• Startseite
  • Politik
  • Kampf gegen die Taliban: Hat der afghanische Widerstand eine Chance?

Kampf gegen die Taliban: Hat der afghanische Widerstand eine Chance?

  • Auf der Flucht vor den Taliban kommen bei einer Massenpanik am Flughafen Kabul sieben Menschen zu Tode.
  • Nur Tage nach der Macht­übernahme in Afghanistan regt sich aber auch erster Widerstand gegen das Regime.
  • Hat die Bewegung eine Chance?
Agnes Tandler
|
Anzeige
Anzeige

Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten: In der Pandschir-Provinz, etwa 150 Kilometer nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul, hat der 32-jährige Ahmed Massoud seine Kämpfer um sich geschart. Im idyllischen Bergtal, reich an Smaragden und Silber, formiert sich schon wenige Tage nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul erneut der Widerstand.

„Ich bin bereit, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten“, kündigt Massoud an. Er ist der Sohn des legendären Widerstands­kämpfers Ahmed Shah Massoud, der erst gegen die Sowjets und später die Taliban kämpfte und 2001 von Al-Kaida-Agenten ermordet wurde.

Das Tal der Gegenwehr

Anzeige

Unterstützung erhält der junge Massoud von Amrullah Saleh, der bis vor einer Woche noch der Vizepräsident Afghanistans war und vom ersten Tag der Macht­übernahme an zum Widerstand aufgerufen hat. Am Sonntag ist Saleh vor den Taliban ins Pandschir-Tal geflohen. Um zu kämpfen. Die schwarz-rot-grüne Fahne der afghanischen Republik weht hier weiter über den Häusern. Die Provinz­hauptstadt Basarak fungiert als neue Hauptstadt der kollabierten Republik, solange es sein muss und solange es geht.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter “Der Tag”.

Noch immer zeugen die Überreste zerstörter russischer Panzer in Pandschir davon, dass es der Sowjetunion in den 1980er-Jahren nie gelungen war, das Tal einzunehmen. Auch die Taliban hatten während ihrer Schreckens­herrschaft Ende der 1990er-Jahre hier keine Chance. Das Tal war die Heimat der Nordallianz, die gegen die Islamisten kämpfte. Jetzt ist es die erste Provinz Afghanistans, die sich den Taliban widersetzt.

Massoud braucht Hilfe aus dem Ausland

Anzeige

Doch Pandschir mit seinen gut 170.000 Bewohnerinnen und Bewohnern ist ein eigener Mikrokosmos und nur wenig repräsentativ für Afghanistan. Ethnisch besteht die Bevölkerung fast ausschließlich aus Tadschiken. Massoud, der mit der neu gegründeten „National Resistance Front of Afghanistan“ die Nordallianz-Führung seines Vaters wiederzubeleben versucht, braucht Hilfe aus dem Ausland, um seine Männer in den Kampf gegen die neuen Herren in Kabul zu schicken. Nicht ohne Grund erschien sein Schlachtruf gegen die Taliban in der amerikanischen „Washington Post“. Der US-Geheimdienst CIA hatte Massouds Vater seinerzeit kräftig mit Waffen und Geld unter die Arme gegriffen.

Anzeige

Aber: „Ich glaube, es ist eine andere Situation als 1996“, schreibt Mick Mulroy, ehemaliger hoher Mitarbeiter des US-Verteidigungs­ministeriums, in der Zeitschrift „Foreign Policy“. „Militärisch haben die Taliban amerikanische Waffen und Gerätschaften im Wert von Milliarden US-Dollar erbeutet.“ Nicht nur das: Mit einer schlauen Politik der „Inklusion“ haben die vormals fast ausschließlich auf den Süden konzentrierten Kämpfer auch im Norden des Landes große Teile der Bevölkerung für sich gewinnen können.

Taliban veränderten ihr Image

Mit ihrer populistischen Strategie veränderten die Taliban ihr Image von paschtunischen Bauerntölpeln zu aufrechten, politisch versierten Männern des ganzen afghanischen Volkes, die gegen die korrupten, vom Westen gestützten Eliten in den Städten kämpfen. Jugendliche im Norden, ob ethnische Usbeken, Turkmenen oder Tadschiken, erhielten von den Taliban eine Chance auf Zugehörigkeit zu einer islamistischen Bewegung, die Gerechtigkeit, Abenteuer und einen ruhmvollen Märtyrertod versprach. Ihre erfolgreiche Militär­kampagne gegen die einzige Supermacht der Welt dürfte die Moral der Kämpfer im Norden weiter gestärkt haben.

Dennoch hat der Widerstand gegen die Taliban begonnen. Am Samstag konnten Milizen der früheren Regierung in der Baghlan-Provinz, einer Nachbar­provinz von Pandschir, drei Distrikte wieder unter ihre Kontrolle bringen. Beide Seiten erlitten dem afghanischen Sender Tolo News zufolge schwere Verluste. Stellungskämpfe dieser Art mit vielen Toten und Verwundeten werden auch in den kommenden Tagen weitergehen.

Aber hat der Widerstand über die Regionen im Norden und Osten hinaus überhaupt eine Chance?

Anzeige

Das Land ist zerrissen von widerstreitenden Loyalitäten und Emotionen: Jubel über die Vertreibung der „Besatzungsmächte“ hier, Resignation angesichts der Reinstallation des islamistischen Regimes da. Und Panik. Letzteres, die reine Angst vor der Rache der Taliban, ist vor allem am Flughafen Kabul dramatisch spürbar.

Tod am Flughafen

Im Gedränge an diesem Airport, wo Tausende auf Rettung durch die abziehenden internationalen Truppen hoffen, sind nach Angaben des britischen Militärs am Wochenende sieben Zivilisten getötet worden. Es hatte schon zuvor Massenpaniken gegeben, weil Menschen versuchten, in eines der Evakuierungs­flugzeuge zu gelangen. Ob die Opfer zu Tode gedrückt oder erstickt wurden oder wegen Hitze und Aufregung einen Herzinfarkt erlitten, war zunächst unklar.

Video
Mehrere Tote im Gedränge am Flughafen Kabul
0:58 min
Seit dem vergangenen Sonntag sind am Flughafen von Kabul mindestens zwölf Menschen erschossen oder zu Tode getrampelt worden.  © Reuters

Für die Taliban indes sind die Schuldigen ausgemacht. „Ganz Afghanistan ist sicher, aber der Flughafen, der von den Amerikanern verwaltet wird, hat Anarchie“, sagte ein Sprecher, Amir Chan Motaki, in einem Audioclip, der am Sonntag im Internet veröffentlicht wurde. Die Berichte häufen sich aber, wonach Talibankämpfer auf Menschen schossen, die versucht haben, zum Flughafen zu gelangen.

Welche Chancen genau der neue Widerstand gegen die Taliban im Chaos dieser Tage haben wird, hängt nun zum einen davon ab, welche finanzielle und militärische Unterstützung diese Kräfte erhalten werden. Zum anderen wird auch das Format des neuen Talibanregimes eine große Rolle spielen. Eine Woche nach der Macht­übernahme ist nicht absehbar, wie die Aufständischen regieren wollen. Die neue Führung scheint selbst noch über ihren Blitzsieg verwundert. „Die Entwicklungen waren so schnell, dass alle Leute überrascht davon waren“, sagte der Leiter der Kultur­organisation der Taliban, Abdul Kahar Balkhi, in einem Interview mit dem Sender Al Jazeera. Laut Balkhi sind Gespräche über eine Regierungs­bildung im Gange. Es gehe um ein System, das alle einschließe, versicherte er.

Anzeige

Taliban betreiben Balanceakt

Die Taliban sind eine eher lockere Formation lokaler Führer mit unterschiedlichen Interessen. All diese zufrieden­zustellen ist bereits ein delikater Balanceakt. Sollten auch andere Nicht-Taliban-Politiker an der neuen Regierung beteiligt werden, würde das Spiel noch komplizierter werden.

Ein erstes Zeichen, dass die Taliban wenig Rücksicht auf ihre neuen Freunde im Norden und Osten nehmen wollen, ist die Besetzung des wichtigen Postens des Gouverneurs von Kabul. Für die Sicherheit der Hauptstadt ist nun Abdul Rahman Mansour, ultra­konservativer Kommandeur aus der Südprovinz Helmand, zuständig. Schon jetzt scheint ein Streit zwischen Talibanfraktionen aus dem Süden, dem Osten und dem Norden zu schwelen, inwieweit Mädchen weiter am Schulunterricht teilnehmen und Frauen arbeiten dürfen. Dieses komplexe Land und seine 38 Millionen Einwohner zu regieren wird eine noch größere Herausforderung sein, als die besten Armeen der Welt zu schlagen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen