Juso-Chef Kevin Kühnert greift nach der Macht – ein bisschen

  • Beim Bundeskongress des SPD-Nachwuchses formuliert der Juso-Chef seinen Machtanspruch.
  • Kevin Kühnert will auch in der Gesamtpartei eine führende Rolle übernehmen – als Parteivize.
  • Ein anderer prominenter Vertreter des linken SPD-Flügels hat das Nachsehen.
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Schwerin. Was wurde nicht schon alles über ihn geschrieben: Chef des Parteinachwuchses, GroKo-Rebell, Quälgeist, Führungsreserve, Hoffnungsträger. Vor zwei Jahren erst hat Kevin Kühnert die politische Bühne betreten, doch seit seiner Wahl zum Juso-Vorsitzenden 2017 hat sich die Rolle des Berliners fast schon monatlich geändert.

Am Freitagabend nun steht dieser Kevin Kühnert, längst heimlicher Star seiner Partei, in einer etwas ostigen Mehrzweckhalle in Schwerin und skizziert beim Juso-Bundeskongress, welche Rolle er sich künftig vorstellt. Es ist eine tragende, daran lässt er keinen Zweifel.

„Wir werden nicht Ruhe geben, bevor wir dieser Partei von vorne unseren Stempel aufdrücken können“, ruft Kühnert unter dem Jubel der Delegierten. „Wir verlassen uns nicht auf das Senioritätsprinzip und darauf, dass Leute in unserem Sinne handeln. Wir setzen selber jungsozialistische Politik durch, nicht nur aus dieser Halle, sondern von der Spitze der Sozialdemokratischen Partei, die wir zu unserer Bewegung machen wollen.“

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Es ist ein unmissverständlicher Machtanspruch, den der 30-Jährige da formuliert.

Den ultimativen Showdown hat Kühnert vermieden

Manche in der SPD hätten sich gewünscht, dass Kühnert diesen Anspruch schon im Sommer geltend gemacht hätte, als es nach dem Rücktritt von Andrea Nahles um die Frage ging, wer in das Rennen um den Parteivorsitz einsteigt. Kühnert, so sagen sie, hätte die direkte Konfrontation mit Olaf Scholz suchen sollen. Juso-Chef gegen Vizekanzler, links gegen rechts, alt gegen jung – das wäre ein Duell nach dem Geschmack der SPD-Linken gewesen. Und es hätte die seit Jahren offene Frage entschieden, was für eine Partei die SPD sein will. Oder genauer: wie links sie sein will.

Kühnert ist nicht gesprungen, er hat den Showdown vermieden – auch weil er seiner Partei die Zerreißprobe ersparen wollte. Stattdessen hat er sich entschieden, die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken und den früheren NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans zu unterstützen. Die beiden führen jetzt an seiner Stelle den Kampf gegen Olaf Scholz und dessen Tandempartnerin Klara Geywitz.

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Zwischendurch sah es so aus, als könnte Kühnert der große Verlierer der Vorsitzendensuche werden. Die Kampagne von Esken und Walter-Borjans kam nicht richtig in Schwung, Teile der Jusos riefen zur Wahl von Christina Kampmann und Michael Roth auf. Hätte sein favorisiertes Duo die Stichwahl verpasst, hätte Kühnert blamiert dagestanden.

Doch es kam anders: Esken und Walter-Borjans landeten – nicht zuletzt dank massiver Juso-Unterstützung – auf Platz zwei. Und Kühnert darf noch immer darauf hoffen, am Ende als Vorsitzendenmacher zu gelten.

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Er will einen Platz in der ersten Reihe

Für den Fall, dass das nicht klappt, hat er vorgesorgt. Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ hat Kühnert in dieser Woche angekündigt, unabhängig vom Ergebnis der Stichwahl beim SPD-Parteitag Anfang Dezember für den Parteivorstand zu kandidieren. Und er hat ziemlich deutlich erkennen lassen, welches Vorstandsamt er anstrebt: das des Parteivizes.

Er habe sich nicht zwei Jahre lang mit der Parteispitze auseinandergesetzt, um jetzt „den Schwanz einzuziehen“, ruft Kühnert am Freitagabend. Er spricht von Kragenweite und Bedeutung, die die Jusos sich erarbeitet hätten. Und er ruft seine Mitstreiter auf, beim Parteitag im Dezember ebenfalls Verantwortung zu übernehmen: „Das Gesicht des linken Parteiflügels sind wir.“

Der bisherige Vorkämpfer der SPD-Linken, Ralf Stegner, darf diese Sätze durchaus als Kampfansage interpretieren. Der amtierende Parteivize hatte verschnupft auf Kühnerts Ankündigung reagiert und dem Juso-Chef mangelnden Respekt vor dem laufenden Mitgliedervotum unterstellt. Der Mann aus Schleswig-Holstein ahnt, dass seine Zeit in der ersten Reihe der Politik bald zu Ende gehen könnte, zumal der SPD-Vorstand die Zahl der stellvertretenden Parteivorsitzenden von sechs auf drei reduzieren will.

Kühnert hingegen geht davon aus, dass seine große Zeit erst noch kommt. Zwei Jahre noch will er die Jusos führen, dann ist Schluss mit der Nachwuchsarbeit. „Es soll meine letzte Runde im Bundesvorstand dieser Jugendorganisation sein“, kündigt er in seiner Bewerbungsrede an.

Wenn es nach den Delegierten geht, könnte er offenbar ruhig noch ein wenig länger weitermachen. Sie bestätigen den Chef am späten Abend mit 88,6 Prozent im Amt. Für Juso-Verhältnisse ist das ein sensationeller Wert, ein besseres Ergebnis hatten selbst prominente Vorgänger wie Gerhard Schröder oder Andrea Nahles nicht bekommen.

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Kühnert geht gestärkt in die nun kommenden turbulenten Wochen in der SPD. Er will künftig ganz oben mitmischen, auch und gerade dann, wenn Olaf Scholz und Klara Geywitz die Wahl um den Parteivorsitz gewinnen. Er werde nicht aus der SPD austreten oder bockig sein, wenn das von ihm favorisierte Paar nicht gewinne, kündigt er an. Aber er werde in der verbliebenen Zeit alles dafür tun, dass das nicht passiert.

„Es geht bei dieser Abstimmung nicht um das Überleben der SPD“, sagt er. „Aber es geht um verdammt viel.“