Jens Spahn: In Lauerstellung hinter AKK und Merz

  • Vor dem CDU-Parteitag hat Friedrich Merz den offenen Kampf um die Kanzlerkandidatur begonnen, Parteichefin Kramp-Karrenbauer steht unter Druck.
  • Am Ende könnten beide verlieren.
  • Im Hintergrund wartet einer, der sich als eifriger Gesundheitsminister gerade noch einmal neu erfindet: Jens Spahn.
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Berlin. Der Einmarsch in die Parteitagshalle ist der Tunnel, durch den jeder Spitzenpolitiker geht; an dessen Ende leuchtet die Bühne, aber auf dem Weg dahin verschwimmt alles: Fähnchen, Jubel, Gesichter, Hände. Der Politiker lächelt zurück, greift die Hände. Denn hinter jedem Gesicht könnte sich ein Mensch verstecken, den man kennt. Ein vergessener Weggefährte von früher, ein Parteifreund, dem man einst einen Gefallen getan hat oder noch einen schuldet. Jede Hand zählt auf dem Weg nach oben.

Neumünster, der vergangene Samstagnachmittag. Die CDU Schleswig-Holstein hat zum Landesparteitag geladen, vor den Holstenhallen stoppt im Regen der schwarze Audi A8 des Mannes, der anscheinend auch immer auf dem Weg nach oben ist. Die Tür öffnet sich, Jens Spahn steigt aus. Er sortiert sich, schließt sein Sakko, begrüßt Gastgeber Daniel Günther. Ein freundliches Wort, dann folgt der Tunnel. Schritte, lächeln, Hände. Schritte, lächeln, Hände.

Im Gang wartet Hans-Peter Küchenmeister. Spahn und ihn verbindet eine Geschichte, sie ist fast 20 Jahre alt. Küchenmeister war einst Vorsitzender der Bundesgesundheitskommission des Mittelstandskreises MIT, Spahn mit Anfang 20 sein Stellvertreter. „Ich hab ihn damals aus einem Ausschuss geschoben“, sagt Küchenmeister. „Mal sehen, ob er mich noch erkennt.“

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Aus Jens Spahn ist einer der wichtigsten Politiker des Landes geworden

Dann nähert sich Spahn, rauscht heran, das Licht der Kamerateams in seinem Gesicht. Kurz vor Küchenmeister streckt sich Spahn die Hand eines weiteren Parteifreundes entgegen, Spahn ergreift sie, sagt einen Satz, lässt wieder los – und läuft vorbei ins Licht auf die Bühne. Applaus brandet auf. Küchenmeister bleibt zurück.

Jens Spahn läuft durch viele Tunnel in diesen Wochen und Monaten, er ist mittlerweile längst mehr als jemand, der auf dem Weg nach oben ist. Aus dem jungen Abgeordneten, den Küchenmeister einst aus einem Fachausschuss geschoben hat, ist einer der wichtigsten Politiker des Landes geworden.

Spahn, 39, blickt auf eines der erfolgreichsten Jahre seiner Karriere zurück, das mit einer Niederlage begann. Im Dreikampf um den CDU-Vorsitz im vergangenen Dezember unterlag er Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz, er musste sich einreihen. Platz drei. Aber er hielt eine gute Rede und verlor als Sportsmann. Es brachte ihm viele Sympathien ein.

Vom lauten Karrieristen zum fleißigen Arbeiter

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Danach wandelte er sich noch einmal. Aus dem lauten Karrieristen der Vorjahre wurde ein fleißiger Arbeiter im Gesundheitsministerium. Statt über Burkaverbote sprach er über Pflegereformen, Gesundheitsakten und Impfprogramme. Seine Zwischenbilanzen konnten sich sehen lassen. 16 Gesetze in 16 Monaten. Dann 18 Gesetze in 18 Monaten. Spahn, das stellt selbst Koalitionspartner SPD nicht infrage, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Minister der großen Koalition.

