Die fünf Erfolgsgeheimnisse von Joe Biden

  • Sleepy Joe? Von wegen. Die 100-Tage-Bilanz von Joe Biden fällt verblüffend positiv aus.
  • Hat der Mann Glück? Das auch.
  • Doch vieles hat auch mit seinem Stil zu tun, seiner Arbeitsweise und seinem Charakter.
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Liebe Leserinnen und Leser,

erinnern Sie sich noch, wie Donald Trump im Wahlkampf seinen Gegenkandidaten verhöhnte? Immer wieder machte er Joe Biden als „Sleepy Joe“ herunter.

Von den vielen Fehleinschätzungen Trumps erweist sich diese als eine der dümmsten. Gerade wird sie, Pech für Trump, Tag für Tag aufs Neue widerlegt: Nichts und niemand wirkt derzeit schläfrig in Washington, ganz im Gegenteil.

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In den USA leuchtet plötzlich wieder ein weltweit sichtbares Licht der Hoffnung. Hat jemals ein Präsident in den ersten 100 Tagen so viel bewegt? Sogar die Fans von Barack Obama kommen da ins Grübeln.

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Joe Biden legt weiterhin reihenweise die Hebel um, einen nach dem anderen, in verblüffend hohem Tempo.

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Nie da gewesene Billionenprogramme zur Modernisierung des Landes sollen die USA aus der Krise heraus- – und gleich auch in neue Zeiten hineinführen: „Build Back Better“ könnte allen Ernstes zum Signum eines Epochenwechsel werden. Am Mittwoch, bei seiner Rede vor dem Kongress, wird Biden dieses Thema in den Mittelpunkt stellen.

Der Kampf des Weißen Hauses für den zwei Billionen Dollar schweren „American Jobs Plan“ hat begonnen: Vizepräsidentin Kamala Harris präsentiert die Pläne am Guilford Technical Community College in Jamestown, North Carolina. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Beim Klimaschutz wollen die USA neuerdings nicht nur mitmachen, sie wollen an die Spitze. Der von Biden nach kurzer Zeit im Amt zusammengetrommelte Gipfel von 40 „world leaders“, darunter die Präsidenten Chinas und Russlands, war nicht nur außenpolitisch eine reife Leistung. Für die USA brachte dieser Termin vor allem nach innen ein klares Wendesignal: Das Thema wird jetzt ernst genommen.

In der Wirtschaft ist von einer „Biden-Depression“, wie sie Trump vorhergesagt hat, nichts zu sehen. Die Aktien steigen weiter. Das gegenwärtige Wachstum liegt bei 6 Prozent. Und seit Bidens Amtsantritt hat sich die Zahl der Jobs um 1,3 Millionen erhöht.

Wird Amerika zur Apotheke der Welt?

Nach ihrer sensationellen nationalen Impfkampagne reichen die USA jetzt endlich auch anderen Staaten die Hand, Indien etwa und den Lateinamerikanern. Der wachsende Überschuss an Impfstoffen erweist sich als außenpolitischer Trumpf in der Hand der Biden-Administration.

Unter Trump galten die USA als absolut egozentrisch. Kriegsrechtsparagrafen wurden angewendet, um nur ja keinen Impfstoff oder keine Rohstoffe dafür ins Ausland gelangen zu lassen. Darunter litten auch die Nachbarstaaten Kanada und Mexiko. Mit beiden hat Biden schon gesprochen – und ihnen die gleiche Botschaft mitgegeben, mit der er sich anfangs auch an seine eigenen Landsleute gewandt hatte: Hilfe ist unterwegs.

Mehr als 200 Millionen Impfungen wurden in den USA bereits verabreicht: Biden bei einer Zwischenbilanz in Washington. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Das Weiße Haus plant einen ganz neuen Dreh: Amerika könnte in den kommenden Monaten zur hilfsbereiten Apotheke der ganzen Welt werden, mit einem unerwartet freundlichen Apotheker: Biden könnte bald, mit mildem Lächeln, grauem Haar und seriösem Blick, die heiß ersehnten Stoffe rausrücken.

4 Milliarden Dollar hat Biden bereits in Covax investiert, ein auch von der EU unterstütztes Programm, das auf weltweite Impfkampagnen zielt. In den USA akzeptieren immer mehr Bürger einen Grundgedanken, der von EU-Politikern von Anfang an gepredigt wurde: Es ist nicht vorbei, bevor es für alle vorbei ist. Impfnationalismus, so sehr er auch anfangs hier und da gefeiert wurde, ist nicht nur ethisch angreifbar, er ergibt auch epidemiologisch auf Dauer keinen Sinn.

Es hilft Biden, dass die Bewunderung Chinas gerade weltweit nachlässt. Dass die Sinovac-Impfstoffe nicht so gut wirken wie die westlichen, haben chinesische Offizielle in einer seltenen Anwandlung von Transparenz inzwischen selbst eingeräumt.

Quer zum Klischee vom starken Mann

Inzwischen ist klar: Nicht nur Trump hat Biden unterschätzt. Auch jene, die auf seine Wahl hofften, hatten nicht so viele Verbesserungen in so kurzer Zeit erwartet. Selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte hing eine Wende in der gesamten Stimmung der Welt so sehr am klugen, seit Langem durchdachten Vorgehen einer einzelnen Person. Wie hat Biden das hinbekommen?

Es geht nicht um Showeffekte: Biden und seine Ehefrau Jill am vorigen Wochenende auf dem Weg ins heimische Delaware. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Ja, der Mann ist 78. Und ja, die große Show, die flammende Rede, kriegen andere besser hin als dieser Präsident, der als Kind gestottert hat. Aber Biden hat seine ganz eigenen Stärken. Die haben viel mit seinem Stil zu tun, seiner Arbeitsweise und seinem Charakter. Und sie liegen quer zum Klischee vom starken Mann.

Erstens: Biden will kein Entertainmentbedürfnis bedienen, sondern sein Land regieren. Es geht ihm nicht um Showeffekte, sondern reale, bleibende Wirkungen. Nie würde es ihm einfallen, wie Trump nach den Einschaltquoten seines jüngsten Fernsehauftritts zu schielen. Sein zentrales Ziel ist ein guter Eintrag ins Geschichtsbuch.

Zweitens: Biden hat eine Mission. Er sieht nicht sich selbst im Mittelpunkt, sondern die Zukunft der Welt. Er will den Chinesen und den Russen zeigen, dass die Demokratie nicht etwa auf dem Rückzug ist, sondern quicklebendig, auch und gerade nach der Corona-Pandemie.

Führen als Dienst an der Gemeinschaft

Drittens: Führen ist für Biden keine herrische Pose, die man genüsslich einnimmt, sondern ein mühsamer Dienst an der Gemeinschaft. Dazu gehören für ihn die Bereitschaft zum Zuhören und Demut vor der Aufgabe. Das macht ihn zeitweise weniger sichtbar als andere, die stets lautstark und mit ausgefahrenen Ellenbogen unterwegs sind. Es bewahrt ihn aber davor, Dinge aus dem Augenblick heraus zu entscheiden und dabei Fehler zu machen.

Viertens: Biden hat exzellente, extrem loyale Leute um sich herum, bis hinein in die dritte Reihe. Indem der Präsident ihnen vertraut und sie machen lässt, gibt er ihnen eine ganz eigene Motivation – und eine ganz eigene Autorität. Außenminister Antony Blinken und Finanzministerin Janet Yellen etwa sind dadurch sehr schnell zu Figuren mit ungeheurem weltweiten Gewicht geworden. Genau das aber hilft der Biden-Administration, sehr unterschiedliche Probleme schnell, effektiv und abschließend zu bearbeiten – ohne Nadelöhreffekte im Weißen Haus.

Eine Figur, die sehr schnell sehr viel politisches Gewicht bekommen hat: US-Außenminister Antony Blinken, hier bei einem Auftritt in Brüssel. © Quelle: Yves Herman/Pool Reuters/AP/dpa

Fünftens: Biden führt durch Klarheit. Er war es, nicht Obama, der den türkischen Völkermord an den Armeniern auch einen Völkermord nannte, egal was Recep Tayyip Erdogan dazu sagt. Biden ist seltener auf dem Sender als Trump. Aber wann immer Biden in den vergangenen 100 Tagen etwas Wichtiges sagte, markierte dies nicht den Beginn, sondern das Ende von Diskussionsprozessen. Dieser Stil, den einst auch Ronald Reagan pflegte, steigert die Autorität des Weißen Hauses – übrigens sogar unabhängig davon, ob der Präsident auch schon mal einen Mittagsschlaf einlegt.

Biden lässt sich nicht verschaukeln

Offenbar schon im Juni wird Biden in Europa zu einem Gipfel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentreffen. Das wäre eine gute Nachricht für die ganze Welt.

Anders als bei dem ergebnislosen und rätselhaften Treffen zwischen Trump und Putin in Helsinki im Jahr 2018 wird die amerikanische Diplomatie diesmal auf konkrete Verbesserungen hinwirken. Besonders die Spannungen in der Ukraine müssen dringend entschärft werden.

Anders als damals sind allerdings auch die Voraussetzungen besser: Die vier dunklen Jahre, in denen der amerikanische Präsident dem Präsidenten Russlands in jeder Hinsicht unterlegen war, sind zu Ende.

Biden lässt sich nicht verschaukeln. Oft wurde ihm vorgehalten, dass er schon so viel auf dem Tacho hat. Doch gerade das macht den alten Mann stark: Seine Naivität im Umgang mit Leuten wie Putin liegt, nach fast 40 Jahren im US-Senat und nach acht Jahren im Weißen Haus, bei null.

POPPING UP: Es läuft nicht rund für Erdogan

Die Türkei hat in den USA ein wachsendes Imageproblem: In jüngster Zeit addieren sich dort lauter negative Eindrücke. Und alles hat immer wieder mit Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu tun.

24. April 2021, New York City: Demonstranten erinnern an den Völkermord an den Armeniern im damaligen Osmanischen Reich. © Quelle: Pamela Hassell/AP/dpa

Viele Amerikaner erfuhren erst in den vergangenen Tagen von dem Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern – weil ein amerikanischer Präsident das Massaker von 1915 erstmals so nannte. Die Darstellung des monströsen Verbrechens, das etwa in der New York Times noch einmal ausführlich beschrieben wurde, lässt Menschen schaudern. Den Vorgang selbst würden viele Amerikaner notfalls abhaken als ein Stück Geschichte, das sich nicht mehr ändern lässt. Die Weigerung Erdogans jedoch, wenigstens heute eine historische Verantwortung anzunehmen, stößt vielen in den USA übel auf.

Hinzu kommen die aktuellen Schwierigkeiten Erdogans im korrekten Umgang mit Frauen. Ausführlich berichteten US-Medien über den „chair incident“, als Erdogan in seinem Palast zwar einen Stuhl für EU-Ratspräsident Charles Michel bereit hielt, aber nicht für EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Der Vorgang schaffte es am heutigen Dienstag erneut auf die Startseite von CNN, nachdem von der Leyen im Europaparlament von einem Beispiel für Sexismus gesprochen hatte.

Ungnädig hielten amerikanische Medien in den vergangenen Tagen auch den Ausstieg der Türkei aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen fest, teils ergänzt durch Reportagen über Gewalt gegen Frauen in der Türkei.

DEEP DIVE: Mehr Menschen, mehr Macht

Die Daten der jüngsten amerikanischen Volkszählung sind eingetroffen – und werden einmal mehr auch die Machtverhältnisse im Kongress beeinflussen: Wo mehr Menschen sind, werden nach dem amerikanischen Wahlrecht auch mehr Abgeordnete ins Repräsentantenhaus entsandt.

Auswirkung der jüngsten Volkszählung: Sechs Staaten gewinnen, sieben Staaten verlieren Sitze im US-Repräsentantenhaus. © Quelle: US Census Bureau

Ein Trend, der schon seit Jahrzehnten läuft, setzt sich nun fort: Die alten Zentren politischer Macht im Nordosten verlieren an Einfluss, etwa der Industriegürtel von New York bis Chicago. Zu den Gewinnern gehören dagegen der Sun Belt im Süden, Texas vorneweg, sowie das erstaunlich schnell wachsende Oregon hoch im Nordwesten.

Kalifornien indessen, der bevölkerungsreichste Bundesstaat, stößt erstmals an Grenzen des Wachstums. Auch in New York geht es sanft abwärts, der Bundesstaat wird ins künftige Repräsentantenhaus nur noch 26 Abgeordnete entsenden, weniger denn je.

Am Dienstag kursierten auch erste parteipolitische Deutungen – mit denen man aber vorsichtig sein muss. Dass zum Beispiel Texas demografische Zugewinne hat, muss am Ende nicht zwingend den dort dominierenden Republikanern nützen. Vielerorts wachsen die zu den Demokraten tendierenden ethnisch diversen Vororte am stärksten.

WAY OF LIFE: Asiatische Frau in neuer Rolle

Der Oscar für Chloé Zhao („Nomadland“) markiert aus Sicht asiatischstämmiger Amerikanerinnen auch identitätspolitisch einen überfälligen Durchbruch: Mit Zhao, in Peking geboren, trete die asiatische Frau in neuer Rolle auf die amerikanische Bühne: als Handelnde, als Steuernde – nicht als Objekt männlicher Begierde.

Die Asiatin als Handelnde, Steuernde: Chloé Zhao („Nomadland“) gewann in diesem Jahr den Oscar für die beste Regie. © Quelle: Richard Shotwell/Invision/AP/dpa

Hollywood habe jahrzehntelang asiatische Frauen als exotische Fantasie behandelt und als Fetisch, schreibt Nancy Wang Yuen, Soziologin an der kalifornischen Biola University und Autorin von „Reel Inequality: Hollywood Actors and Racism“.

Bemerkenswert sei, dass Zhao jetzt in einer Zeit zunehmenden antiasiatischen Hasses gefeiert wird. In den USA wurden laut der Organisation Stop AAPI Hate zwischen März 2020 und Ende Februar 2021 fast 3.800 Hassvorfälle gemeldet. „Zhaos Sieg“, freut sich die in Taiwan geborene Soziologin, „erinnert Hollywood daran, dass weiße Männer nicht die einzigen Geschichtenerzähler sind, die es wert sind, gefeiert zu werden.“

LATE NIGHT: Klimaschutz? Moment mal.

Die anderen Länder waren ja bei diesem Klimagipfel ein bisschen misstrauisch. Die haben gestutzt und zu den Amerikanern in der Videoschalte gesagt: „Moment mal. Wart ihr nicht im letzten Jahr die Jungs, die gesagt haben, Klimawandel gibt es gar nicht … Hallo? Mit welchem Amerika sprechen wir gerade?

Jimmy Kimmel, in der ABC-Show „Jimmy Kimmel live"

Der nächste USA-Newsletter erscheint am 4. Mai. Bis dahin – stay cool!

Ihr Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

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