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Nötigungsvorwürfe: Das doppelte Dilemma des Joe Biden

  • Die Nötigungsvorwürfe einer früheren Büromitarbeiterin bringen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden in die Bredouille.
  • Der angebliche Vorfall aus dem Jahr 1993 hat nach seiner Darstellung nie stattgefunden.
  • Aber Biden selber hat früher gefordert, Frauen mit solchen Anschuldigungen zu glauben.
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Washington. Der Vorfall soll 27 Jahre zurückliegen. Das mutmaßliche Opfer hat seine Aussage mehrfach verändert. Arbeitskollegen bestreiten die Darstellung. Eine schriftliche Beschwerde ist nicht auffindbar.

Im letzten Präsidentschaftswahlkampf hätte Tara Reade wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt, mit ihren Anschuldigungen gegen den demokratischen Kandidaten Joe Biden öffentliches Gehör zu finden. Doch dann formierte sich die #MeToo-Bewegung, und die US-Demokraten unterstützten den Kampf gegen sexuelle Übergriffe auf Frauen mit Rigorosität.

“Wenn eine Frau mit solchen Anschuldigungen ins gleißende Licht der nationalen Öffentlichkeit tritt, sollte man zunächst davon ausgehen, dass sie grundsätzlich die Wahrheit sagt, unabhängig davon, ob sie Fakten vergisst”, sagte Biden im Herbst 2018.

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Das doppelte Dilemma des Kandidaten

Damals ging es um Vergewaltigungsvorwürfe gegen Brett Kavanaugh, den republikanischen Kandidaten für das Verfassungsgericht. Nun ist Biden mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert. Der ehemalige Vizepräsident bestreitet sie entschieden.

Doch steht der 77-Jährige vor einem doppelten Dilemma: Er soll einen Verdacht ausräumen, der ihn schwer belastet. Und dabei muss er unbedingt den Eindruck der Doppelmoral vermeiden.

Unbestritten ist, dass Tara Reade als 29-Jährige im Jahr 1993 für neun Monate im Washingtoner Büro des damaligen Langzeitsenators von Delaware arbeitete. Dann zog Reade nach Kalifornien. Ihren Wechsel begründete sie später in einem Onlinepost mit der antirussischen Haltung des Washingtoner Establishments und ihrem Wunsch, künstlerisch zu arbeiten.

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Nach eigenen Angaben stimmte sie 2008 und 2012 gleichwohl für das Gespann Obama-Biden und setzte noch 2017 einen lobenden Tweet über Biden ab.

Von sexueller Gewalt war zunächst nicht die Rede

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Im April 2019 gehörte Reade dann zu den acht Frauen, die sich über die früheren, allzu physisch-emotionalen Umgangsformen des Politikers beklagten. Biden hatte in der Vergangenheit Bekannte offenbar umarmt oder ihnen die Schulter massiert. Keine der Frauen bezichtigte ihn eines sexuellen Übergriffs.

Reade erklärte damals, sie hätte sich gleichwohl in dieser Atmosphäre unwohl gefühlt. Nachdem ihr Vorgesetzter im Büro ihre mündliche Beschwerde abgewimmelt habe, habe sie den Job gekündigt.

Vor einem Monat schilderte Reade in einem Zeitungsinterview den Vorfall wesentlich dramatischer. Demnach soll Biden sie im Untergeschoss des Kapitols gegen eine Wand gedrückt haben und mit zwei Fingern in ihre Vagina eingedrungen sein. Wo genau sich der Vorfall ereignete, konnte sie nicht mehr sagen.

Aber Reade erklärte, sie habe damals eine schriftliche Beschwerde beim Personalbüro des Senats eingereicht – freilich nicht wegen der Vergewaltigung, sondern wegen Belästigung. Das Papier ist bei der Verwaltung nicht auffindbar, eine Kopie besitzt Reade nicht. Allerdings haben zwei frühere Freundinnen mehreren Zeitungen bestätigt, dass die Frau in deNeunzigerjahren von einer Nötigung erzählt habe.

Auf der anderen Seite hat ein halbes Dutzend ehemalige Mitarbeiter des Biden-Büros bestritten, jemals von einem übergriffigen oder gar strafbaren Verhalten des Ex-Senators gehört zu haben. “Es ist nicht wahr. Das ist niemals passiert”, sagte auch Biden selbst in einem Fernsehinterview am Freitag.

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Es war nach mehreren Wochen das erste Mal, dass sich der Präsidentschaftskandidat zu den Vorwürfen äußerte. Zugleich forderte er den Senat auf, alle Unterlagen durchzugehen: “Ich habe nichts zu verbergen.”

Sein persönliches Archiv, das 1875 Kisten und 415 Gigabyte Speichermedien mit Reden, Manuskripten und Notizen aus seiner 36-jährigen Tätigkeit als Senator enthält und bei der Universität von Delaware lagert, will er jedoch aus Sorge vor einer politischen Instrumentalisierung der Unterlagen im Wahlkampf nicht freigeben.

Ganz unbegründet ist die Sorge wohl nicht. Die Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiterin finden nämlich nicht nur in konservativen Medien viel Widerhall. Auch enge Verbündete des linken Senators Bernie Sanders, der Biden bei den demokratischen Vorwahlen unterlegen war, greifen den Ex-Vizepräsident massiv an. Dieser habe “die moralische Legitimation” für seine Kandidatur verloren, erklärte beispielsweise Claire Sandberg, die bei der Sanders-Kampagne für die Koordination der Graswurzelbewegungen zuständig ist. “Aus Respekt für die Opfer und zum Wohl des Landes sollte er aus dem Rennen aussteigen.”

Derweil hat Reade bestritten, irgendwelche politischen Motive zu verfolgen. Allerdings unterstützt sie inzwischen Sanders und hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin als “einfühlsamen, visionären Führer” gelobt. Ein genaueres Bild konnte sich die amerikanische Öffentlichkeit von der Anklägerin bislang nicht machen.

Nachdem sich Reade darüber beklagt hatte, dass die US-Kabelsender sie nicht zu Wort kommen ließen, sagte sie einen für Sonntag fest eingeplanten Auftritt bei Fox News ihrerseits kurzfristig ab – angeblich aus Angst um ihre Sicherheit und weil sie die Aussagen von Biden erst einmal verarbeiten müsse.

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Sanders unterstützt Biden bei Präsidentschaftswahl
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Bernie Sanders unterstützt seinen Parteikollegen. Er tue dies, damit US-Präsident Donald Trump bei der Wahl im November geschlagen werden könne.  © Karl Doemens/Reuters
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Amtsinhaber Trump brüstet sich mit seinen Übergriffen

Gleichwohl wächst im linksliberalen Lager der Druck auf Biden, auch seine privaten Unterlagen untersuchen zu lassen. Die Forderung erscheint im Kontrast zum amtierenden Präsidenten sehr rigide: Immerhin wird Donald Trump von 25 Frauen der sexuellen Nötigung, des Begrapschens und der Vergewaltigung bezichtigt.

Auf einer Tonbandaufnahme brüstet sich der ehemalige Reality-TV-Star sogar damit, dass er Frauen ungewollt an die Geschlechtsteile greifen könne. Trump hat alle Vorwürfe abgestritten, den Frauen mit Klagen gedroht und sie teilweise mit abfälligen Bemerkungen über ihr Äußeres beleidigt.

“Es mag unfair sein, an den Herausforderer von Herrn Trump höhere Anforderungen zu stellen”, räumte die “Washington Post” vor wenigen Tagen in einem Leitartikel ein. “Aber Trump sollte nicht die Maßstäbe setzen. Ein besserer Mann könnte es.”

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Obama spricht sich für Biden als Präsidentschaftskandidaten aus
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Dieser habe alle Qualitäten, die ein Staatsoberhaupt jetzt haben müsse, sagte Obama am Dienstag in einer Videobotschaft.  © Karl Doemens/Reuters
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