Kamala Harris: Historische Nachricht im Zoomtelefonat

  • Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat sich die Entscheidung über seine Stellvertreterin nicht leicht gemacht.
  • Kamala Harris soll vor allem die schwarzen Wähler mobilisieren.
  • Auf dem Demokraten-Parteitag dürfte das Zweiergespann breite Unterstützung erhalten.
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Washington. Die Nachricht kam kurzfristig. Und in Corona-Zeiten kam sie zunächst nur virtuell. Anderthalb Stunden vor der offiziellen Verkündung schaltete sich der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden am frühen Dienstagnachmittag per Zoomvideoschalte mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris zusammen und teilte ihr mit, dass er sie als seine Stellvertreterin ausgewählt habe.

Auf dem offiziellen Kampagnenfoto, das später veröffentlicht wurde, sitzt der 77-Jährige an seinem Schreibtisch vor einem Laptop. Unter seiner Hand kann man einen Sprechzettel erkennen. “Ich rufe Sie an, weil ich die erste präsidiale Entscheidung getroffen haben” steht darauf. Auf dem Bildschirm sieht man eine ungeschminkte Frau in Jeansbluse. Kamala Harris lächelt glücklich.

Historischer Moment

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Es war eine besondere Situation. Noch nie in der amerikanischen Geschichte hat es eine Frau auf den Posten des Präsidenten oder Vizepräsidenten geschafft. Und noch nie kandidierte eine schwarze Politikerin für eines dieser Ämter. Von einem “historischen Moment” sprachen daher am Mittwochmorgen die amerikanischen Zeitungen. “Kamala Harris ist die Tochter von stolzen Migranten – die Mutter aus Indien und der Vater aus Jamaika –, die sie erzogen haben, aktiv zu werden”, twitterte Biden: “Das ist es genau, was jetzt erforderlich ist.”

Die 55-jährige Harris hatte unter Beobachtern schon länger als eine der Favoritinnen für die Stellvertreterposition gegolten. Doch Biden hatte sich seine Entscheidung nicht leicht gemacht. In einem wochenlangen Prozess ließ er von einem vierköpfigen Komitee insgesamt 20 Anwärterinnen interviewen. Elf von ihnen schafften es nach einem Bericht der “Washington Post” in die Endrunde. Mit jeder Kandidatin führte Biden in den vergangenen neun Tagen ein persönliches oder virtuelles Gespräch. Ein Team von 15 Anwälten durchsuchte die Vergangenheit der potenziellen Vizepräsidentinnen auf mögliche Angriffsflächen.

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Was am Ende genau den Ausschlag für Harris gab, blieb zunächst offen. Erst am Mittwochnachmittag (US-Zeit) wollten Biden und seine politische Partnerin vor die Kameras treten. Im Umfeld des Präsidentschaftskandidaten hatte es jedoch öfter geheißen, dieser lege besonderes Gewicht auf gemeinsame Werte, gegenseitiges Vertrauen und die Fähigkeit, seine Kandidatur zu unterstützen. Anders als frühere Präsidentschaftskandidaten ließ Biden dabei regionale Aspekte außer Acht. Als Vertreterin des ohnehin demokratischen Kaliforniens kann ihm Harris keine zusätzlichen Wahlmänner aus ihrer Heimat organisieren. Entscheidend dürfte hingegen die Hoffnung sein, dass Harris die afroamerikanischen Wähler mobilisiert.

Afroamerikanische Wähler mobilisieren

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“Das gibt den Afroamerikanern die Art von Anstoß, der nötig ist, um diesem Mann zum Wahlsieg zu verhelfen”, sagte denn auch James Clyburn, der einflussreiche schwarze Fraktionschef der Demokraten im Repräsentantenhaus: “Das wird einen großen Motivationsschub für die Kampagne bringen.” Auch andere Afroamerikaner äußerten sich positiv. “Joe Biden hat verstanden, dass dieser historische Moment eine starke, kluge und angesehene Staatsdienerin fordert”, sagte Donna Brazile, ehemalige Generalsekretärin der Demokratischen Partei, mit Blick auf die frühere Tätigkeit von Harris als Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Harris müsse die Auseinandersetzung mit Präsident Donald Trump nicht fürchten, erklärte der Senator Cory Booker: “Donald Trump sollte Angst vor ihr haben.”

Harris hatte sich wie Booker ursprünglich selbst um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beworben. Im vergangenen Dezember schied sie jedoch aus dem Rennen aus. Inzwischen haben auch alle anderen Anwärter das Feld geräumt. Frühere Konkurrenten wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren stellten sich ausdrücklich hinter das Gespann Biden-Harris, das auf dem Parteitag in der kommenden Woche breite Unterstützung erfahren dürfte. Am Mittwochabend wird Harris bei der weitgehend virtuellen Veranstaltung zu den Delegierten sprechen. Für Donnerstagabend ist die Rede von Biden geplant.

Trump äußert sich abfällig

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Präsident Trump äußerte sich erwartungsgemäß abfällig über die Vizepräsidentenkandidatin. “Sie hat gelogen. Sie hat Dinge gesagt, die nicht wahr waren”, behauptete er ohne Belege. Zugleich suggerierte seine Kampagne in einem Werbespot, dass Biden tatsächlich von Harris und der “radikalen Linken” dominiert werde. Dafür freilich müsste die 55-Jährige eine Machtfülle haben, die ihr der Amtsinhaber eigentlich gar nicht zutraut. Harris sei stark ins Präsidentschaftsrennen gestartet und “schwach … mit null Unterstützung” geendet, twitterte Trump am Mittwoch: “Das ist die Art Gegnerin, von der jeder träumt.”

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