• Startseite
  • Politik
  • Joe Biden trifft Wladimir Putin: Kann er den russischen Präsidenten knacken?

Wie kann Biden Putin knacken?

  • Joe Biden will am Mittwoch in Genf den russischen Präsidenten auf einen konstruktiveren Kurs bugsieren.
  • Bislang aber zeigt sich Wladimir Putin völlig unbeeindruckt – schließlich ist Biden auch schon sein fünfter amerikanischer Präsident, nach Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump.
  • Westliche Diplomaten glauben aber, Putin werde jetzt erstmals auf einen Gegenspieler treffen, der es mit ihm aufnehmen kann.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich ist es kurz vor einem Gipfeltreffen großer Mächte üblich, dass beide Seiten schon mal ein bisschen gut Wetter machen. Wenigstens pro forma.

Doch auch in diesem Punkt ist Wladimir Putin ein bisschen anders als andere Staatschefs.

Anzeige

In der vergangenen Woche zog Russland die Schlinge um die Opposition im Land noch einmal ein Stück enger: Die komplette Antikorruptionsstiftung des inhaftierten Putin-Kritikers Alexej Nawalny wurde offiziell zu einer extremistischen Organisation erklärt. Wer jetzt noch mitmacht, riskiert Gefängnisstrafen.

Keine Liebesgrüße aus Moskau

Innenpolitisch ist damit der Ton gesetzt für die Duma-Wahlen im Herbst. Und auch weltpolitisch weiß nun jeder, woran er ist: Liebesgrüße aus Moskau gehen anders.

Willkommen zur neuen Ausgabe von „What‘s up, America?“ – die sich mit dem bislang wichtigsten Termin in Joe Bidens Präsidentschaft beschäftigt, dem Treffen mit Putin am 16. Juni in Genf.

Anzeige

Die Annäherung an das Treffen am Lake Geneva verläuft auffallend asymmetrisch.

Biden gab ein paar erste Signale der Entspannung. Er verzichtete auf eine neue Sanktionsrunde wegen der Nawalny-Vergiftung; eine für die Gesetzgebung an dieser Stelle wichtige Deadline ließ Biden am 2. Juni verstreichen. Außerdem nahm er den blubbernden Nordstream-2-Streit fürs Erste vom Herd und sorgte für eine vorläufige Abkühlung.

Anzeige
Am Genfersee: Menschen schwimmen am Ufer vor einem Zelt, das als Medienzentrum gegenüber der Villa La Grange aufgebaut wurde, dem Veranstaltungsort für das bevorstehende Treffen zwischen US-Präsident Biden und dem russischen Präsidenten Putin. © Quelle: Markus Schreiber/AP/dpa

Putin dagegen erlaubt sich weiterhin verächtliche Gesten. In einem arroganten Auftritt im US-Sender NBC betonte Putin, der Zustand der Beziehungen zwischen den USA und Russland sei so schlecht wie selten zuvor – dass dies an der inzwischen ellenlangen Liste von russischen Verstößen gegen internationales Recht liegen könnte, von der Annexion der Krim über die Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien bis zur Vergiftung politischer Widersacher, lässt der Kremlherr nicht gelten. Für die russische Verwicklung in Wahlkampfmanipulationen und in jüngste Hackerangriffe, ätzte Putin, wolle er erst mal Beweise sehen.

Ein Treffen mit dem seelenlosen „Killer“

In einer für Biden beinahe beleidigenden Weise lobte Putin Trump als ungewöhnliche Persönlichkeit, „egal ob man ihn mag oder nicht“. Jedenfalls sei er kein Mann aus dem Establishment wie Biden, der eher „ein Karrieremensch“ sei.

Einen Tiefpunkt erreicht das Interview an der Stelle, als Putin sich ausdrücklich weigert, das Überleben von Nawalny in der Haft zu garantieren; den Namen seines Kritikers übrigens nimmt der Kremlherr nie in den Mund, sondern spricht nur von der „Person“.

Atmosphärisch also spricht nichts für einen konstruktiven Gipfel.

Anzeige
Für das Wohlergehen Nawalnys in russischer Haft kann er nicht garantieren: Wladimir Putin im Interview mit dem US-Fernsehsender NBC. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Dass Biden allerdings auch umgekehrt Putin nie Komplimente gemacht hat, gehört mit ins Bild. Zuletzt antwortete Biden auf die Frage eines Journalisten, ob er Putin für einen Killer halte: „Ja, tue ich.“

Unvergessen ist auch eine Anekdote aus dem Jahr 2011, die Biden, damals Vizepräsident der USA, selbst kursieren ließ. Er habe damals nach einer kontrovers verlaufenen Unterredung zu Putin gesagt: „Ich schaue in Ihre Augen, und ich denke nicht, dass Sie eine Seele haben.“ Putin habe daraufhin geantwortet: „Wir verstehen uns.“

Biden wird sagen: Putin hat die Wahl

Aber ist es vielleicht gerade diese eiskalte Variante gegenseitigen Verständnisses, die am Mittwoch behilflich sein könnte, Russland auf einen etwas konstruktiveren Kurs zu bringen?

Niemand guckt Biden in die Karten. Nach allem aber, was derzeit aus diplomatischen Kreisen zu hören ist, etwa bei der Nato in Brüssel, ist der amerikanische Präsident extrem gut vorbereitet. Er werde Putin die Vorteile erläutern, die für Russland darin liegen könnten, Schluss zu machen mit den fortgesetzten Rechtsverstößen und Aggressionen aller Art. Und er werde ihn auch mit den Nachteilen vertraut machen, die ihm und seinem Land drohen, wenn es sich dem „Angebot“ Amerikas verschließe.

Anzeige
„Wenn er sich entscheidet, nicht zu kooperieren und sich so verhält, wie er es in der Vergangenheit in Bezug auf Cybersicherheit und einige andere Aktivitäten getan hat, werden wir reagieren“: Joe Biden am 14. Juni in Brüssel. © Quelle: Patrick Semansky/ AP/dpa

Läuft das auf eine Drohung hinaus? Biden selbst beschrieb dieser Tage gegenüber amerikanischen Journalisten in Brüssel seine Linie in wohlgesetzten Worten. „Ich werde Präsident Putin klarmachen, dass es Bereiche gibt, in denen wir zusammenarbeiten können, wenn er möchte“, sagte Biden. „Und wenn er sich entscheidet, nicht zu kooperieren, und sich so verhält, wie er es in der Vergangenheit in Bezug auf Cybersicherheit und einige andere Aktivitäten getan hat, werden wir reagieren.“

Wie aber werden diese Reaktionen aussehen? In Geheimdienstkreisen wird seit Langem orakelt, dass Putin die Möglichkeiten der amerikanischen Seite seit Jahren heillos unterschätze. Wenn die USA begännen, systematisch die russischen Kommunikationssysteme zu infiltrieren, könne Putin innenpolitisch rasch auf eine Weise in die Defensive geraten, wie er es noch nie erlebt habe. Leicht könne man parallel auch den Kurs des Rubels und die Indizes der Moskauer Börse abstürzen lassen. All dies sei schon in den Obama-Jahren erwogen, aber aus diversen Gründen nie praktiziert worden.

Neue Technologien sind das Ass in Bidens Ärmel

Weit wichtiger aber als solches Geplänkel sind harte militärische Fakten. Putin selbst verkündete bereits im Jahr 2019, wer als Erster beim Thema künstliche Intelligenz einen Durchbruch schaffe, werde auch die Weltherrschaft erringen. Experten sehen mittlerweile besonders in der Kombination von Quantencomputern und KI-Fortschritten den Weg zu neuartigen Waffensystemen, die von einer technologisch unterlegenen Macht weder aufgehalten noch auch nur entschlüsselt werden können.

Auf diesem Feld, das unter strengster Geheimhaltung steht, gibt es einen sehr harten Wettkampf zwischen den USA und China. Russland indessen rangiert hier, obwohl es laufend neue Waffen entwickelt, etwa im Hyperschallbereich, nur auf Platz drei in der Welt.

Lloyd Austin, Verteidigungsminister der USA, treibt mit neuen Etats die Entwicklung von Quantencomputern und künstlicher Intelligenz zu militärischen Zwecken voran. © Quelle: Alex Brandon/AP/dpa

Israel hat im Gazakrieg vorgeführt, wie das autonome Defensivsystem „Iron Dome“ eine gigantische Zahl von Kurzstreckenraketen vom Himmel holt, in Sekundenbruchteilen, gestützt auf hohe Taktfrequenzen und gigantische Datenmengen. Was, wenn die USA und die EU solche Systeme in den kommenden Jahren auch für Mittel- und Langstreckenraketen entwickeln und in Stellung bringen, dazu noch neue Defensivsysteme gegen Panzer, U-Boote und Schiffe aller Art? All das, worauf Russland derzeit seine Macht stützt, wäre nichts mehr wert.

Schöne Grüße von Ronald Reagan

Schon einmal stellte ein US-Präsident dem Amtskollegen aus Moskau in Aussicht, seine Macht durch neue Technologien zu reduzieren. Das war 1985, ebenfalls in Genf. Ronald Reagan hantierte damals mit seiner „Strategic Defense Initiative“ (SDI) und jagte der sowjetischen Führung einen Schreck ein wie noch nie. Michail Gorbatschow sagte daraufhin umfassende Abrüstungsschritte zu, wenn nur ja erst mal die SDI-Aufrüstung unterbleibe. So begann ein Tauwetter, vier Jahre später fiel die Mauer.

Frieden schaffen trotz vieler Waffen: In den Achtzigerjahren gelang dies den Staatschefs Michail Gorbatschow und Ronald Reagan.

Anders als damals kommt heute im großen Technologiepoker eine dritte Macht ins Spiel: China. Für Russland ist die Gefahr, abgehängt zu werden, so groß wie noch nie. Was, wenn Peking den Russen eines Tages mit Szenarien drohen kann, in denen es nicht mehr nur um eine rein zahlenmäßige Überlegenheit der chinesischen Seite geht? Die Beziehungen zum Westen neu zu sortieren könnte aus Moskauer Sicht langfristig als das geringere Übel erscheinen.

What's up, America? Der USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur ‒ jeden zweiten Dienstag.

FACTS AND FIGURES: Nonstop-Nonsens der Impfgegner

Die Impfquoten steigen, und das Virus zieht sich überall in den USA zurück.

Überall in den USA? Nein. In Rock Springs, Wyoming, zum Beispiel steigen gerade wieder die Zahlen der Corona-Neuinfektionen. Die Gegend gehört zu den Regionen in den USA mit den geringsten Quoten von Geimpften.

Was Mediziner immer schon vorausgesagt haben, hat die „Washington Post“ jetzt haarklein nachgerechnet und bewiesen: Im Impfen – und nur im Impfen – liegt der Ausweg aus der Pandemie. Dies zeigt ein am Dienstag veröffentlichter Vergleich von Daten aus mehr als 100 Landkreisen mit niedrigen Impfraten (weniger als 20 Prozent der Einwohner geimpft) und mehr als 700 mit hohen Impfraten (mindestens 40 Prozent geimpft). Landkreise mit hoher Impfrate hatten niedrige Coronavirus-Zahlen, mit sinkender Tendenz. In Landkreisen, in denen nur wenige Menschen geimpft sind, gibt es nicht nur höhere Fallzahlen, die Zahl der Fälle wächst sogar wieder.

Erstaunliche Theorien wurden dieser Tage in einem Ausschuss des Bundesstaates Ohio verbreitet – so war zu hören, Patienten seien durch den Corona-Impfstoff „magnetisch geworden“. © Quelle: Cleveland News (screenshot)

Überraschender als dieses Untersuchungsergebnis sind die Hartnäckigkeit und die wachsende Abstrusität amerikanischer Impfgegner. Wer eine Kostprobe von deren Nonstop-Nonsens sehen will, möge beispielsweise den Auftritt einer Ärztin aus Ohio betrachten, die vor einem Ausschuss in ihrem Bundesstaat allen Ernstes aussagt, der Impfstoff mache die Patienten magnetisch: „Nehmen Sie einen Schlüssel, und halten sie ihn den Geimpften an die Stirn: Er klebt fest.“

POPPING UP: Die Amerikaner heiraten wieder

In den USA bahnen sich in diesem Jahr offenbar mehr Hochzeiten an denn je. Veranstaltungsorte sind auf Monate hinaus ausgebucht, Fotografen werden mit Anfragen überhäuft. „Es sind zwei Jahre Hochzeiten in einem Jahr“, jubelte Stanley Babb, Besitzer von Stanlo Photography, gegenüber der Reporterin Allie Volpe vom Magazin „The Atlantic“.

