten.”

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Manche, die das hörten, trauten ihren Ohren kaum. Zehn Jahre Krise? Was macht das mit dem Job, der Familie, dem Wert des Eigenheims?

Zehn Jahre Krise? Die Meyer-Werft in Papenburg. © Quelle: Martin Remmers/dpa

“Die V-Kurve, auf die jetzt alle hoffen – schnell runter, schnell wieder hoch –, kriegt man offensichtlich nicht überall hin”, seufzt Markus Paschke, SPD-Bundestagsabgeordneter aus der Region. Er war früher bei der IG Metall. Inzwischen beschäftigt er sich ganz gern mit anderen Themen, diese Woche etwa mit dem Tourismus im Emsland und in Ostfriesland: “Da geht es schließlich auch um Arbeitsplätze.”

Industrie? Da hat jede Branche, das hat Paschke gelernt, neuerdings so ihre Tücken. Wie zum Beispiel soll er den Leuten in dem innovativen Automobilzulieferbetrieb in seinem Wahlkreis Hoffnung machen, die tolle neue Verfahren zur Produktion von Benzintanks entwickelt haben? Der Hauptabnehmer, VW in Emden, schwenkt gerade mit Macht um auf E-Mobilität. Natürlich gibt es da noch vor den Toren Hamburgs den Giganten Airbus. Doch auch dort kursieren Pläne für einen Personalabbau. Kein Wunder: Alle Kunden von Airbus sind am Boden, physikalisch und finanziell.

Wie im deutschen Nordwesten blicken sich derzeit überall im Land Politiker fragend um: Wo sind sie geblieben, unsere schönen ökonomischen Erfolgsgeschichten – und vor allem unsere alten Gewissheiten?

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Quer durchs Land breitet sich ein Gefühl aus, als ob die Grundrechenarten nicht mehr gelten. Hat nicht die deutsche Wirtschaft gerade eben noch über Arbeitskräftemangel geklagt? Diese Woche, kurz vor dem Tag der Arbeit, meldeten die Unternehmen mehr als zehn Millionen Kurzarbeiter an – eine unerwartet hohe und auch historisch beispiellose Zahl.

Insolvenzmoratorium: Berlins wirksamste Beruhigungspille

Eine neue Unsicherheit gibt es inzwischen sogar in der Frage, wo ei­gent­lich die wirtschaftsstärksten Regionen des Landes liegen. Den bundesweit größten Absturz bei der Wertschöpfung – minus 57 Prozent – verzeichnet Baden-Württemberg, das angebliche Musterland: Ihr hoher Industrieanteil fällt den Schwaben jetzt auf die Füße.

Immerhin gibt es noch keine spektakulären Großpleiten und Massenentlassungen. Der Grund dafür liegt aber vor allem in der vom Bund verabschiedeten Aussetzung von Insolvenzantragspflichten.

Von allen Beruhigungsmitteln, die Berlin den Bundesbürgern derzeit verabreicht, ist das Insolvenzmoratorium das wirksamste. Die Klausel, Teil des eilends beschlossenen Gesetzes zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie, nimmt im Moment, in dem plötzlich alle Zahlen rot werden, den juristischen Druck raus: Wer absehen kann, dass er eigentlich gerade pleitegeht, muss dies noch nicht melden, sondern kann bis Ende September warten. Der Sinn der Regelung ist klar: Ein Hotelier etwa, der gerade wegen der Corona-Krise keine Gäste hat, soll nicht riskieren, wegen Insolvenzverschleppung bestraft zu werden.

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Was aber, so lautet die in Berlin hinter verschlossenen Türen längst heiß diskutierte Frage, passiert am Ende dieses Moratoriums? Wenn etwa das Hotel zwar wieder ein paar Gäste hat, aber eben nicht genug, um zurückzufinden zur Profitabilität? Muss dann nicht doch früher oder später ökonomischer Darwinismus gelten: survival of the fittest?

Die Politik hat durch die zu Beginn der Krise schnell aufgespannten ersten Rettungsschirme den sofortigen Sturz vieler Firmen in den Abgrund verhindert – und dafür politisch viel Beifall kassiert. Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Olaf Scholz stehen im Augenblick gut da.

Merkel und Scholz – erst Helden, dann Schuldige?

Die Entscheidung aber, wen der Staat am Ende retten und wen er ökonomisch sterben lassen will, ist damit nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Und es kommt noch dicker. Vom Herbst an wird kein Betroffener noch zögern, seine Pleite der Regierung anzukreiden – und ihren vermeintlich zu scharfen Shutdown-Vorschriften.

Als Vapiano Anfang April pleiteging, berief sich das Management ebenfalls auf die Corona-Krise. Das erschien jedoch wenig glaubhaft – allzu offensichtlich waren gleichsam die Vorerkrankungen. Im Herbst dieses Jahres aber sieht das anders aus. Alle, vom Großkonzern bis zur kleinen Fahrschule um die Ecke, werden mit dem Finger auf die Politik zeigen. Merkel und Scholz, eben noch als Helden gefeiert, könnten bald als die Schuldigen attackiert werden.

“Unsere Stunde kommt noch”, orakelte dieser Tage ein einflussreicher AfD-Mann aus Ostdeutschland. Man müsse Geduld haben.

Schon die bloße Zahl der Fälle und ihre gleichzeitige Eskalation könnten für die Bundesregierung zu einem objektiven Problem werden. “Da baut sich jetzt eine Bugwelle auf”, sagt Lucas Flöther, einer der profiliertesten deutschen Insolvenzverwalter, der sich zuletzt unter anderem um Air Berlin und Condor gekümmert hat.

Jeder einzelne Fall bedeutet ein ganz eigenes Drama. Kann das Unternehmen X, dem der Staat schon ein halbes Jahr geholfen hat, nicht noch etwas weiter beatmet werden? Vor allem dann, wenn die Beschäftigten sich nächtens fernsehgerecht vor lodernden Blechtonnen postieren, das Logo der Firma im Hintergrund? Und wäre nicht andererseits das Unternehmen Y ohnehin in Kürze vom Markt verschwunden, unabhängig vom Coronavirus? “Da werden sehr brutale Debatten kommen”, ahnt ein Insider, der jüngst mit Planern aus dem Finanzressort zusammensaß.

Die Union will “im Winter noch mal nachladen”

Aus Sicht von Experten droht ein Winter des Schreckens – der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch das Klima in Deutschland verändern könnte, just zu Beginn des Bundestagswahljahrs 2021.

Merkel und Scholz ahnen, dass in den kommenden Monaten nicht nur der Standort Deutschland gerettet werden muss, sondern wohl sogar noch etwas Größeres: das Vertrauen in die Mitte, in die Demokratie. Beide, nicht faul, lassen bereits Gegenkonzepte entwerfen.

Ein massives Konjunkturprogramm, idealerweise verabredet im G-20-Kontext, könnte tatsächlich rausführen aus der Tristesse. Es darf aber nicht zu früh kommen und nicht zu spät – in beiden Fällen könnte es verpuffen.

“Wir dürfen nicht schon jetzt unser Pulver komplett verschießen”, hieß es am Freitag aus Unionsführungskreisen. “Denn im Winter müssen wir noch mal nachladen.”

RND

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