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  • Italien besiegt England im EM Finale - warum das Land nicht nur im Fußball gerade einen Lauf hat

Europas neuer Spielmacher – Italien ist wieder da

  • Italien jubelt, denn nach einem langen dunklen Jahr reiht sich derzeit ein Erfolg an den anderen, nicht nur im Fußball.
  • Das einstige Krisenland avanciert dank Regierungschef Mario Draghi auch zu einer zentralen Kraft in der EU.
  • Woraus schöpft das Bel Paese diese neue Stärke?
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London/Rom. Ein Land im Glückstaumel: „Was für eine Nacht. Was für ein Fest. Endlich wieder ausgelassene Fröhlichkeit und schöne Gedanken. Wir haben das verdient: diesen EM-Titel und auch den ganzen Rest. Es ist wunderschön, Italiener zu sein.“

So kommentierte gestern der „Corriere della Sera“ den Finalsieg der Azzurri im Wembley-Stadion. Der Erfolg, so das Mailänder Blatt, sei „der Beweis, dass wir noch gewinnen und glücklich sein können – und er gibt uns die süße Gewissheit, einig und stark zu sein“.

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Nervenkrimi im Elfmeterschießen: Italien ist Europameister
1:24 min
Es war das erste Finale, das seit 1976 im Elfmeterschießen entschieden wurde – Italien entschied das Spiel mit 4:3 für sich.  © Reuters
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Das ist vielleicht etwas blumig ausgedrückt, aber es bringt die Sache auf den Punkt: Für alle Tifosi und auch für die weniger fußballbegeisterten Italiener wirkt der EM-Titel wie eine Erlösung. Das Bel Paese erwacht aus einem doppelten Albtraum.

Nach der demütigenden Nicht-Qualifikation des vierfachen Weltmeisters für die WM 2018 und nach den verheerenden Auswirkungen der Pandemie mit 128.000 Toten ist die Fußballschmach überwunden – und Millionen Italiener sind in der denkwürdigen, lauen Sommernacht von Sonntag auf Montag zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Krise auf Straßen und Plätze geströmt, um miteinander zu feiern.

Gemeinschaft in der Not

„I campioni d’Europa siamo noi“, wir sind die Champions von Europa, stimmten die Tifosi immer wieder an. Und es stimmt in mehr als einer Beziehung. Italien hat derzeit einen Lauf. Woran liegt’s?

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Der Sieg von Trainer Roberto Mancinis Mannschaft ist nicht der einzige Erfolg, den Italien in den letzten Monaten verbuchen konnte. Am gleichen Tag, an dem die Azzurri den EM-Titel holten, stand Matteo Berrettini im Finale von Wimbledon, als erster Italiener in der Geschichte des prestigereichsten Tennisturniers der Welt.

Der 25-jährige Römer verlor zwar, aber auch im Tennis ist das Land auf dem Weg, eine Macht zu werden. Für Furore sorgte unlängst auch die römische Band Maneskin, als sie den Eurovision Song Contest gewann. Und politisch läuft es auch wieder rund.

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Einig sind wir stark: Das ist das Erfolgsrezept von Roberto Mancini, dessen Mannschaft mit Teamgeist und Offensivspiel in den letzten Wochen ganz Europa verzückte und den italienischen Fußball aus dem Tal der Tränen führte. Das Gleiche gilt für die Corona-Krise.

Die Pandemie hat die Italiener zusammenrücken lassen: Sie musizierten auf den Balkonen und sangen dem medizinischen Personal und vor allem sich selbst Mut zu. „Andrà tutto bene“ – alles wird gut. Die Pandemie und mit ihr das Leid und die Angst, das spürten die Italiener, wird man nur gemeinsam bewältigen. Sich in Demütigung und Not als Gemeinschaft zu sehen, da wurde der Fußball in diesen Tagen zum Spiegel der Gesellschaft wie nie zuvor.

Brüssel setzt wieder auf Rom

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Mancinis Mannen wie die Musikanten auf den Balkonen finden ihr Pendant in der Politik. Im Februar dieses Jahres, auf dem zweiten Höhepunkt der Pandemie, wurde in Rom die Regierung der nationalen Einheit unter Mario Draghi aus der Taufe gehoben.

Der neue Ministerpräsident und frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) verhält sich ähnlich wie Mancini: Er vertraut seiner Ministerriege und duldet keine Profilierungsversuche und Alleingänge in der heterogenen Koalition, die ihn unterstützt. Dank Draghis Autorität ist selbst ein Italexit-Prophet wie Lega-Chef Matteo Salvini in kürzester Zeit handzahm und – zumindest sagt er das – zu einem Befürworter der Einheitswährung geworden.

Mit „Super-Mario“ Draghi ist Italien auf die internationale Bühne zurückgekehrt. Rom ist wieder ein zuverlässiger Partner für Brüssel. Und umgekehrt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die vom Rest Europas so geliebten wie belächelten Italiener die großen Favoriten der europäischen Fußballfans wurden. Sogar die chronisch kritischen Deutschen wollten sie als Meister vom Platz gehen sehen. Das ist in Italien sehr wohl registriert worden.

Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi (v. l.) empfängt die neuen Fußball-Europameister um Trainer Roberto Mancini, Kapitän Giorgio Chiellini, Ex-Weltmeister Gabriele Oriali sowie Verteidiger Leonardo Bonucci. © Quelle: imago images/LaPresse

Selbst seine Kritiker in Brüssel müssen einräumen: Regierungschef Draghi entwickelt sich zu einer europäischen Führungsfigur. Wenn bald Angela Merkel nicht mehr Bundeskanzlerin ist und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron um seine Wiederwahl kämpft, könnte die Stunde des früheren EZB-Präsidenten schlagen, heißt es im EU-Betrieb.

EU-Hilfsmilliarden bieten einmalige Chance für Italien

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Die in Aussicht gestellten 209 Milliarden Euro an Hilfen und Krediten aus dem EU-Wiederaufbaufonds sind für das Land eine einmalige Gelegenheit, sich zu modernisieren und die seit Jahrzehnten stagnierende Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen. Der Finanzfachmann Draghi gilt in Brüssel als Garant dafür, dass die Milliarden sinnvoll eingesetzt und nicht in dunklen Kanälen versickern werden. Der Entwurf seines Vorgängers Giuseppe Conte hatte in der EU-Zentrale noch die schlimmsten Befürchtungen wachgerufen.

Es sei schon bemerkenswert, sagt Michael Gahler, CDU-Außenpolitiker im Europaparlament. Draghi habe als EZB-Präsident jahrelang genau jene Reformen gepredigt, die er jetzt als Ministerpräsident umsetzen müsse. „Ich traue Draghi zu, dass er das schafft“, sagt Gahler.

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Brüssel weiß, dass Draghi im Zweifel zum Alleingang bereit ist, wenn die EU zu langsam vorgeht. Als Anfang März die Impfstofflieferung innerhalb der EU noch gewaltig stockte, verhängte er kurzerhand einen Exportstopp von 250.000 Astrazeneca-Dosen, die aus Italien nach Australien gehen sollten.

Das war für beide Seiten von Vorteil. Draghi ließ sich zu Hause dafür feiern. Und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte einen Verbündeten für den Mechanismus gewonnen, mit dem sie den unkontrollierten Export von Corona-Impfstoffen verhindern wollte.

Mit der „Militarisierung“ der Impfkampagne unter einem General der Streitkräfte hatte Draghi schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit die Weichen gestellt, um die Pandemie hinter sich zu lassen: Inzwischen ist die Herdenimmunität in Griffweite gerückt, die Fallzahlen sind niedrig wie seit dem letztem Herbst nicht mehr.

Im Zweifel auch mal autoritär

Auch die Modernisierung des Landes läuft – für italienische Verhältnisse – auf Hochtouren. Letzte Woche hat die Regierung eine Justizreform beschlossen, mit welcher die Dauer der Prozesse deutlich verkürzt werden soll. Die „Schneckenjustiz“ ist, neben der wuchernden Bürokratie, eine der schlimmsten Plagen des Landes.

Etlichen Parteien gefällt die Vorlage nicht, aber in solchen Fällen kann Draghi auch autoritär werden: Er erwarte, dass das Parlament die Reform unverändert durchwinke, ließ er die Parteien wissen. Für den Fall, dass sie verwässert werden sollte, soll er sogar mit seinem sofortigen Rücktritt gedroht haben. Den populären Premier zu Fall zu bringen und damit die EU-Hilfen zu gefährden, kann sich keine Partei leisten.

Für die neue Nähe zwischen Europa und Rom sorgt womöglich auch Draghis Entscheidung in der umstrittenen Frage, ob die gemeinsame Schuldenaufnahme in der EU eine einmalige Sache bleiben oder irgendwie institutionalisiert werden sollte. Draghi will, dass sich die EU auch in Zukunft Geld leihen kann.

Zu Hause bringt das Punkte, auch von der Leyen dürfte nichts dagegen haben. Ob sich die Knauserigen unter den EU-Staaten überzeugen lassen, wird davon abhängen, ob Draghi demnächst wirklich zu einer Führungsfigur in der EU avanciert. Europa weiß jedenfalls, was es an seinem Mann in Rom hat.

Im Frühjahr 2023 stehen Neuwahlen an

Allerdings: Im Unterschied zu Mancinis Mannschaft, die auch für die kommende WM in Katar bestens gerüstet scheint, sind die politischen Perspektiven Italiens langfristig doch eher ungewiss. Fest steht lediglich, dass schon im Frühjahr 2023 Neuwahlen anstehen und dass der nächste Regierungschef danach mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr Mario Draghi heißen wird.

Allen Umfragen zufolge werden die rechtspopulistische Lega von Salvini und die rechtsnationalen Fratelli d’Italia der Postfaschistin Giorgia Meloni die Wahlen gewinnen, notfalls mit der Unterstützung der Forza Italia des mehrfachen Ex-Premiers Silvio Berlusconi. Mit der europapolitischen Verlässlichkeit und dem Reformeifer könnte es dann schnell vorbei sein.

Zwanzig Monate zur Modernisierung des als beinahe nicht reformierbar geltenden Italien sind an sich schon reichlich knapp. Es gibt aber auch noch ein ungünstigeres Szenario: Ende Januar 2022 läuft die siebenjährige Amtszeit von Staatspräsident Sergio Mattarella ab – und im Rechtslager werden Pläne geschmiedet, Draghi an dessen Stelle in den Quirinalspalast zu wählen, den Amtssitz des Staatsoberhaupts.

Salvini hat bereits erklärt, dass er einen Kandidaten Draghi bei der Nachfolgewahl für Mattarella unterstützen würde. Der Lega-Chef könnte damit den Weg zu seinem erklärten Ziel, selbst Regierungschef zu werden, um mehr als ein Jahr abkürzen. Dass Draghis Reformen auf diese Weise auf halbem Weg stecken blieben, dürfte ihn wenig kümmern.

Derartige Gedanken hatten gestern im Freudentaumel freilich keinen Platz, auch nicht bei Mattarella selbst. Er hatte das EM-Finale und den Sieg der Azzurri auf der Ehrentribüne mitverfolgt. Der bald 80-jährige Präsident, normalerweise die coole italienische Variante britischen Understatements, riss beim Ausgleichstor von Bonucci jubelnd die Arme hoch, und später, bei der Siegerehrung nach dem Elfmeterschießen, spendete er der Mannschaft und ihrem Trainer eine minutenlange, bewegende Standing Ovation.

Am Montagnachmittag empfing er die neuen Helden der Nation zusammen mit Mario Draghi im Quirinalspalast. Für Mattarella, dessen Bruder von der Mafia erschossen worden war und der das politisch instabile Italien mit sicherer Hand durch vier Regierungskrisen geführt hat, war es sichtbar einer der schönsten und vor allem unbeschwertesten Momente seiner Amtszeit.

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