Laut der Real Weddings Study 2020 von The Knot wurde fast die Hälfte der fürs letzte Jahr geplanten Hochzeiten wegen der Pandemie auf 2021 verschoben. Unter Corona-Bedingungen hatten amerikanische Anbieter sogenannte Mikrohochzeiten und Zoom-Zeremonien angeboten – doch alle gestehen jetzt selbst, dass sie froh sind, endlich wieder Feiernde aus Fleisch und Blut vor sich zu haben.

DEEP DIVE: ausgezeichneter Journalismus

Jetzt mal langsam. Wer vom Pulitzerpreis hört, denkt an den hechelnden Reporter, der gerade mit schräg sitzender Krawatte eine Enthüllungsgeschichte aufgedeckt hat, die nun möglichst schnell veröffentlicht werden soll. Die großen Stars bei der diesjährigen Verleihung der Pulitzerpreise aber waren Journalisten ganz anderen Typs. Vor allem haben sie sich Zeit genommen haben: zum Recherchieren, zum Vertiefen und zum Herstellen von Zusammenhängen.

Der Preis für „Erklärende Berichterstattung“ geht an Ed Yong („The Atlantic“) für eine Vielzahl von beeindruckenden Beiträgen über die Corona-Pandemie. Yong bekommt es hin, auch komplexe Dinge wissenschaftlich korrekt und zugleich allgemein verständlich darzustellen.

Den Preis für „Internationale Berichterstattung“ räumen Megha Rajagopalan, Alison Killing und Christo Buschek von „Buzzfeed News“ ab. Ihre Geschichte „Für die Ewigkeit gebaut: Eine ‚BuzzFeed News‘-Untersuchung, die auf Tausenden von Satellitenbildern basiert, enthüllt eine riesige, wachsende Infrastruktur für langfristige Inhaftierungen und Inhaftierungen“ setzt Maßstäbe für das Recherchieren in einer eigentlich komplett intransparenten Umgebung: China. Und sie setzt ein große Fragezeichen hinter die Überlegung, warum nicht längst sehr viel mehr die Rede ist von den haarsträubenden Menschenrechtsverletzungen unter der Ägide einer Regierung in Peking, die nach außen hin auch noch so tut, als sei sie anderen Staaten der Erde überlegen sei.

WAY OF LIFE: New Yorks coole Hindbaersnitter

Die „New York Times“ ist und bleibt in vielen Dingen Trendsetter – das geht sogar bis zu der Frage, was man wohl mal backen könnte.

Angesagt sind in New York jetzt die Hindbaersnitter. Dass man an dieser Stelle mit dänischen Begriffen hantiert, hat Tradition. Im Jahr 1915 kam der dänische Bäcker Lauritz C. Klitteng nach New York und versorgte angeblich auch die Hochzeitsfeier von Woodrow Wilson und Edith White Bolling Galt mit seinem Gebäck. Seither wird vieles als „Danish“ verkauft, was süß und fettig ist.

„Erinnert an Pop-Tarts“: Hindbaersnitter, das coole, selbst gemachte Gebäck für den Sommer 2021. © Quelle: Scandinavian Simple Eating

Die Hindbaersnitter, lobt die „New York Times“ erinnerten mit ihren zwei Keksschichten, der Himbeermarmelade und der Zuckerglasur an Pop-Tarts. Das allerdings ist uramerikanisches Junkfood aus der Folienpackung, eines der vielen Produkte auf dem amerikanischen Markt, die lieber nur heimlich konsumiert werden. Die selbst gemachten Hindbaersnitter dagegen kann man, das ist der große Vorteil, ganz offiziell genießen...

Der nächste USA-Newsletter erscheint am 22. Juni. Bis dahin – stay tuned!

Ihr Matthias Koch

Abonnieren Sie auch:

Crime Time: Welche Filme und Serien dürfen Krimifans nicht verpassen? Mit unserem Newsletter sind Sie up to date. Alle zwei Wochen neu.

Hauptstadt-Radar: Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Die Pandemie und wir: Die wichtigsten Nachrichten der Woche, Erkenntnisse der Wissenschaft und Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix und Co. – jeden Monat neu.

Der Tag: Wissen, was der Tag bringt: Erhalten Sie jeden Morgen um 7 Uhr das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen