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  • Israel als Vorreiter in der Pandemie: Dieser Mann steckt dahinter

Israels Corona-Zar: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“

  • Bekommt die Menschheit früher oder später ihr altes Leben zurück?
  • Israels oberster Corona-Bekämpfer Salman Zarka äußert sich im Gespräch mit dem RND vorsichtig optimistisch: „Das Virus wird uns nicht auf Dauer stoppen.“
  • Wachsamkeit allerdings, mahnt der frühere Armeearzt, bleibe auch in Zukunft gefragt: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“
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Die Pandemie hat ihn zum Star gemacht, zu einem Weltstar sogar. Salman Zarka (58), der Corona-Beauftragte der israelischen Regierung, ist derzeit als Gesprächspartner von Medien rund um den Globus gefragter als Israels Premierminister.

Das Interesse an dem Fachmann hat gute Gründe. Israel lag seit Beginn der Corona-Krise immer wieder weltweit vorn: bei den ersten Lockdowns, beim Impfen, zuletzt beim Boostern. Kann das Land auch jetzt ein Wegweiser sein?

Im Moment sieht es nicht danach aus, im Gegenteil. Erstmals seit Beginn der Corona-Krise bietet Israel in diesen Tagen ein eher konfuses Bild. Virologinnen und Virologen sagen, die Omikron-Welle rausche durchs Land „wie ein Tsunami“ – zur gleichen Zeit treffen sich die Israelis ganz gelassen und plaudernd in ihren Restaurants und Bars. Wie passt das alles zusammen?

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„Wir sind in einer komplizierten neuen Phase“: Warteschlange vor Drive-in-Tests am 6. Januar in Petach Tikwa vor den Toren Tel Avivs. © Quelle: Getty Images

Professor Zarka sitzt am Telefon und seufzt. Da spricht nicht der zackige „Covid-19-Zar“, als der er weltweit oft vorgestellt wird, sondern ein nachdenklicher Mann. „Wir sind in einer komplizierten neuen Phase“, räumt er ein.

„Der Feind hat neue Waffen“

Im März 2020 verfügte Israel sehr harte Kontakt­beschränkungen. Jetzt läuft fast alles normal weiter. Warum hat Zarka die Taktik geändert?

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„Weil das Virus sich verändert hat“, sagt er. Die Omikron-Variante breite sich so rasend schnell aus, dass es keinen Sinn habe, einen Lockdown nutzen zu wollen, um mögliche Ansteckungs­ketten nachzuverfolgen: „Bevor heute ein Gesundheitsamt irgend­jemanden warnen könnte, hat der Betroffene längst unzählige andere angesteckt.“

Zarka hat in der israelischen Armee gedient, zuletzt als Oberst und Brigade­general. Und er greift nach wie vor gern zu militärischen Vokabeln: „Der Feind hat neue Waffen, also brauchen wir eine neue Verteidigungs­strategie.“

„Wir müssen so viel wie möglich heraus­bekommen über den Feind“: Salman Zarka, früherer Armee­arzt und Brigade­general, in der Uniform der Israelischen Streitkräfte. © Quelle: IDF

Im Militärischen sieht er eine Fülle von Parallelen zur Virusabwehr, nicht nur sprachlich. Auch strategisch gebe es verblüffend viele Parallelen. „Wir müssen so viel wie möglich heraus­bekommen über den Feind. Das ist der erste Schritt, um das eigene Überleben zu sichern. Ein zweiter Schritt ist die intelligente Konzentration aller eigenen Anstrengungen auf das Wesentliche.“

Hoffnung auf die vierte Spritze

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Zarkas Schlachtplan gegen Omikron besteht aus nur drei zentralen Punkten. Erstens: Schutz besonders gefährdeter Gruppen, etwa in Alten- und Pflegeheimen. Zweitens: Absicherung system­relevanter Bereiche gegen massenhafte Krank­meldungen, etwa bei Sicherheit oder Energie­versorgung. Drittens: Vorbereitung des Gesundheits­wesens auf extrem viele Krankheits­fälle gleichzeitig.

Als erstes Land der Welt verabreicht Israel derzeit eine vierte Impfung an die Generation 60 plus sowie an Klinik­mitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Dabei spielt nicht zuletzt das Prinzip Hoffnung eine Rolle. Erste israelische Studien zeigten dieser Tage, dass die vierte Dosis die Zahl der Antikörper anfangs sogar verfünffacht – dass aber schon bald danach deren Präsenz im Blut wieder sehr stark zurückgeht.

Zarka sieht das pragmatisch: Die Zahl der Antikörper sei „nicht das entscheidende Thema“. Ihm sei nur wichtig: Wie sieht der klinische Verlauf aus im Fall der Erkrankung? „Nachdem die dritte Spritze uns gegen Delta geholfen hat, hoffen wir jetzt, dass uns die vierte Spritze gegen Omikron hilft.“

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Schutz besonders vulnerabler Gruppen: Die Bewohnerin eines Pflegeheims in der israelischen Stadt Tel Mond bekommt ihre vierte Spritze gegen Corona. © Quelle: Getty Images

Könnte sich, wenn Omikron jetzt so viele Menschen so schnell ansteckt, eine Herden­immunität ergeben? „Das ist nicht unsere Strategie“, sagt Zarka. „Denn niemand weiß ja, was nach Omikron kommt. In Südafrika waren viele Menschen mit Delta infiziert. Das hat sie nicht davor geschützt, später auch von der Omikron befallen zu werden.“

„Das Virus wird uns nicht auf Dauer stoppen“

Hat Zarka irgendeinen Trost für die unzähligen Menschen, die sich in einer Mischung aus Wut und Ungeduld nach einem Ende der Pandemie sehnen? Zarka sagt, er sei einerseits optimistisch, mache sich andererseits aber auch keine Illusionen. „Ich glaube, es ist keine gute Idee, nun ganz einfach zu hoffen, das Virus möge bitte bald verschwinden, ein für alle Mal.“

Wie aber sieht seine konkrete Perspektive aus für die virus­geplagte Menschheit? Bekommen wir unser altes Leben zurück?

„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagt Zarka.

Er weiß, dass das nicht nach einer Vision klingt, die die Leute vor Jubel vom Stuhl reißt. Doch er findet es unredlich, mit irgendeiner einfachen Antwort zu hantieren. Zarka plädiert für eine kluge Mixtur aus Zuversicht und Realismus, auch für eine größere Offenheit der Menschen für Uneindeutigkeiten.

„Das Virus wird uns nicht auf Dauer stoppen“, sagt er. „Wir alle werden uns wieder neue Ziele setzen und neue Träume realisieren können.“ Vieles werde irgendwann wieder sein wie vor der Pandemie, aber eben nicht alles: „Wir werden unser Leben zurück­bekommen, allerdings nicht genau so, wie es vorher war.“

Dauerhafte Wachsamkeit und „friedliche Koexistenz“

Auf Dauer werde eine höhere Wachsamkeit als früher erforderlich sein, betont Zarka. „Masken werden in manchen Situationen weiter eine Rolle spielen, Impfungen werden unverzichtbar sein, und das Leben zwischen zwei Wellen wird leichter sein, als wenn gerade wieder die Inzidenz einer neuen Variante ansteigt. Dann wird es nicht ratsam sein, etwa in ein Fußball­stadion zu gehen oder zu einer großen Party.“

„Das Leben zwischen zwei Wellen wird leichter sein“: Gay-Pride-Parade in Tel Aviv im Juni 2021. © Quelle: Ariel Schalit/AP/dpa

Nach einem glorreichen Sieg übers Virus hört sich das nicht an, eher nach „friedlicher Koexistenz“ – und nach fortgesetzter Anspannung.

Zarka lacht über diesen Vergleich, findet die Aussicht aber gar nicht so übel: „Sehen Sie sich Israel an, wir sind es gewohnt, mit einem solchen Zustand zu leben. Ringsum haben wir Feinde. Dennoch geht es uns gut, wir haben eine dynamische Wirtschaft, ein gutes Gesundheits­wesen, eine blühende Wissenschafts- und Kultur­landschaft.“

Der 58-Jährige gehört zu den wenigen Drusen, die es in Israel in hohe Regierungs­ämter geschafft haben. Für seine Arbeit, sagt er, spiele das keine Rolle: „Ach wissen Sie, wenn ich morgens in den Spiegel blicke, sehe ich eigentlich nur einen ganz normalen Menschen, einen Israeli. Ich teile mich selbst nicht in irgendwelche Kategorien ein, das mache ich auch bei anderen nicht. Ich habe eine wichtige Mission, die versuche ich zu erfüllen, mit vielen Kollegen, mit Drusen, Arabern, Juden. Wir strengen uns gemeinsam an und geben unser Bestes.“

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