Und während auf dem ersten Platz in der CDU-Hierarchie Annegret Kramp-Karrenbauer Fehler machte und Friedrich Merz mit zu viel öffentlicher Kritik Zuspruch verlor, wurde für Spahn die Position als dritter Mann immer komfortabler.

Wenn an diesem Freitag die CDU zu ihrem Parteitag zusammenkommt, dann wird Spahn eine Nebenrolle spielen. Er wird zuschauen, wie sich Kramp-Karrenbauer schlägt, die angeschlagene Chefin. Und er wird verfolgen, wie Friedrich Merz seinen Angriff auf die Vorsitzende inszeniert.

Wird Spahn nach dem toxischen Wettstreit zwischen AKK und Merz der lachende Dritte?

Kramp-Karrenbauer und Merz stehen in einem toxischen Wettstreit miteinander, der beide womöglich am Ende verlieren lässt. Und gerade deshalb glauben viele in der Union mittlerweile, dass die Namen derer, die die nächste Unionskanzlerkandidatur unter sich ausmachen, längst nicht mehr Kramp-Karrenbauer und Merz sind. Sondern dass es der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und der ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen stammende Spahn unter sich entscheiden.

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Zurück in Neumünster, ins Licht, auf die Bühne. Spahn spricht über sein Lieblingsthema in diesen Monaten – über die Pflege. Aber er bleibt nicht dabei. „Google weiß bald mehr über Sie als Ihr Partner“, sagt Spahn und holt damit langsam aus, um von den Gesundheitsthemen zur Digitalisierung überzugehen und von dort zur Zukunft. Die Rede funktioniert. Am Ende brandet lauter Applaus auf. Auch der frühere Konkurrent Küchenmeister ist überzeugt. „Das kann er“, ruft Küchenmeister.

Natürlich will auch der fleißige Minister Spahn nicht immer nur Gesundheitspolitiker sein. Er kennt sich aus in seinem Fachbereich, aber als er 2015 von Wolfgang Schäuble zum Finanzstaatssekretär gemacht wurde, war das für Spahn auch die Gelegenheit, sich endlich auch um andere Themen kümmern zu können. Es hatte deshalb auch etwas Gemeines, dass Kanzlerin Angela Merkel ihn 2018 zum Gesundheitsminister machte. Eine Beförderung, einerseits. Doch auch ein Schritt zurück ins Fachgebiet, aus dem er sich zuvor endlich befreit hatte.

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Revolte gegen Kramp-Karrenbauer beim CDU-Parteitag?
1:37 min
Vor dem CDU-Parteitag heizt sich die Stimmung zwischen AKK und Friedrich Merz auf.  © Gordon Repinski/dpa

Spahn ist lernfähiger als andere Politiker

Doch Spahn ist lernfähiger als andere Politiker. Er nahm die Aufgabe an, wurde geduldiger. Arbeitete seine Gesetze ab, reformierte die Pflege, setzte eine Impfpflicht gegen Masern durch. Und verlor natürlich dennoch nie aus dem Auge, sich auch um andere Themen zu kümmern. Aber er tat es geschmeidiger als früher. Statt mit plumpen Zitaten agierte er im Hintergrund.

Spahn baut in Berlin an seinen Netzwerken, die längst über die Fachpolitik hinausgehen. Gemeinsam mit seinem Ehemann Daniel Funke organisiert er politische Themenabende bei sich, mal geht es um Sicherheitspolitik, mal um Migration. Parteifreunde kommen, aber auch Oppositionsvertreter oder Wissenschaftler.

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Es ist ein Netzwerk der Berliner Politikgesellschaft, wie es kaum ein anderer in der Hauptstadt pflegt: aufstrebend und machtbewusst, offen und divers. Und womöglich, im richtigen Moment, für Jens Spahn auch einmal nützlich.

Gerade für Spahn, der in der Union keine echte Hausmacht besitzt. Sein Landesverband Nordrhein-Westfalen wird geführt von Armin Laschet, ein Konkurrent von früher, mit dem Spahn sich mittlerweile ausgesprochen und einen Nichtangriffspakt geschlossen hat. Manch älterem Parteimitglied ist Spahn noch immer zu schneidig und jung.

Und auch die Sympathien der Jungen Union muss er sich teilen, denn nirgendwo sonst funktioniert Friedrich Merz besser als Projektionsfläche für die Hoffnung auf eine zwar am Gestern angelehnte, aber doch bessere Zukunft. In der CSU hat Spahn viele Unterstützer. Doch in der Frage einer Kanzlerkandidatur hilft das womöglich wenig.

Ein Dreigespann: Spahn und seine engsten Freunde

Spahns enge politische Freunde sind Carsten Linnemann und Paul Ziemiak. Mit den beiden verbinden ihn Generation, Landesverband und konservative Grundhaltung. Doch als es im vergangenen Jahr um die Parteispitze ging, standen auch diese Verbindungen unter Spannung. Linnemanns Wirtschaftsflügel schlug sich auf die Seite von Friedrich Merz, Ziemiak lief zu Kramp-Karrenbauer über und wurde mit dem Generalsekretärsposten belohnt. Immerhin: Die politische Freundschaft der drei hat auch diese Phase überstanden.

Und so spielt Spahn weiter auf Zeit. Und wird staatsmännischer. Er weiß, dass die Zeiten schwerer vorhersagbar geworden sind – in zwölf Monaten kann die Welt der CDU schon wieder eine andere sein. Im britischen „Guardian“ pries er jüngst die Bedeutung von Migration für die Pflege. In der „Frankfurter Neuen Presse“ schrieb er über Konservative als Bollwerk gegen Extremismus. Und in Neumünster lobt er am Ende seiner Rede demonstrativ die prägenden Figuren der CDU in den vergangenen Jahrzehnten: „Adenauer, Kohl – Angela Merkel.“

Schließen sich Laschet und Spahn zusammen?

Als er „Angela Merkel“ sagt, betont er den Namen etwas anders, die Stimme fällt nach hinten ein wenig ab. Es ist außergewöhnlich in diesen Wochen, wenn ein Konservativer Merkels Dienst an der CDU lobt. Spahn tut es, weil es hier im Norden populär ist. Aber auch, weil es scheint, als wolle er vom konservativen Flügel einen Schritt weiter in Richtung der Mitte der Partei gehen. Er weiß, dass dies noch immer der beste Ort für einen Kanzlerkandidaten ist. Wann auch immer es so weit ist.

Am Ende, das weiß auch Spahn, wird ein starkes Bündnis zwischen zwei der Kontrahenten entscheiden, wer die Kanzlerkandidatur übernehmen kann. Merz gilt in der Partei als nicht bündnisfähig und unverlässlich. Womöglich sind es am Ende Laschet und Spahn, die sich zusammenschließen und die Zukunft der Partei unter sich ausmachen.

Nach der Rede in Neumünster fällt Spahn auf den Rücksitz seines Dienstwagens. Er greift nach einem Desinfektionsmittel, reibt sich die Hände ein, lehnt sich zurück. Viele Hände zu schütteln bedeutet, viele Bakterien zu transportieren. Wer sollte das besser wissen als der Gesundheitsminister?

In der Halle blieb Hans-Peter Küchenmeister zurück, ohne Wort, ohne Gruß. Wie findet er den Konkurrenten von früher mittlerweile? „Er macht einen großartigen Job“, sagt Küchenmeister.

Und, könnte er auch Kanzlerkandidat sein? „Er ist sicher einer der absoluten Topleute“, weicht Küchenmeister aus. Er will sich nicht entscheiden. Spahn muss ihn noch überzeugen. Aber etwas Zeit bleibt auch noch.

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