Jimmy Carter - der Anti-Trump: Einst verlacht, nun Kultfigur

  • In seiner Amtszeit im Weißen Haus war der ehemalige Erdnussfarmer Jimmy Carter nicht sonderlich erfolgreich.
  • Doch in der Ära Trump hat der bescheidene Menschenfreund regelrechten Kultstatus erlangt.
  • Nach mehreren Stürzen bangen seine Anhänger nun um das Leben des 95-Jährigen.
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Washington. Eigentlich sollte er am nächsten Sonntag wieder predigen, wie alle zwei Wochen, wenn das Örtchen Plains rund zweieinhalb Autostunden südlich von Atlanta regelmäßig aus seinem Dämmerzustand gerissen wird. Dann fallen mehrere Hundert Besucher aus den ganzen USA ein, um dem Diakon der Maranatha Baptist Church bei der Bibelexegese zuzuhören. Der 95-Jährige sitzt hinter einem Pult und trägt eine Cowboy-Krawatte zum ausgebeulten Sakko. Wenn man es nicht wüsste, würde man kaum glauben, dass Jimmy Carter einmal US-Präsident war.

Nun hat der Pfarrer die gerade mal 30 Mitglieder zählende Gemeinde um Gebete für den prominenten Glaubensbruder gebeten. Am Montag ist Carter nach einer Hirnblutung ins Krankenhaus gekommen. Am Dienstag wurde er operiert. Es ist nicht der erste Hospitalaufenthalt für den Ex-Politiker: Im Mai wurde ihm nach einem Sturz eine neue Hüfte eingesetzt. Anfang Oktober musste er nach einem Sturz am Auge genäht und Ende Oktober wegen eines leichten Beckenbruchs verarztet werden. Stets zeigte er sich kurz darauf wieder gut gelaunt in der Öffentlichkeit. Doch die „Sunday School“ an diesem Sonntag wird er nicht halten können.

Die eigentliche Karriere begann nach dem Ausscheiden aus dem Amt

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Fast vier Jahrzehnte ist es her, dass Jimmy Carter 1981 nach nur einer Amtszeit aus dem Weißen Haus ausscheiden musste. In Europa wurde der Erdnussfarmer auf dem Präsidentenstuhl früh verlacht. Doch auch in den USA gilt die politische Bilanz des Demokraten als bestenfalls durchwachsen: Das Washingtoner Parkett war ihm nicht vertraut, in der Ölpreiskrise wirkte er hilflos, und es gelang ihm nicht, die für Amerika demütigende Geiselnahme in der Teheraner Botschaft zu beenden. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt begann er eine neue Karriere: Carter schrieb 33 Bücher, engagierte sich als Vermittler in internationalen Konflikten und gründete ein Zentrum für Menschenrechte. Im Jahr 2002 bekam er den Friedensnobelpreis. Zur regelrechten Kultfigur aber ist der 39. Präsident der USA geworden, seit Donald Trump das höchste Amt in Washington bekleidet.

Der deutlich jüngere Jimmy Carter freut sich während einer Pressekonferenz über seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Manchester. © Quelle: imago images/UPI Photo

„Waren Sie zu nett als Präsident? Will Amerika lieber einen Idioten?“, fragte der Late-Night-Talker Stephen Colbert im vergangenen Jahr seinen Studiogast. „Offensichtlich“, lachte Carter. „Ich hatte das bisher eigentlich nicht geglaubt.“ Ein größerer Kontrast als der zwischen dem tiefreligiösen Farmersohn aus dem tiefen Süden der USA und dem in windige Geschäfte und außereheliche Affären verwickelten Baulöwen aus New York ist kaum vorstellbar.

Die „Jimmy Carter Peanut of Plains Statue“, eine vier Meter hohe grinsende Erdnuss aus Draht und Holz, erinnert noch heute unweit der Maranatha-Kirche an die bescheidene Herkunft des Ex-Präsidenten: Von seinem Vater hatte er eine Erdnussfarm geerbt, die während seiner Amtszeit pleite ging und verkauft werden musste.

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Carter lebt in einem 170.000-Dollar-Häuschen

Seit dem Auszug aus dem Weißen Haus lebt Carter mit seiner Frau Rosalynn von der Pension und seinen Bucheinnahmen in einem bescheidenen 170.000-Dollar-Haus in seinem Geburtsort Plains. Er engagiert sich für soziale Wohnbauprojekte und geht bei der Billig-Supermarktkette Dollar General einkaufen. Wenn er redet, spricht er über Menschenrechte, Frieden und Moral – und natürlich Gott. Mit seinem freundlichen Lächeln und seiner Bescheidenheit wirkt er wie die Verkörperung des anständigen Amerikas.

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Seit bei ihm 2015 Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde, dem er zäh und mit demonstrativem Optimismus die Stirn bot, ist sein Nimbus noch gewachsen. Carter ist ein Menschenfreund – ganz anders als der aktuelle Amtsinhaber.

Mit leicht zerzaustem Haar saß der Prediger vor zehn Tagen vorne in der überfüllten Maranatha Baptist Church. Seine Stimme wirkte heiser, seine Augen etwas trüb, aber sein Geist war klar. Nach der Krebsdiagnose vor vier Jahren habe er damit gerechnet, bald zu sterben, berichtete Carter, der inzwischen das höchste Lebensalter aller US-Präsidenten in der Geschichte erreicht hat: „Ich habe Gott nicht darum gebeten, mich am Leben zu lassen.“ Aber, setzte er hinzu, er habe schon damals festgestellt, „dass ich mit dem Tod ganz und gar im Reinen bin“.