• Startseite
  • Politik
  • Jens Spahn als Krisenmanager: Erst omnipräsent jetzt abgelöst und kritisiert

Jens Spahn - Krisenmanager mit offenen Aufgaben

  • Zu Beginn der Corona-Krise beherrschte Gesundheitsminister Spahn die Schlagzeilen.
  • Er war omnipräsent und wurde mehrfach von Merkel gelobt.
  • Doch inzwischen haben andere die Krisenkommunikation der Regierung übernommen.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Wenn Politiker Tatkraft zeigen wollen, lassen sie von ihren Beratern einen Termin vor Ort organisieren, bei dem vor Dutzenden Kameras die Erfolge der eigenen Arbeit präsentiert werden. Doch als Jens Spahn am vergangenen Freitag das Logistikunternehmens Fiege in Apfelstädt besucht, geht die Sache nach hinten los.

Vor Millionen Zuschauern rechnet wenige Stunden später der Kommentator der ARD-“Tagesthemen” mit dem Gesundheitsminister ab. Spahn solle jetzt endlich dafür sorgen, dass es genügend Schutzkleidung gebe. Ansonsten müssten das Pfleger und Ärzte “mit ihrem Leben bezahlen”, wettert der Redakteur und kritisiert Spahn scharf: Was die Mitarbeiter im Gesundheitswesen nun gar nicht brauchten, sei ein “Gesundheitsminister beim Schaulaufen in einem Lager für Schutzmasken”.

Video
Spahn: Beschränkungen „über viele, viele Monate“
1:16 min
Während Spahn langanhaltende Einschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie ankündigte, mache Altmaier ein bisschen Hoffnung.  © Reuters
Anzeige

+++Immer aktuell: Hier geht’s zum Corona-Liveblog+++

Bei Facebook und Twitter schlagen daraufhin viele Betroffene in die gleiche Kerbe. Wenig später kann man im Internet einen eher untypischen Spahn erleben. In einem Video, in dem der CDU-Mann eingesandte Fragen von Bürgern beantwortet, klingt er nicht mehr wie der selbstsichere Minister, der vorgibt, alles im Griff zu haben. Bei einer Frage zu den fehlenden Schutzmasken faltet er die Hände und sagt fast flehentlich: “Daran arbeite ich, das könnt ihr mir echt glauben, Tag und Nacht.”

Spahn war zu Beginn der Krise omnipräsent

Wo ist er hin, der Minister, der am Anfang der Krise die Schlagzeilen beherrschte, weil er offenbar als einziges Regierungsmitglied die Tragweite der Geschehnisse erfasst hatte? Spahn war omnipräsent, warnte in eindringlichen Worten vor der Pandemie, klärte auf und fing vor allen anderen Regierungsmitgliedern an, Vorbereitungen für eine Zuspitzung der Lage zu treffen. Spahn mache einen tollen Job, lobte Kanzlerin Angela Merkel mehrfach. Spahns Umfragewerte gingen durch die Decke.

Anzeige

Doch mittlerweile haben Merkel und Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD) die Krisenkommunikation der Regierung übernommen. Spahn ist in der Bevölkerung hingegen nur noch als der Minister in Erinnerung, der versprochen hatte, sich um Schutzausrüstung zu kümmern. Doch das kommt nur sehr schleppend voran. Sein Plan, die Beschaffung zentral über den Bund zu organisieren, hat bisher jedenfalls nur wenige Früchte getragen. “Vom Bund kommt kaum etwas. Was wir haben, haben wir uns selbst organisiert”, heißt es in mehreren Bundesländern.

Video
Merkel: Beschränkungen bleiben auf jeden Fall bis 19. April
1:56 min
Die Bundeskanzlerin sagte zudem, dass die Europäische Union (EU) durch die Virus-Krise vor der größten Bewährungsprobe seit ihrer Gründung stehe.  © Reuters
Anzeige

Angesichts der Wildwest-Zustände auf dem internationalen Markt für Schutzkleidung wäre es unfair, Spahn daran die alleinige Schuld zu geben. Doch offensichtlich ist, dass das vergleichsweise kleine Gesundheitsministerium mit der Aufgabe überfordert ist. Die Regierung hätte viel früher die Beschaffung und den Aufbau einer nationalen Produktion zur Top-Priorität erklären müssen

Spahn wird gleichfalls dafür verantwortlich gemacht, dass es bereits zu zahlreichen Todesfällen in Pflegeheimen gekommen ist. Es fehlten Schutzkonzepte, so der Vorwurf. Tatsächlich ist die Pflege aber weitgehend Sache der Länder, die überwiegend kopflos agieren: Die verhängten Aufnahmestopps sorgen dafür, dass Pflegebedürftige, die eigentlich in ein Heim müssten, dringend benötigte Krankenhausbetten belegen.

Bundeseinheitliche Strategie für die Pflege? Fehlanzeige bislang

Spahns Aufgabe wäre es gewesen, mit den Ländern eine bundesweit einheitliche Strategie zu entwickeln und auch durchzusetzen – zumal sich alle Experten einig sind, dass die Pflegebedürftigen zur Höchstrisikogruppe gehören. Sie müssen daher auch im Mittelpunkt aller Überlegungen darüber stehen, wie ein Ausstieg aus dem “Shutdown” organisiert werden kann. Konzepte dafür? Bisher Fehlanzeige.

Im Gegensatz zur Pflege ist bei den Krankenhäusern der Umstieg in den Krisenmodus gelungen, denn hier hat Spahn dank früher Zusagen und einer raschen Gesetzgebung die nötigen Grundlagen und Anreize geschaffen: Die Zahl der Intensivbetten ist mittlerweile von 28.000 auf 40.000 gestiegen, die der Beatmungsplätze von 20.000 auf 30.000.

Anzeige

Wie erfolgreich die von Spahn zu Recht geforderte Strategie ist, das normale Klinikgeschäft herunterzufahren, zeigt eine auf den ersten Blick paradoxe Entwicklung: Einige Krankenhäuser haben nun so wenig zu tun, dass sie ihr Personal in Kurzarbeit schicken, bis die Pandemie voll zuschlägt. “Verrückt, dass wir uns einmal darüber freuen, Kurzarbeit ausgelöst zu haben”, heißt es dazu im Ministerium.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

RND

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen