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Wie Johnson jetzt die Katastrophe eines No-Deal-Brexits riskiert

  • Schock Nummer eins: Nirgendwo in Europa gibt es so viele Corona-Tote wie in Großbritannien.
  • Schock Nummer zwei: Die Bank of England erwartet die schlimmste Wirtschaftskrise seit dem “Great Frost” von 1709.
  • Premier Boris Johnson könnte jetzt den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt bremsen. Doch lieber gibt er Gas – und riskiert zusätzlich noch die Katastrophe eines No-Deal-Brexits.
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Fragt man Europäer auf der Straße, welches europäische Land wohl die meisten Corona-Toten zu beklagen hat, würden viele auf Italien tippen. Unvergessen sind die Szenen, in denen in Bergamo Militärlastwagen beim Abtransport von Verstorbenen helfen mussten.

Tatsächlich aber hat Großbritannien, schon nicht mehr EU-Mitglied, inzwischen alle EU-Staaten hinter sich gelassen. Mit 32.140 Toten hält Großbritannien den traurigen europäischen Rekord bei der Zahl von Toten. Und es könnte sein, dass diese Zahl noch zu niedrig gegriffen ist.

Das Bild, das die Briten bieten, trübt sich noch weiter ein, wenn man Hinweise hinzunimmt, anfangs seien Corona-Tote nur von britischen Kliniken gemeldet worden, nicht von britischen Altenheimen.

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“Extrem hoher Exzess” bei den Totenzahlen

Einen klaren Anhaltspunkt für Abweichungen vom Normalen bietet – ohne nach Todesursachen zu fragen – der Europäische Mortalitätsmonitor (EuroMoMo), eine seriöse wissenschaftliche Plattform, die mit offiziellen Sterbestatistiken der Einwohnermeldeämter gefüttert wird. Dort ragt Großbritannien inzwischen auf makabre Weise heraus: mit einer “extrem hohen Exzesssterblichkeit”, wie es die Wissenschaftler formulieren.

“Extrem hoher Exzess” bei den Todeszahlen in Großbritannien: Grafik des Europäischen Mortalitätsmonitor EuroMoMo. © Quelle: EuroMoMo

Nicht nur medizinisch, auch ökonomisch hinterlässt das Coronavirus in Großbritannien offenbar noch schlimmere Folgen als anderswo.

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Der “Große Frost” im Sommer 2020

Die ehrwürdige Bank of England (BoE), die seit 300 Jahren als Notenbank in der Londoner Threadneedle Street residiert, sagt inzwischen die größte Depression seit dem “Great Frost” von 1709 voraus. Damals hatte eine nie dagewesene monatelange Vereisung die gesamte Wirtschaft stillstehen lassen. Ausdrücklich hebt die BoE hervor, der Rückgang der Wirtschaft sei weder nach 1945 noch in den Ölkrisen der Siebzigerjahre so schlimm gewesen wie das, was den Briten in den kommenden Monaten der Corona-Krise bevorstehe.

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Die Bank of England erwartet die schlimmste Rezession seit dem Jahr 1709: Financial Times vom 08.05.2020. © Quelle: Financial Times, 08.05.2020

Und wie reagiert Premier Boris Johnson auf dieses doppelte Desaster? Indem er sich jetzt beeilt, noch einen dritten Schock für Land und Leute hinzuzufügen: Eigentlich könnte er, so war es mit der EU verabredet, noch bis Ende Juni mitteilen, er wolle den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt sicherheitshalber noch einmal um ein Jahr verschieben. Das Risiko eines No-Deal-Brexits wäre dann erst einmal vom Tisch. Der britischen Wirtschaft blieben dann zumindest vorläufig alle mit dem Brexit verbundenen zusätzlichen Schwierigkeiten erspart.

Johnson aber gibt Gas – und geht ins Risiko. Auf keinen Fall werde er die Option zur Verschiebung nutzen, betont er immer wieder.

Klagegesänge wie bei Nero im brennenden Rom?

Zugleich aber zeigen sich Johnsons Unterhändler bei den Brexit-Verhandlungen extrem starrsinnig. Die von der EU geforderte gleichzeitige Bewegung auf mehreren Feldern lehnt London ab, das unerlässliche Geben und Nehmen findet einfach nicht statt. So tickt jetzt die Uhr: Ende 2020 könnte Großbritannien im schlimmsten Fall ungeregelt aus der EU herausfallen – mit der Folge, dass die Briten Zölle zahlen müssten, um überhaupt wieder Zugang zu ihrem wichtigsten Markt zu finden.

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Pandemie plus Rezession plus Brexit: Legt der Premierminister es auf eine dreifache Krise an? © Quelle: Getty Images

Was treibt Johnson um? Eine Verschiebung um ein Jahr wäre angesichts der Pandemie ein Mindestbestandteil einer vernünftigen neuen Lösung. Geht die Verschiebung einfach nur gegen seinen Stolz? Oder steckt dahinter eine Strategie? Ein Poker?

In der Brüsseler EU-Kommission tippen einige inzwischen auf Letzteres. Johnson sei eine Spielernatur und hege wohl die Hoffnung, die EU werde in letzter Minute die Nerven verlieren. Vielleicht wolle Johnson auch bewusst eine Dreifachkrise heraufbeschwören: Pandemie plus Rezession plus Brexit. Anfang 2021 könne er dann, nach Art des römischen Kaisers Nero, angesichts der totalen Misere rundum einen Klagegesang beginnen und der EU für alles die Schuld zuzuweisen.

Mut zu sehr eigenwilligen Strategien hat Johnson schon in der Pandemie bewiesen. Als sei er schlauer als alle anderen, vertrat er wochenlang die Theorie, es sei das Beste, rasch eine Herdenimmunität anzustreben. Lächelnd schüttelte er noch Hände, als andere längst auf Distanz zueinander gingen. Dass ihn seine eigene Covid19-Erkrankung beinahe umbrachte, ließ er inzwischen locker hinter sich. Unbeirrt geht der Premierminister mit seinen wehenden blonden Haaren jetzt dem nächsten großen Abenteuer entgegen.

RND






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