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Interview mit Kabul-Luftbrücke-Gründer

Ehemalige Orts­kräfte wollen nach Deutschland: „schwer zu durch­dringender, bürokratischer Dschungel“

Erik Marquardt, Europa­abgeordneter der Grünen und Mitgründer der Kabul-Luftbrücke.

Erik Marquardt, Europa­abgeordneter der Grünen und Mitgründer der Kabul-Luftbrücke.

Brüssel. Erik Marquardt (34) ist einer der Gründer der Kabul-Luftbrücke. Die in Berlin ansässige Hilfs­organisation hilft Menschen, aus Afghanistan nach Deutschland zu kommen. Marquardt sitzt für die Grünen im Europa­parlament.

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Herr Marquardt, Sie sind einer der Gründer der Berliner Organisation Kabul-Luftbrücke, die Menschen aus Afghanistan nach Deutschland bringt. Ist das nicht eigentlich Aufgabe des Staates?

Es wäre echt gut, wenn der Staat das allein schaffen würde. Aber in Afghanistan ist das nicht so einfach. Denken Sie nur an das Chaos, das in der Bundes­regierung herrschte, als die Taliban am 15. August 2021 die Macht in Afghanistan übernahmen. In so hektischen Situationen können zivile Helfer flexibler und schneller reagieren. Die Bundes­regierung ist in Afghanistan auch nicht mehr präsent, kann vor Ort operativ also wenig tun.

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Wie viele Menschen hat die Kabul-Luftbrücke bislang aus dem Land gebracht?

Wir haben bislang mehr als 3000 Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan geholfen. Insgesamt wurden etwas mehr als 17.000 Menschen aus Afghanistan nach Deutschland gebracht.

Wie läuft das konkret?

In der Theorie ist das relativ einfach. Sagen wir: Eine ehemalige Orts­kraft der Bundes­wehr möchte das Land verlassen und hat bereits eine Zusage, nach Deutschland zu dürfen. Er wendet sich an uns oder einen Ansprech­partner von uns in Kabul. Wir versuchen, die Menschen nach Pakistan zu bringen. Dort können sie sich dann bei der Botschaft melden und dann geht es nach Deutschland.

Afghanistan: Orts­kräfte „wissentlich zurück­gelassen“

Das Patenschafts­netzwerk für afghanische Ortskräfte hat der Bundes­regierung unterlassene Hilfe­leistung vorgeworfen.

Klingt einfach, aber wie es in der Praxis?

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In der Praxis ist das für die Betroffenen ein schwer zu durch­dringender, bürokratischer Dschungel. Man kann nur Personen mit Aufnahme­zusagen helfen. Es gibt aber noch kein Aufnahme­programm, sodass es kein geregeltes Verfahren gibt, wie sich zum Beispiel verfolgte Journalistinnen und Journalisten bei der Bundes­regierung melden können, um eine Antwort auf ihren Antrag zu bekommen. Auch viele der Menschen mit Aufnahme­zusagen wissen gar nicht, wie sie aus dem Land kommen sollen.

Was heißt das genau?

Es gibt in Deutschland keine zentrale Anlauf­stelle für Menschen aus Afghanistan, die bedroht werden und nach Deutschland wollen. So eine Stelle muss dringend eingerichtet werden, sonst geht das Chaos einfach weiter. Da gibt es Leute, die informieren sich im Internet und melden sich dann bei zwei, drei, vier Stellen in Deutschland. In ihrer Not wenden sich die Menschen auch an zahl­reiche Nicht­regierungs­organisationen. Das ist ja verständlich, weil sie nach jedem Stroh­halm greifen.

„Es gibt in Deutschland keine zentrale Anlauf­stelle für Menschen aus Afghanistan, die bedroht werden und nach Deutschland wollen. So eine Stelle muss dringend eingerichtet werden.“

Erik Marquardt,

Mitgründer der Kabul-Luftbrücke

Können Organisationen wie die Kabul-Luftbrücke dann helfen?

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Wir versuchen es, können aber nur bedingt helfen. Bei der Kabul-Luftbrücke haben sich ungefähr 20.000 Menschen gemeldet, die sich in Afghanistan nicht mehr sicher fühlen. Zusammen mit Familien­­mitgliedern sind das ungefähr 100.000 Menschen.

Unsere Leute versuchen zu klären, ob sich diese Menschen auch schon beim Auswärtigen Amt gemeldet haben oder beim Verteidigungs­ministerium oder bei irgend­einem anderen Ministerium und ob sie bereits eine Aufnahme­zusage haben.

Aber das ist eine unendliche, mühsame Angelegenheit, die ewig dauert und oft genug im Sand verläuft. Wir versuchen auch bestimmte Fälle an die Ministerien weiter­zuleiten, damit es eine Entscheidung gibt, schaffen aber nur einen Bruchteil der Anträge so aufzubereiten, dass dann darüber entschieden werden kann. Wir können aber auch nicht mehr leisten, denn wir finanzieren uns aus Spenden­geldern. Solche Mengen an Anfragen müssen zentral organisiert und bearbeitet werden. Am Ende muss der Staat darüber entscheiden, wer aufgenommen werden soll. Das kann und sollte die Zivil­gesellschaft nicht übernehmen.

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Was erwarten Sie von der Bundes­regierung, damit dieses Problem gelöst wird?

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Es braucht ganz dringend eine zentrale Anlaufstelle, an die sich nicht nur die Afghaninnen und Afghanen selbst, sondern auch Hilfs­organisationen oder Einzel­personen wenden können. Ich selbst werde von Dutzenden Personen pro Woche angeschrieben, die sich vermutlich auch an andere Stellen wenden, aber von den Ministerien selten Antworten erhalten. Die neue Bundes­regierung hat schon einiges vorangebracht. Aber sie muss dringend die Kapazitäten schaffen, damit es eine zentrale Stelle gibt, die die Verfahren in der Hand hat und an die man verweisen kann. Sowohl die Zivil­gesellschaft als auch die Ministerien sind seit einem Jahr mit den vielen E‑Mails überfordert. In den Ministerien liegen noch mehrere Hunderttausend unbeantwortete Mails aus Afghanistan. Es braucht eine Online­plattform, auf der Anträge zentral erfasst und dann bearbeitet werden. Es kann ja wirklich nicht sein, dass die gefährdeten Menschen in Afghanistan nicht aus dem Land kommen, sondern die Leute, die die meisten E‑Mails schreiben. Das wäre doch absurd.

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